Lion Feuchtwanger

Lion Feuchtwanger (1884 – 1958) gilt als einer der größten deutschsprachigen Literaten des 20. Jahrhunderts. Vor allem seine historischen Romane, in denen er es hervorragend verstand, aktuelle Probleme in historischem Gewand zu bearbeiten, begründen seinen heutigen Weltruhm. Einige seiner Werk, darunter „Jud Süß“, zählen zu den großen Klassikern der Weltliteratur. Feuchtwanger stammt aus einer jüdisch-orthodoxen Münchener Familie des Bildungsbürgertums. Seine Brüder sollten später als Jurist und Schriftsteller Karriere machen und auch Lion Feuchtwangers Talent zum Schreiben zeichnete sich schon früh ab. Bereits in der Schule wurde er für seine Texte ausgezeichnet. Nach dem Abitur studierte Feuchtwanger Geschichte, Philosophie und Deutsche Philologie in München und Berlin. Er promovierte über Heinrich Heine und gründete anschließend seine Kulturzeitschrift "Der Spiegel“, die später mit Siegfried Jacobsohns Zeitschrift „Die Schaubühne“ fusionierte. Bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges schrieb Lion Feuchtwanger für das Magazin. Während des Krieges diente er kurzzeitig beim Militär, wurde aber aus gesundheitlichen Gründen frühzeitig entlassen. Nach dem Krieg erkannte Feuchtwanger das große Talent von Bertolt Brecht, zu dessen Förderer er werden sollte. Die beiden großen Literaten verband eine lebenslange, enge Freundschaft.

Hatte Feuchtwanger zunächst vor allem mit seinen Dramen Erfolge gefeiert, verlegte er nun nach und nach seinen Schwerpunkt auf historische Romane. Auch sein größter Erfolg, „Jud Süß“, erzählt eine Geschichte aus dem 18. Jahrhundert. Das Buch erschien 1925, fand aber in Deutschland wegen der Behandlung des Antisemitismus zunächst keinen Verleger. International wurde der Roman jedoch bald ein Erfolg. Es folgte der Bestseller „Die häßliche Herzogin Margarete Maultasch“. In den frühen 30er Jahren gehörte Lion Feuchtwanger zu den intellektuellen Kreisen Berlins, die sich für den Kosmopolitismus (und damit auch gegen den jüdischen Nationalismus) aussprachen. Schon früh erkannte er die Gefahren, die von Hitler und der NSDAP ausgingen. Sein Roman „Erfolg“ enthält eine deutlich erkennbare Karikatur Hitlers und brachte Feuchtwanger zunehmend in Gefahr. Sensibel habe er darin das Aufkommen das Nationalsozialismus erspürt, schrieb Hellmuth Karasek 2015 über den Roman, den er zu den "25 Büchern auf Deutsch, die jeder gelesen haben sollte" zählte. Schon bald galt er als einer der intellektuellen Hauptgegner der nationalsozialistischen Partei und es blieb ihm keine andere Wahl als zu emigrieren. Seit 1933 lebte Feuchtwanger zunächst im französischen, dann im amerikanischen Exil, von wo aus er die Exilliteratur maßgeblich mitprägte. Seit 1941 wohnte er in Kalifornien, wo er die Filmrechte für seine Bücher verkaufte und den Aurora-Verlag mitbegründete. In der McCarthy-Ära geriet Feuchtwanger erneut in das Visier eines Systems. Er wurde als Linksintellektueller argwöhnisch beäugt und gleichzeitig in der DDR als Antifaschist und kommunistischer Sympathisant mit dem Nationalpreis der DDR 1. Klasse für Kunst und Literatur geehrt.

1955 veröffentlichte Lion Feuchtwanger seinen beeindruckenden vorletzten Roman: „Die Jüdin von Toledo“. Ganz im Sinne Lessings, der mit der Ringparabel in seinem "Nathan der Weise" für Toleranz zwischen den Religionen plädierte, macht Feuchtwanger deutlich, dass keine der drei Weltreligionen besser ist als die andere. Gotthold Ephraim Lessing war damals beseelt vom Geist der Aufklärung, die Gleichheit statt Ständeordnung, Freiheit statt Absolutismus forderte. Bei Lion Feuchtwanger war der Hintergrund ein anderer. Gerade einmal zehn Jahre waren bei der Veröffentlichung seit dem Ende des Zweiten Weltkrieges vergangen. Der Schrecken steckte den Menschen in aller Welt – insbesondere den Juden Europas – noch immer in den Knochen. Als Humanist und Weltenbürger hatte Lion Feuchtwanger die die Entwicklungen in Deutschland von Anfang an mit viel Sorge beobachtet. Davon zeugt zum Beispiel seine „Wartesaal-Trilogie“, die ihn als hellsichtigen Chronisten Nazi-Deutschlands präsentiert. In „Die Jüdin von Toledo“ stellt Lion Feuchtwanger Islam, Judentum und Christentum einander gegenüber, maßt es sich aber nicht an, eine der drei Weltreligionen als die einzig Richtige zu benennen. Stattdessen betont er ihre Gemeinsamkeiten und ruft so zum Frieden zwischen den Religionen auf, auf das sich der Schrecken des Zweiten Weltkrieges nie wiederholen möge. Das macht Feuchtwangers „Die Jüdin von Toledo“ zu einem Klassiker, der heute noch so aktuell ist wie vor knapp 60 Jahren. 1957 erkrankte Lion Feuchtwanger an Nierenkrebs und verstarb 1958.

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