Alfred Andersch

Alfred Andersch (1914 – 1980) war ein bedeutender Schriftsteller der deutschen Nachkriegsliteratur und Gründungsmitglied der Gruppe 47 um Hans Werner Richter, die sich der Erneuerung der deutschen Literatur nach dem Zweiten Weltkrieg verschrieben hatte. Sein Kollege Wolfgang Koeppen, ebenfalls ein Literat der Nachkriegszeit, sagte über Alfred Andersch: „Andersch war für mich die reinste Stimme von wenigen, die nach dem Untergang des Reiches, in Ruinen und Trümmern es wagten, ihre Wahrheit zu offenbaren. Andersch klagte die toten Mörder der Toten an." Anlässlich seines 100. Geburtstags im Februar 2014 war es für die Feuilletons Deutschlands Zeit, mal wieder einen Blick auf Alfred Andersch zu werfen.

So schrieb Tilmann Krause in der „Welt“ unter dem Titel „Er war der Mann, der stets alles verdarb“, er sei derjenige aus dem Dunstkreis der Gruppe 47 gewesen, von dem man am meisten erwarten durfte, „eine große Hoffnung der deutschen Literatur“, getrieben von dem Ehrgeiz, die großen deutschen Literaten wie Thomas Mann zu übertreffen. „Verglichen mit [dem Personal der Gruppe 47] war Alfred Andersch der urbane, weltläufige Ausnahmefall in der nivellierten Mittelstandsgesellschaft der deutschen Nachkriegsliteratur. Differenziert angelegt, reizbar, sophisticated, idiosynkratisch, sogar versehen mit bildungsbürgerlichen Spurenelementen.“ Bei aller Kritik ist deshalb nicht zu bestreiten, dass Alfred Anderschs Werk nach dem Zweiten Weltkrieg richtungsweisend war. Andersch war überzeugt von der politischen Wirksamkeit der Literatur und folgte dabei der Grundannahme, dass jede Literatur in sich Widerstand sei, sobald sie Dichtkunst ist. Im Umkehrschluss sind all seine Figuren Außenseiter, an denen er Zeitkritik zum Ausdruck bringt.

Es sind immer freie Individuen, die ihre Entscheidungen aus freien Stücken treffen, so wie Alfred Andersch einst die Entscheidung traf, die sein ganzes späteres Leben und Wirken beeinflussen sollte. Als Leiter einer kommunistischen Jugendgruppe war Andersch ein halbes Jahr im Konzentrationslager Dachau inhaftiert. Nach seiner Freilassung wurde er nach Italien geschickt, wo er die Gelegenheit nutzte und zu den Amerikanern desertierte. Der Schriftsteller Max Frisch bewertete  dies in einer Laudatio auf Alfred Andersch später so: „Die Desertion ist die Vokabel der Herrschaftssprache für eine Haltung, die unter Umständen moralisch die einzig verantwortbare ist." Dieses Streben nach Freiheit im politischen und existenzialistischen Sinn prägte dann das Gesamtwerk Anderschs, allem voran natürlich den Roman „Sansibar oder der letzte Grund“, der heute zur den Werken der Weltliteratur zählt. Darin treffen sich fünf Personen 1937 in der Ostseestadt Rerik. Sie alle sind durch die Nationalsozialisten (genannt „die Anderen“) in Bedrängnis geraten und suchen nun die Freiheit. Jede der fünf Figuren findet im Verlauf des Romans Freiheit auf ihre Weise: Pfarrer Helander leistet aktiven Widerstand gegen die Gestapo und stirbt dabei, Gregor kämpft mit der Kommunistischen Partei, der Fischer Knudsen verhilft der Jüdin zur Flucht nach Schweden. Individuelle Lösungen für freie Individuen, so wie die Desertation die individuelle Lösung für Alfred Andersch war.

Zur Gruppe 47 kam Alfred Andersch über die Zeitschrift „Der Ruf: Zeitung der deutschen Kriegsgefangenen“, an der er im Kriegsgefangenenlager Fort Philip Kearney in Rhode Island mitarbeitete. Das Projekt war Teil des amerikanischen Reeducation-Programms für die deutschen Kriegsgefangenen. Hier lernte Alfred Andersch Curt Vinz und Hans Werner Richter kennen, mit denen er die Zeitung nach der Rückkehr nach Deutschland unter dem Namen „Der Ruf – unabhängige Blätter der jungen Generation“ fortsetzte. Für Andersch und Richter war die Zeitung vor allem ein politisches Organ, das eine Brücke zwischen Ost und West schlagen wollte und auch Kritik an der amerikanischen Besatzungsmacht übte. Infolgedessen wurde sie verboten und durfte erst nach dem Ausschluss der Herausgeber Andersch und Richter wieder publizieren. Das erste Treffen für die Nachfolgezeitung „Der Skorpion“ geriet dann zur Geburtsstunde der Gruppe 47. „Der Ursprung der Gruppe 47 ist politisch-publizistischer Natur. Nicht Literaten schufen sie, sondern politisch engagierte Publizisten mit literarischen Ambitionen“, schrieb Hans Werner Richter.

In seinen späteren Jahren geriet Andersch unter anderem deshalb in die Kritik. 1960 schrieb Robert Neumann in seiner Rezension zu „Die Rote“, die unter dem Titel „Mein Feind Alfred Andersch“ in der „Zeit“ erschien, Andersch litte inzwischen unter einem nervösen Bedürfnis, „nichts zu versäumen und überall beim neuesten Neuesten mit dabei zu sein. Keine Masche, die er nicht mitmacht. Er ist Tachist, Beckettist, Genetiker, Ionescone, und jetzt ist er eben Neo-Verist oder wie immer er dieses sein neuestes Mätzchen nennt.“ Ein Avantgardist aber sei Andersch nie gewesen. „Er redet sich das nur ein. Er ist ein angry middle-aged man ohne wirklichen „anger“, er ist ständig in der Defensive gegen keine Attacke.“ 1980 starb Alfred Andersch in Locarno, wo er seit 1958 lebte, und hinterließ ein vielseitiges Gesamtwerk aus Romanen, Hörspielen, Filmdrehbüchern, Reisebeschreibungen, Gedichten, Kurzgeschichten und Erzählungen.

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Lesenswert ist auch die Biographie "Alfred Andersch: Eine Biographie" von Stephan Reinhardt.

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Sansibar oder der letzte Grund gehört zu den Werken der Gruppe 47.