Benni-Mama

Wer genau die Autorin hinter dem Pseudonym Benni-Mama ist, spielt eigentlich keine Rolle – im Kindergarten ihres Sohnes Ben hat das schließlich auch lange Zeit niemanden interessiert. Als Mutter von Ben wurde sie dort ziemlich schnell zu „Benni-Mama“ degradiert. Richtige Namen, Beruf und sonstige Interessen waren für die anderen Kindergarten-Eltern vollkommen uninteressant. Wichtig war nur, welche Nahrungsmittel Ben nicht vertrug, dass er zu Hause blieb, sobald der Rotz eine bestimmte Nuance der Farbskala erreicht hatte, und dass sie flexibel genug war, sich zur Arbeitsgruppe Laternenumzug zu treffen. Benni-Mama hatte Glück: Als freie Autorin und Journalistin arbeitet sie von zu Hause aus und kann sich ihre Zeit frei einteilen. Bevor sie sich jedoch in der privilegierten Situation sah, ihren Sohn in einer Elterninitiative untergebracht zu haben, verbrachte Benni-Mama Monate damit, zu betteln, sich zu erniedrigen, zu lügen, zu beschönigen, zu erfinden, hinterher zu telefonieren, Kuchen zu backen und auf Tagen der offenen Tür herumzustehen und so zu tun, als fände sie alles, was dort besprochen wurde, auch irrsinnig wichtig. All das beschreibt sie so humorvoll in ihrem Buch „Große Ärsche auf kleinen Stühlen“, dass man sich fühlt, als wäre man als gute Freundin dabei gewesen. Benni-Mama verfügt nämlich über eine außerordentliche Beobachtungsgabe und über das Talent, Menschen mit all ihren Neurosen und kleinen Ticks, mit ihren Unzulänglichkeiten und liebenswerten Schwächen zu zeichnen, ohne dass sich jemand auf den Schlips getreten fühlt. Viel eher gelingt es ihr, das Absurde der obligatorischen Elternabende, auf denen sich große Ärsche auf kleine Stühle zwängen, in Bilder zu fassen, denen eine eigene Komik innewohnt, ohne dabei jemanden zu verletzen. Inzwischen kennt man im Kindergarten auch den richtigen Namen von Benni-Mama, dem Leser bleibt der aber weiterhin vorbehalten. So wird Benni-Mamas Geschichte exemplarisch – denn so wie ihr dürfte es zahllosen Kindergarteneltern in Deutschland gehen. Sie alle finden sich in der einen oder anderen Form in „Große Ärsche auf kleinen Stühlen“ wieder. So viel ist sicher!

 

Literaturtipps.de hat mit Benni-Mama über ihr Buch besprochen:

Literaturtipps.de: „Große Ärsche auf kleinen Stühlen“ ist eine humorvolle, deshalb aber nicht weniger wahre Darstellung des Alltags als Kindergartenmama. Warum haben Sie das Buch geschrieben – und warum jetzt?


Benni-Mama: Ich bin selber Mutter eines Kindergarten-Kindes, das jetzt auch schon seit einigen Jahren und das heißt natürlich auch, dass ich jetzt schon Stunden, wenn nicht sogar Tage meines Lebens in Elternabenden verbracht habe, wo wir über wahnsinnig wichtige Dinge diskutiert haben, wie „Wie viel frische Luft kann möglicherweise schädlich sein für die Kinder?“,  „Welche Farbe auf der Rotz-Farbskala darf der Kinderrotz haben, damit das Kind gerade eben noch kitatauglich ist und nicht eigentlich zu krank?“, „Werden unsere Kinder zu religiösen Fanatikern, weil wir einen Sankt Martinstags-Umzug und keinen Laternenumzug veranstalten?“. Und all diese Dinge. Und immer wenn ich da saß, hab ich manchmal so in meiner Verzweiflung gedacht, da müsste man eigentlich mal ein Buch drüber schreiben. Und da ich mit Schreiben meinen Lebensunterhalt finanziere, dachte ich, warum sollte ich nicht darüber ein Buch schreiben?


Literaturtipps.de: Was ist Benni-Mama eigentlich für ein merkwürdiger Name?


Benni-Mama: Ja, Benni-Mama ist natürlich ein völlig bescheuerter Name, finde ich auch. Ich habe mir den nicht ausgesucht. Das war allerdings tatsächlich ganz lange mein Name. Als ich Kita-Mutter wurde, wusste kein Mensch, wie ich wirklich heiße. Und ich war ganz, ganz lange, monatelang war ich Benni-Mama. Also die Mutter von Ben. Es wusste auch keiner, was ich beruflich mache, oder was mich sonst so ausmacht. Und das war für mich auch irgendwie so ein Symbol dafür, was mit einem passiert. Vor allem mit Frauen passiert, wenn sie Mütter werden. Sie verschwinden als Person vollkommen hinter der Mutterschaft und werden auch von allen anderen nur noch wahrgenommen als die Mutter dieses Kindes. Man fängt ja auch an, von sich selber immer nur noch in der dritten Person zu reden. Also man sagt zu seinem Kind nicht: „Ich mach das jetzt.“, sondern „Die Mama macht dir jetzt dein Fläschchen“, „Die Mama ist ja da“, „Die Mama geht mal eben schnell raus“. Und ja, genau das symbolisiert im Grunde dieser Name für mich: Benni-Mama, das totale Verschwinden des eigenen Ichs hinter der Mutterschaft.

