Elisabeth Tova Bailey

Als Elisabeth Tova Bailey 34 Jahre alt war, erkrankte die amerikanische Biologin und Journalistin in einem kleinen Dorf in Europa an einem unbekannten Virus, der die folgenden 20 Jahre ihres Lebens nachhaltig prägen sollte. „Irgendetwas stimmt nicht mit meinem Körper“, erinnerte sie sich später in ihrem Buch „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“, in dem Poesie, Autobiografie und Naturbeobachtungen eine betörende Symbiose eingehen. „Alles fühlt sich verkehrt an.“ Heute weiß sie: „Der Krankheitserreger, der mich befallen hatte, war auf seine ganz eigene Weise auch ein Autor: Er schrieb die Anweisungen um, die innerhalb der einzelnen Zellen meines Körpers befolgt werden, und damit schrieb er letztendlich mein gesamtes Leben um und erklärte fast all meine Zukunftspläne für null und nichtig.“ Auf anfänglich grippeartige Symptome folgten ein systemischer, lähmungsartiger Schwächezustand und eine Störung des vegetativen Nervensystems. Die Zukunftsprognosen für Elisabeth Tova Bailey sahen nicht gut aus.

Sie verbrachte ganze Jahre ihres Lebens im Liegen, weil sie nicht sitzen konnte und zu schwach war, um etwas anderes zu tun, als die Augen offen zu halten und am Leben zu bleiben. Da brachte ihr eine Freundin von einem Spaziergang im von Bailey so geliebten Wald eine kleine Pflanze mit, in deren Topf sie eine Schnecke gesetzt hatte. Nach anfänglicher Scheu begannen Elisabeth Tova Bailey und ihre neue Zimmergenossin sich einander anzunähern. Mit der Geduld derer, deren Leben selbst auf Schneckentempo abgebremst wurde, beobachtete sie die Expeditionen ihrer kleinen Freundin und entwickelte ein immer stärkeres Interesse an dem kleinen Wesen, das Tag für Tag neue Wunder offenbarte. Ein Jahr verbrachten Elisabeth Tova Bailey und die Schnecke in einer wunderbaren Symbiose. In der Sicherheit des Waldterrariums am Bett der Autorin fühlte sich die Schnecke sogar sicher genug, ihre Eier abzulegen und eine neue Generation von Schnecken in das Leben von Bailey zu bringen.

Jahre später, nachdem die Krankheit endlich überwunden war, ließ sich Elisabeth Tova Bailey noch einmal voll und ganz auf das Wesen der Schnecken ein und recherchierte alles, was es zum Thema Schnecken zu lesen gab. Das Ergebnis ist „Das Geräusch einer Schnecke beim Essen“, ein Buch von bezaubernder Langsamkeit, das von einem glasklaren Blick für Details lebt und beim Lesen einen meditativen Sog entfaltet. Das Buch in der Hand wird zum Schatz und brachte Elisabeth Tova Bailey zu Recht viele Preise, darunter den National Outdoor Book Award (2010) und den William Saroyan International Prize for Writing (2012), ein. Ein Jahr nach der Veröffentlichung ihres Buches legte sie in ihrem Essay „A Green World Deep in Winter“ dar, wie sich ein Terrarium positiv auf bettlägerige Patienten auswirken kann. Sie selbst ist der beste Beweis dafür. Heute führt Elisabeth Tova Bailey beinah wieder ein normales Leben. „Es gibt viel zu tun, so schnell oder langsam, wie es mir eben möglich ist“, schrieb sie an einem späten Winterabend in ihr Tagebuch. „Ich muss die Schnecke in Erinnerung behalten. Immer die Schnecke in Erinnerung behalten.“

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