Jeffrey Eugenides

Jeffrey Eugenides zählt zu den Stars der amerikanischen Gegenwartsliteratur. © Gasper Tringale Jeffrey Eugenides (Jahrgang 1960) ist einer der wichtigsten amerikanischen Autoren der Gegenwart. Für seinen Roman „Middlesex“ bekam er 2003 den Pulitzer-Preis und den „Welt“-Literaturpreis. Die Verfilmung seines Debüts „The Virgin Suicides“ durch Sofia Coppola verhalf dem Roman zum Welterfolg. Aufgewachsen in einem wohlhabenden Vorort von Detroit und ohne finanzielle Nöte entschloss sich Jeffrey Eugenides früh, Schriftsteller zu werden. Er schrieb sich an der elitären Brown-Universität ein und rundete das klassische Literaturstudium mit einem Master of Arts in Kreativem Schreiben an der Stanford-Universität ab. Nachdem er zeitweise in Detroit, New York und Berlin lebte, wohnt er heute mit seiner Frau, der Künstlerin Karen Yamauchi, und seiner Tochter in Princeton. Hier lehrt er als Professor Kreatives Schreiben. Seit 2014 hat er außerdem die Ehrendoktorwürde der Brown-Universität inne.

Jeffrey Eugenides ist Autor dreier Romane und dutzender Kurzgeschichten, die in renommierten Magazinen, wie „The New Yorker“ und dem „Paris Book Review“, veröffentlicht wurden. Als literarische Persönlichkeit befindet er sich unter den wichtigsten Chronisten des postmodernen Amerikas. Häufig wird er mit Zeitgenossen wie Jonathan Franzen oder David Foster Wallace verglichen, ähnelt sich doch das gesellschaftskritische Themenspektrum sehr. Die Autoren sind Vertreter des sogenannten Rekonstruktivismus, eine Art neuem postmodernen Realismus, der die Erzählung selbst wieder in den Vordergrund rückt. Jeffrey Eugenides widmet sich in seinem Werk einer scharfsinnigen Bestandsaufnahme der pathologischen Obsessionen und Abgründe der amerikanischen Wohlstandsgesellschaft des späten 20. Jahrhunderts.

Schon in seinem Erstlingswerk kommt dies zum Ausdruck: „Die Selbstmordschwestern“ von 1993 erzählt die morbide Geschichte von fünf Schwestern, die in einem Sommer in den 1970ern kollektiv Selbstmord begehen. Erzählt wird aus der Perspektive der frühpubertären Nachbarsjungen, die gemeinsam über die überirdisch schönen Mädchen im Nachbarhaus phantasieren. Die Sprache des Romans spiegelt die Handlung wieder: Erst graziös und zart wird sie von Seite zu Seite düsterer und abgründiger. Die in der Jugendblüte stehenden Mädchen weigern sich, den Zwängen ihres strengen Elternhauses zu obliegen und begehen im Selbstmord die ultimative Rebellion. Sie verweigern sich der Welt und dem Erwachsenwerden und verlieren doch ihre Unschuld auf brutale Weise.

Der zweite Roman „Middlesex“, den Jeffrey Eugenides 2003 während seiner Berliner Zeit als Stipendiat des Deutschen Akademischen Auslanddiensts (DAAD) vollendete, bricht ebenfalls mit gesellschaftlichen Tabus. Angelegt als Familiensaga, die Kontinente und Generationen überbrückt, ist der Protagonist ein Hermaphrodit. Zunächst lebt er als Mann, doch im Laufe der Handlung offenbart er seine Intersexualität. Wie auch „Die Selbstmordschwestern“, das in Jeffrey Eugenides’ Heimatort Grosse Pointe spielt, haben die Schauplätze von „Middlesex“ einen autobiografischen Bezug. Die Hauptfigur lebt, wie der Autor, zeitweise in Berlin und später in Detroit, das immer wieder von Streiks und „Rassen“-Turbulenzen heimgesucht wird. Dazu ist der Protagonist, wie der Autor, ein Nachkomme griechischer Einwanderer und hat mit fremdenfeindlichen Vorurteilen zu kämpfen.

Autobiographische Bezüge lassen sich auch in Jeffrey Eugenides’ bislang letztem Roman von 2011 finden: „Die Liebeshandlung“ beschreibt die Identitätssuche dreier Figuren, die sich in einem klassischen Liebesdreieck befinden. Mit einem Elite-Uniabschluss in der Tasche sind die Lebenskrisen der drei Protagonisten existentialistischer Natur. Mit viel Ironie und Selbstreflexivität beschreibt das Buch das Nachdenken der Studentin Madeleine über das literarische Muster der Liebeshandlung im viktorianischen Roman - ein Nachdenken, das vehement übersieht, dass sie sich selbst mitten in einem Liebesdreieck befindet, welches aus der Feder von Jane Austen höchstpersönlich stammen könnte. Es ist das Spiel zwischen Handlungs- und Meta-Ebene, das den Roman so besonders macht. Der Autor selbst erklärt im Interview: „‘Die Liebeshandlung‘ lässt sich postmodern als Dekonstruktion der Liebe lesen und zugleich als Liebesgeschichte“ (Die Welt).

Jeffrey Eugenides’ preisgekrönte Literatur beschreibt eine Welt, die den Verlust der eigenen Unschuld nicht verkraftet, eine Welt in der Grenzen und Normen verschwinden, sich neu sortieren und in der neue sinnstiftende Elemente gefunden werden müssen. Die Identitätskrisen der Generation X und Y und die Suche nach einem neuen Bildnis des eigenen Selbst stehen immer wieder im Zentrum seiner literarischen Erhebungen der sozialen und psychologischen Beschaffenheit der heutigen Gesellschaft.

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