 

Literaturtipps.de: Als Sie den Kindergartenplatz für Ben bekommen haben, träumten Sie von „Kind UND Karriere“. Und? Funktioniert das? Und wenn ja, wie?


Benni-Mama:Jain, also es geht schon, aber vor allem am Anfang ist es schwierig. Ich dachte natürlich auch erst, ja super, mein Kind ist dann von 9 bis 16 Uhr im Kindergarten, in der Zeit kann ich wahnsinnig viel arbeiten, total irre durchstarten im Beruf, das wird gar kein Problem. Aber de facto ist es natürlich so, dass diese Kinder permanent krank sind. Gerade am Anfang sind die immer drei Wochen krank und dann eine Woche gesund - und die eine Woche, in der die Kinder gesund sind, ist man selber krank, weil man sich den Magen-Darm-Virus eben auch noch schnell selber eingefangen hat. Also man ist ganz viel mit Krankenschwester-Tätigkeiten beschäftigt. Und dann erwartet der Kindergarten natürlich, dass man massiv mit am Start ist, wenn es darum geht, Wandertage zu bestreiten oder Kuchenbuffets zu bestücken, oder die Räume neu zu streichen, oder, wenn die Erzieher krank sind, auszuhelfen. Und das ist im Grunde eine Art Zweitjob. Also das ist der Zweitjob, den ich machen muss, um meinen Erstjob ausführen zu können sozusagen. Der Zweitjob ist mein Job im Kindergarten.


Literaturtipps.de: Sie beschreiben die Eltern in ihrer Kita als echte Fanatiker, wie etwa Bio-Bärbel, für die gesunde Ernährung das wichtigste auf der Welt zu sein schein. Ständig wird sich heftig über scheinbar unwichtige Dinge gestritten. Wie viel Wahrheit steckt dahinter?


Benni-Mama: Oh, sehr viel Wahrheit. Das ist gar nicht so überzeichnet, wie man vielleicht denken könnte. Das liegt daran, dass – glaube ich – mit der Elternschaft irgendwie so ein Teil im Gehirn einfach wegschmort, sobald das Kind auf der Welt ist und da würde ich mich gar nicht ausnehmen. Eltern neigen zu Fanatismus und jeder hat da eben so sein Steckenpferd. Und da jeder seine eigene Brut natürlich besonders wichtig findet und glaubt, dass man selber das auch besonders richtig macht mit den Kindern, entsteht halt so der Anspruch, so wie ich das mache, ist es eigentlich für alle Kinder gut. Und bei dem einen ist das halt die Ernährung. Es gibt die Leute, die ihre Kinder komplett zuckerfrei, glutenfrei ernähren und Eltern, die glauben, die Kinder werden sofort zu Zombies, sobald sie mal das Sandmännchen gesehen haben, weil Fernsehen dumm macht, oder Eltern, die glauben, die Kinder werden religiös indoktriniert, wenn man Sankt Martinsumzug feiern will, also Elternschaft geht mit Fanatismus einher und diese Diskussionen, so wie sie im Buch sind, haben tatsächlich so oder so ähnlich stattgefunden. Das ist gar nicht so überspitzt, wie man vielleicht annehmen könnte.

 

Literaturtipps.de: Was geben Sie jungen Eltern als Rat mit auf den Weg, wenn sie einen Kindergartenplatz ergattern wollen?


Benni-Mama:Also wer einen der wenigen Kita-Plätze ergattern möchte, der sollte wahnsinnig früh anfangen mit der Suche. Am besten direkt nach dem Zeugungsakt in die nächste Kindertagesstätte marschieren und sich darauf gefasst machen, dass man lange, lange, lange ganz schlimm betteln muss, auf irgendwelchen Tagen der offenen Tür rumstehen muss jedes Wochenende und immer so tun muss, als fände man das alles wahnsinnig bedeutsam und ganz toll und ganz wichtig. Man muss viel schleimen. Jetzt stehe ich ja inzwischen auf der anderen Seite. Das heißt, ich bin eine von denjenigen, die auswählen darf, wer in unserem Kindergarten einen neuen Platz für sein Kind bekommt. Ich mache das absolut subjektiv. Es ist mir völlig egal, wer da wie auf der Warteliste steht. Die Eltern sollen nett sein, sich selbst nicht zu ernst nehmen, ihr Kind nicht für hochbegabt halten und möglichst noch einen praktischen Beruf haben. Also ganz toll ist, wenn jemand schreinern kann oder was von Elektrotechnik versteht oder Kfz-Mechaniker ist. Das ist sehr nützlich, sowas kann man immer brauchen. Und bei der Vorstellung mit den eigenen Neurosen und Fanastismen noch ein bisschen hinterm Berg halten und erst beim ersten Elternabend erzählen, dass man sein Kind – keine Ahnung – ausschließlich von Körnern ernährt.

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