Stefano D’Arrigo

Stefano D’Arrigo hat ein Mammutwerk der Weltliteratur geschrieben. (c) Paola AGOSTI/Opale/StudioXWelche Bedeutung Stefano D’Arrigo (1919 – 1992) für die Literaturgeschichte hat, lässt sich ganz leicht an dem Jubel erkennen, der in den deutschen Medien ausbrach, als sein Roman „Horcynus Orca“, der jahrzehntelang als unübersetzbar galt und so selbst zu einer Art legendenumwobenen Mythos geworden war, endlich in der deutschen Übersetzung erschien. Man nennt D’Arrigo in einer Reihe mit James Joyce, Gertrude Stein oder Arno Schmidt und vergleicht sein Mammutwerk „Horcynus Orca“ ohne zu zögern mit den ganz Großen der Weltliteratur, mit Prousts „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“, Homers „Odyssee“ und Melvilles „Moby Dick“. Stefano D' Arrigo sei einer „der großen Sprachspieler der Weltliteratur“, sagte Denis Scheck. Niemand anderes als er gebe in seinem Roman die Regeln vor, ohne sich dabei um Konventionen zu scheren, formulierte der begeisterte Literaturkritiker von „druckfrisch“ im Ersten.

Stefano D’Arrigo war ein Autor, wie es sie heute – seit der Erfindung des Computers, wie der SPIEGEL schrieb – nicht mehr gibt. Gemeint sind Autoren, die in einer ganz eigenen Welt leben. In seinem Haus, so D’Arrigo später, habe es in der Zeit, die er sich zur Überarbeitung seines Opus magnum genommen habe, ausgesehen wie bei Proust: „Wäscheleinen, quer durchs Wohnzimmer gespannt, an denen mit Wäscheklammern befestigt die Fahnen mit ihren an den unteren Rändern angeklebten Ergänzungsseiten herabhingen, gelegentlich bis zu sieben oder acht an der Zahl, oder mit Einschüben, die wie Leporellos an die seitlichen Ränder geklebt wurden.“ D’Arrigo hatte die Druckfahnen seines Romans 1961 für eine vierwöchige Korrektur vom Verleger zurückerhalten. 13 Jahre später bekam Arnoldo Mondadori das Manuskript zurück, vollkommen überarbeitet und auf 1257 eng bedruckte Seiten angewachsen. Dennoch wurde „Horcynus Orca“ - der Titel ist eine Abwandlung des wissenschaftlichen Namens des Orcawals – ein Erfolg. Schuld daran war sicher neben der packenden Geschichte des sizilianischen Matrosen ‘Ndrja Cambrìa, der während des Zweiten Weltkriegs versucht, in seien Heimat zurückzukehren, auch die eigenwillige kunstvolle Sprache D’Arrigos. Das italienische Original ist durchsetzt von „dialektalen Einflüssen, Sizialismen und zahllosen eigenen Wortschöpfungen“ (SPIEGEL). Kein Wunder, dass das Werk viele Jahre lang als unübersetzbar galt.

Stefano D’Arrigo selbst stammte aus der sizilianischen Küstenstadt Alì Terme. Er studierte Literaturwissenschaften in Messina und schrieb seine Examensarbeit über Friedrich Hölderlin. Im Zweiten Weltkrieg war D’Arrigo in Palermo stationiert und siedelte später nach Rom über, wo er für verschiedene Tageszeitungen schrieb. Bereits 1950 kündigte er seiner Frau und Lebensbegleiterin Jutta in einem Brief an, er wolle sich mit einem literarischen Werk von großem epischen Atem beschäftigen und schien zu diesem Zeitpunkt schon die ersten Ideen für „Horcynus Orca“, sein Hauptwerk im Kopf gehabt zu haben. Sicher ist jedoch, dass er seit Mitte der 1950er Jahre an nichts anderem mehr arbeitete. 1957 lieferte er das erste Manuskript ab. Es hatte einen Umfang von knapp 600 Seiten und trug den Arbeitstitel „La testa del delfino“, was übersetzt „Der Kopf des Delfins“ bedeutet. Es folgten Überarbeitungen und der Literaturpreis Premio Cino del Duca, der dem Entwurf bereits 1958 zugesprochen wurde. Die zwei eingereichten Kapitel des Buches sollten daraufhin in der Literaturzeitschrift „Menabò“ erscheinen. Auch D’Arrigos zukünftiger Verleger, Arnoldo Mondadori, wurde auf den Text aufmerksam und bot ihm einen Vertrag  für die Veröffentlichung an. 1960 durfte „Menabò“ die versprochenen zwei Kapitel veröffentlichen.

Bis der Roman selbst erschien, sollte es jedoch noch viele Jahre dauern, denn Stefano D’Arrigo nahm sich 13 Jahre Zeit, sein großes Werk zu überarbeiten, zu ergänzen, zu verwerfen und umzustellen. 1975 erschien die Erstauflage in Italien, doch das war noch nicht das Ende der Arbeit an dem Roman. Bis zu seinem Tode feilte D’Arrigo an seinem Hauptwerk – sowohl sprachlich als auch inhaltlich. Doch das ist nicht der einzige Grund, warum die Übersetzung von „Horcynus Orca“ erst 2015 in Deutschland veröffentlicht wurde: Der Roman galt als unübersetzbar. Doch der Übersetzer Moshe Kahn ließ nicht locker und schaffte in acht Jahren geduldiger Arbeit das, was als unmöglich gegolten hatte. Dafür erhielt er 2015 den Deutsch-Italienischen Übersetzungspreis und war für den Übersetzerpreis der Leipziger Buchmesse nominiert. 1992 starb Stefano D’Arrigo und hinterließ der Welt neben seinem Mammutwerk nur noch einen Gedichtband und einen weiteren Roman mit dem Titel „Cima delle nobildonne“, also „Der Gipfel der Edelfrauen“.

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