Iwan Aleksandrowitsch Gontscharow

Iwan Aleksandrowitsch Gontscharow (1812 – 1891) wuchs als ältester Sohn von Kaufleuten auf einem großen Bauernhof auf. Schon als Kind las er viel und begeisterte sich später für Puschkin. Als junger Mann studierte er Philologie an der Moskauer Universität und arbeitete danach als Beamter. Diese Arbeit erfüllte ihn jedoch nicht, und so fing er aus Langeweile an zu dichten und zu schreiben. Als zu dieser Zeit Puschkin an den Folgen eines Duells starb, war Iwan Aleksandrowitsch Gontscharow sehr betroffen - er verspürte einen tiefen Schmerz, als habe er einen nahe stehenden Menschen verloren.1844 schrieb er seinen ersten Roman, „Eine alltägliche Geschichte“, welchen er später Belinksi, einem zu seiner Zeit berühmten Literaturkritiker, vorlas. Belinski war sogleich begeistert und half ihm dabei, den Roman zu veröffentlichen. In der Öffentlichkeit löste das neue Werk Begeisterung aus und Gontscharow wurde als der neue Gogol gefeiert. Doch nicht alle waren euphorisch – als Skeptiker erwies sich ausgerechnet Turgenev. Beide Zeitgenossen beschäftigten sich in ihren Werken mit der sozialen Krise des Landes, differenzierten sich aber deutlich in ihrer Meinung. Der Konflikt verschärfte sich, als Gontscharow Turgenev vorwarf, sich Ideen aus dessen berühmtem Klassiker „Oblomow“ zu Eigen gemacht zu haben. Unterdessen war das neu entdeckte und gefeierte Genie Iwan Aleksandrowitsch Gontscharow tief unglücklich. Er fand in der Welt keinen  Platz für sich und glaubte, mit 35 sei sein Leben nicht mehr lebenswert. Um dieser Depression zu entfliehen, begann er 1852 eine Weltreise und schrieb währenddessen den Reisebericht „Fregatte Pallas“, in dem er seine bemerkenswerte Beobachtungsgabe unter Beweis stellte. Nach der Reise ging Gontscharow an sein nächstes Werk, er schrieb „Oblomow“. Dieser Roman wurde eine Sensation:  Menschen stürmten Buchhandlungen und Bibliotheken, um das Buch zu ergattern. Lenin persönlich lobte den Roman und nannte „Oblomow“ ein Ebenbild der sozialen Trägheit und des Rückstandes - mit solchen Menschen sei eine Revolution nicht realisierbar. Trotz des Erfolges war Iwan Aleksandrowitsch Gontscharow bis zum Ende seiner Tage einsam und unglücklich. Da er  keine eigene Familie hatte, kümmerte er sich die letzten 30 Jahre seines Lebens um die Kinder seines verstorbenen Dieners und vererbte dieser Familie sein gesamtes Vermögen. Gontscharow steht international bis heute im Schatten seiner weltberühmten Zeitgenossen Dostojewski, Tostoi oder Turgenev. Leider zu Unrecht, denn die Werke von Iwan Aleksandrowitsch Gontscharow sind in Russland gleichermaßen anerkannte Klassiker.

 

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