Ulla Hahn

Ulla Hahn hat mit ihren Gedichten die Bestsellerlisten erreicht. © Julia BraunUlla Hahn (Jahrgang 1946) ist etwas gelungen, wovon viele Dichter und Dichterinnen nur träumen können: Sie konnte eine breite Masse für ihre Gedichte begeistern. Viel zu selten kommt es vor, dass es ein Gedichtband auf die Bestsellerlisten schaffte. Ulla Hahns „Herz über Kopf“ war eine der wenigen Ausnahmen. Marcel Reich-Ranicki hatte das schon früh erkannt und die junge Frau gefördert. Er veröffentlichte einige ihrer Gedichte in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und besprach ihre Werke mit viel Lob. Und er sollte recht behalten: Bis heute gehört Ulla Hahn zu den beliebtesten und bedeutendsten Lyrikern der deutschen Gegenwartsliteratur. Ihre Gedichtbände wurden mehrfach ausgezeichnet und erfreuen sich auch bei der Leserschaft großer Beliebtheit.

Einem breiten Publikum wurde Ulla Hahn aber auch erst durch ihre Romane bekannt. Die Arbeitertochter, die in Köln Germanistik, Soziologie und Geschichte studiert und danach als Lehrbeauftragte und Literaturredakteurin gearbeitet hatte, veröffentlichte 1991, zehn Jahre nach dem Erfolg von „Herz über Kopf“, ihren ersten Roman. „Ein Mann im Haus“ lässt schon jene Tendenzen erkennen, die sich durch alle folgenden Werke der Autorin ziehen sollten. Immer spielt das römisch-katholische Milieu der westdeutschen Provinz eine wichtige Rolle. In „Ein Mann im Haus“ ist es die junge Goldschmiedin Maria, die sich in ihrer katholischen Kleinstadt an ihrem Liebhaber, dem Küster und Chordirigenten des Ortes, rächen will, von dem sie sich gedemütigt sieht.

Auch in  „Das verborgene Wort“ (2001), dem Anfang einer großen Trilogie, lässt sie uns durch die Augen eines Mädchens das katholisch geprägte Rheinland der Nachkriegszeit erkunden. Das enge Milieu wird zu viel für das junge Mädchen und es drängt sie aus der Starre des Elternhauses in die Welt der Bücher. 2002 erhielt Ulla Hahn den Deutschen Buchpreis für den Roman, der 2006 unter dem Titel „Teufelsbraten“ verfilmt wurde. „Das verborgene Wort“ war der Auftakt zu einem literarischen Großprojekt. In drei Bänden zeichnet Ulla Hahn den Lebensweg der jungen Hildegard Palm, genannt Hilla, nach. Hilla wuchs als Arbeiterkind (hier die Analogie zu Hahns eigenem Lebensweg) in einem Dorf am Rhein nördlich von Köln auf. Kinder, Küche, Kirche waren die drei wichtigen „K“s, die damals das Leben junger Frauen wie Hilla bestimmen sollten. Doch Hilla will mehr. Sie träumt von der großen weiten Welt, von Freiheit, von Abitur, Studium und Selbstbestimmtheit. Diesen Weg dürfen die Leser über drei Bände mitverfolgen: Auf „Das verborgene Wort“ folgte 2009 „Aufbruch“ und 2014 schloss Ulla Hahn die Trilogie mit „Spiel der Zeit“ ab. „Spiel der Zeit“ ist der Abschluss des autobiografischen Bildungsepos‘, das den Namen Ulla Hahn auch unter Prosa-Freunden etabliert hat. Immer deutlicher wird dabei, dass es sich bei Hilla um niemand anderen handelt als Ulla Hahn selbst. Und immer deutlicher wird auch die Obsession der Autorin mit ihrem jüngeren Ich.

Eine Obsession, die sie dazu antrieb, weiterzuschreiben, obwohl die Literaturkritik mit „Das verborgene Wort“ nicht gerade liebevoll umgegangen war. Sogar ihr einstiger Förderer, Marcel Reich-Ranicki, scheute im Literarischen Quartett nicht davor zurück, das Buch zu verreißen. Ulla Hahn schrieb dennoch weiter. Den Grund dafür liefern ihre Bücher selbst, die von der Zielstrebigkeit und Entschlossenheit der jungen Frau berichten, die sich aus der Enge der Provinz befreite, im zweiten Bildungsweg studierte und heute als freie Autorin in Hamburg lebt, wo sie mit dem ehemaligen Ersten Bürgermeister der Hansestadt, Klaus von Dohnanyi, verheiratet ist. Dass noch ein vierter Teil folgen wird, ist nicht ausgeschlossen, denn das „Leben der 1968-er Studentin Hilla und ihres leicht buckligen Gefährten Hugo (in dessen Buckel sich freilich Engelsflügel verbergen), könne mit Mitte zwanzig noch nicht zu Ende sein“ (Tagesspiegel). Es muss noch etwas geben nach der sexuellen Revolution, nach Haschparties und Debatten über das Geschlechtsleben auf dem Kirchentag. Und so wird nach 1.200 Seiten für Ulla Hahn immer noch nicht Schluss sein. Ob man sich darüber freut, oder „Spiel der Zeit“ lieber als passenden Schluss gesehen hätte, muss dann jeder Leser selbst entscheiden.

Unsere Buchtipps - Diese Bücher von Ulla Hahn empfehlen wir Ihnen:

Hildegard Palm-Trilogie:

Weitere Romane von Ulla Hahn:

 

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