Andreas Gryphius

Andreas Gryphius (1616 – 1664) war der Inbegriff des barocken Menschen: Kurz vor Ausbruch des Dreißigjährigen Krieges geboren erlebte Gryphius schon früh, dass nichts in der Welt von Bestand ist und wurde sich der Vergänglichkeit des Seins bewusst, als in recht rascher Folge sein Vater und seine Mutter starben. Die ersten 28 Jahre seines Lebens waren von Krieg geprägt und das Leiden zieht sich – wie auch der Vanitas-Gedanke – wie ein roter Faden durch sein ganzes Leben. Immer wieder finden wir in seinen Sonetten den verzweifelten Versuch, zu verstehen, wie Gott solches Leiden zulassen könne, wofür er die Menschen bestrafe. Melancholie und Schwermut prägen das Gesamtwerk von Andreas Gryphius. Damit eignet es sich wunderbar, um das Wesen des Barock zu verstehen.

Diese Literaturepoche war von zwei Extremen geprägt: Einerseits dem unbändigen Hunger nach Leben und Liebe, andererseits dem Bewusstsein, dass alles Leben endlich ist und der Tod stets hinter der nächsten Ecke lauern könnte. Dreißig Jahre Krieg in Europa hatten die Menschen desillusioniert, zermürbt und gebrochen. Kaum ein anderer Dichter jener Epoche hat das so gut zum Ausdruck gebracht wie Andreas Gryphius. Auch das verzweifelte Krallen an den Glauben als letzte Stütze, als Hoffnungsfunken auf dem Weg ins Jenseits, findet sich in seinen Werken wieder. „Du siehst, wohin du siehst nur Eitelkeit auf Erden“, so beginnt Gryphius sein wohl bekanntestes Gedicht „Es ist alles eitel“. „Was dieser heute baut, reißt jener morgen ein:/ Wo itzund Städte stehn, wird eine Wiese sein/ Auf der ein Schäferskind wird spielen mit den Herden:/ Was itzund prächtig blüht, soll bald zertreten werden./ Was itzt so pocht und trotzt ist Morgen Asch und Bein/ Nichts ist, das ewig sei, kein Erz, kein Marmorstein./ Itzt lacht das Glück uns an, bald donnern die Beschwerden.“ Nicht einmal in jenen Momenten, in denen sich das Leben von seiner schönen Seite zeigte, konnte Gryphius das ständig drohende Grauen abschütteln und sich von dem Gedanken befreien, dass alles endlich und nichts von Dauer sei.

Doch die Gedichte von Andreas Gryphius sind nicht nur als Ausdruck persönlicher Befindlichkeiten zu betrachten. Das wäre viel zu kurz gefasst: Gryphius war auch ein Chronist seiner Zeit. Das wohl eindrücklichste literarische Zeugnis des Dreißigjährigen Krieges ist sein Sonett „Tränen des Vaterlandes“, das auch unter dem Namen „Anno 1636“ bekannt ist. „Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr den ganz verheeret!“ heißt es da über den Zustand des Deutschen Reiches nach 18 Jahren Krieg. „Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun/ Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Karthaun/ Hat aller Schweiß, und Fleiß, und Vorrat auf gezehret.“ Damals ahnte Andreas Gryphius freilich nicht, dass noch 12 Jahre des Krieges vor ihnen lagen. Er sieht nur: „Dreimal sind schon sechs Jahr, als unser Ströme Flut,/ Von Leichen fast verstopft, sich langsam fort gedrungen,/ Doch schweig ich noch von dem, was ärger als der Tod,/ Was grimmer den die Pest, und Glut und Hungersnot,/ Das auch der Seelen Schatz so vielen abgezwungen.“

Der Verlust der Seele und des Glaubens wiegt für einen streng gläubigen Mann wie Andreas Gryphius, immerhin Sohn eines Archidiakons, ungleich schlimmer als der Tod, der ja immerhin die Möglichkeit auf das Paradies enthielt. Trotz all der Leiden, die Gryphius im Laufe seines Lebens sah, blieb ihm sein Glaube bis zum Ende erhalten. Als Protestant sah sich Gryphius nach der Zerstörung seiner Heimatstadt religiösen Verfolgungen ausgesetzt. Sein Weltbild war jedoch viel vielschichtiger, als dies zunächst den Anschein hat. Er studierte in Leiden Philosophie (u.a. bei René Descartes) und reiste viel. Sein  facettenreiches Werk zeugt von einer großen Produktivität des Dichters, die durch zahlreiche, ausgedehnte Auslandsaufenthalte und die anhaltenden politischen Umwälzungen des 17. Jahrhunderts befeuert wurde. All das spiegelt sich in seinen Gedichten,  Trauer- und Lustspielen und in seiner Prosa wider. Unruhe, Einsamkeit und Zerrissenheit sind wiederkehrende Motive in den Dichtungen von Andreas Gryphius. Einen guten Überblick über das Gesamtwerk kann man sich in dem Band „Andreas Gryphius: Gesammelte Werke“ verschaffen, der ein detailreiches Bild seiner Zeit zeichnet.

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