Michail Gorbatschow

Michail Gorbatschows Politik veränderte die Welt. In seinem Buch erinnert er sich.Michail Gorbatschow (Jahrgang 1931) war von 1985 bis 1991 der letzte Präsident der Sowjetunion. Mit seinem Reformprogramm von Glasnost und Perestroika brachte er den Wandel, der letztendlich zum Ende des Kalten Krieges und zum Ende der Teilung Deutschlands führte. 2013 veröffentlichte er unter dem Titel „Alles zu seiner Zeit: Mein Leben“ seine bewegende und sehr persönliche Autobiografie. Michail Gorbatschow wuchs in einer Kolchose als Sohn von Bauern auf und machte eine Ausbildung zum Mähdreschermechaniker, bevor er begann, in Moskau Jura zu studieren. Das war ein in der Sowjetunion üblicher Weg: Die Kinder von Arbeitern und Bauern sollten an die Universitäten gehen, während man die Kinder der Intellektuellen auch in die Betriebe und in die Landwirtschaft schickte. Während des Studiums in Moskau lernte Gorbatschow seine geliebte Frau Raissa kennen, mit der er verheiratet war, bis sie 1999 starb.

Nachdem Michail Gorbatschow sein Studium beendet hatte, zogen die beiden in den nördlichen Kaukasus, wo Gorbatschow, der inzwischen Mitglied der KPdSU, der Kommunistischen Partei der Sowjetunion, geworden war, seine politische Laufbahn begann. Im heimatlichen Stawropol schloss er ein Studium zum Agrarbetriebswirt am Landwirtschaftlichen Institut an und verfolgte dabei ehrgeizig seine politischen Ambitionen weiter. Er begann seine Karriere als Apparatschick, also Partei-Funktionär, und wurde 1970 zum Ersten Sekretär für Landwirtschaft berufen. Schon ein Jahr später wurde er Mitglied des Zentralkomitees. Der Sprung in die Kreml-Führungsspitze gelang Michail Gorbatschow, als der Zentralkomitee-Sekretär für Landwirtschaft, F. Kulakow, ein Förderer Gorbatschows, plötzlich verstarb und Gorbatschow dessen Platz einnahm.

Seit 1980 war er dann Vollmitglied des Politbüros und damit beinahe an der Spitze der Macht. In dieser Position erhielt er auch das Privileg, das Ausland zu bereisen. Anstatt darauf zu beharren, dass die Sowjetunion immer den richtigen Standpunkt vertrat, war Gorbatschow stets offen für Diskussionen und neue Perspektiven. Darin unterschied er sich sehr stark von seinen Vorgängern. Diese Besuche im Ausland sollten sowohl seine politischen als auch seine sozialen Ansichten sehr stark prägen. Margaret Thatcher, damals Premierministerin von Großbritannien, erkannte schon früh, dass Gorbatschow anders war als seine Vorgänger und dass er eine Veränderung bewirken könnte. In einem BBC-Interview sagte sie 1984: „I like Mr. Gorbachev. We can do business together“. Nach dem Tod des Generalsekretärs Konstantin Tschernenko wurde Michail Gorbatschow 1985 zum zweitjüngsten Generalsekretär in der Geschichte der Kommunistischen Partei gewählt. Im Alter von nur 54 Jahren schritt er sofort energisch zur Tat, startete die größte Anti-Alkohol-Kampagne des Landes und führte das Konzept von Glasnost (Offenheit) und Perestroika (Umbau) in die Politik der Sowjetunion ein. Im Gegensatz zu all seinen Vorgängern erkannte er die Fehler, die unter Stalin gemacht wurden, öffentlich an und bekannte sich zu den Verbrechen während des Zweiten Weltkrieges. Darüber hinaus rehabilitierte er Oppositionelle aus der Zeit der Stalinistischen Säuberung, distanzierte sich von der Breschnew-Doktrin und stellte eine Abrüstung in Aussicht.

Alles in allem wehte ein frischer, neuer Wind durch die Sowjetunion, dessen Auswirkungen im gesamten Ostblock zu spüren waren. Am 14. März 1990 wurde Michail Gorbatschow zum Präsidenten der UdSSR gewählt und erhielt im gleichen Jahr den Friedensnobelpreis. Sein neuer Kurs, der zu einer stärkeren Demokratisierung in der Sowjetunion führte, läutete zugleich das Ende seiner politischen Karriere ein, denn die Kommunistische Partei verlor nun fortlaufend an Macht und Einfluss, was letztendlich zum Zusammenbruch der Sowjetunion und des Ostblocks führte. Innerhalb kürzester Zeit erklärten alle Sowjetrepubliken ihre Unabhängigkeit. In der Teilrepublik Russland, die sich ebenfalls von der Sowjetunion souverän erklärt hatte, verbot der Präsident Boris Jelzin die Tätigkeit der KPdSU – just in dem Moment, in dem Gorbatschow eine Rede vor dem russischen Parlament hielt. Damit war die Partei Gorbatschows de facto für illegal erklärt worden – und Gorbatschow war vor aller Augen entmachtet und lächerlich gemacht worden. Am 25. Dezember 1991 trat er als Präsident der Sowjetunion zurück.

An all das erinnert sich Michail Gorbatschow in seinem Buch „Alles zu seiner Zeit: Mein Leben“. Er gilt inzwischen als einer der härtesten Kritiker Wladimir Putins, dem er unter anderem unfaire Wahlkampfmethoden vorwirft. Im Februar 2012 sagte er in einer Rede vor einer Moskauer Universität, Russland brauche eine neue Perestroika, sonst drohten die Proteste gegen den Kreml auf den Plätzen und Straßen der Städte zu eskalieren. "Während der Perestroika haben wir viele Chancen versäumt", zitiert SPIEGEL Online Gorbatschow. "Lasst uns jetzt diese nicht verpassen." Ähnlich kritische – auch selbstkritische – Reflexionen enthält das Buch „Alles zu seiner Zeit“, in dem sich Michail Gorbatschow sehr reif, ehrlich und offen mit seinem Lebenswerk auseinandersetzt. Statt nüchterner politischer Analysen bekommt der Leser einen sehr privaten Einblick in die Gedankenwelt und in die Erinnerungen des Mannes, der maßgeblich dazu beigetragen hat, dass sich unsere Welt 1989/90 so sehr verändert hat.

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