Gerhart Hauptmann

Gerhart Hauptmann (1862 – 1946) gilt als der Meister des deutschen Naturalismus und Wegbereiter einer neuen, modernen deutschen Literatur. Mit seiner novellistischen Studie „Bahnwärter Thiel“ schuf Hauptmann das Paradewerk der Epoche, das die Grundansätze des Naturalismus vereinte und ihn zu seinen schönsten Blüten trieb. Dafür wurde Gerhart Hauptmann 1912 vollkommen zu Recht mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet. Schon als Kind war er für seine Fabulierfreude bekannt, konnte sich aber vor allem in der Schule niemals so richtig einpassen. Gerhart Hauptmann stammte aus einfachen Verhältnissen und schaffte gerade so die Aufnahmeprüfung auf die Realschule von Breslau. Dort bereiteten ihm vor allem die Härte der Lehrer und die Bevorzugung adeliger Mitschüler Schwierigkeiten. Zahlreiche erfundene oder reale Krankheiten hielten den jungen Hauptmann dann auch immer wieder vom Unterricht fern. An einem Lungenleiden, an dem er in jungen Jahren erkrankte, sollte er sein ganzes Leben lang leiden. Mehr als ein Mal brachte es ihn in akute Lebensgefahr. Damit war er weder für harte körperliche Arbeiten noch für eine akademische Laufbahn geeignet, wie sich bald zeigen sollte. 1880 nahm er ein Studium in der Bildhauerklasse der Königlichen Kunst- und Gewerbeschule in Breslau auf, musste dieses jedoch bald wegen „schlechten Betragens und unzureichenden Fleißes“ wieder abbrechen. Auch ein zweiter Versuch scheiterte: Sein Studium der Philosophie und Literaturgeschichte in Jena dauerte ebenfalls nur wenige Monate. Die Ablehnung, die er gegenüber der Institution Schule empfand, sollte dann auch zeit seines Lebens nicht verschwinden. Stattdessen hegte Gerhart Hauptmann schon in jungen Jahren eine Begeisterung für das Theater von Breslau. Inspiriert von den Dichtern der Klassik unternahm Gerhart Hauptmann eine Italienreise, wie sie auch Johann Wolfgang von Goethe unternommen hatte. Ein Versuch, sich in Rom als Bildhauer niederzulassen, scheiterte. Zurück in Deutschland begann und beendete er in kurzer Zeit zwei erfolglose Studienversuche: Zeichnen in Dresden und Geschichte in Berlin. Die Leidenschaft für das Theater litt darunter nicht. Im Gegenteil: Anfang der 1890er Jahre schrieb Hauptmann einige seiner bekanntesten Dramen, darunter „Der Biberpelz“. Bereits 1888 hatte er die novellistische Studie „Bahnwärter Thiel“ fertiggestellt und das Drama „Vor Sonnenaufgang“ veröffentlicht. Der große Durchbruch gelang Gerhart Hauptmann mit dem Theaterstück „Die Weber“. Das soziale Drama behandelt den Weberaufstand von 1844 und galt als revolutionär, machte es doch die arbeitende Klasse zu Protagonisten. Bis dahin waren es die bürgerlichen und adligen Schichten, deren Leiden und Lieben in Dramen verarbeitet wurden. Gerhart Hauptmann aber wagte es mit seinem Stück nicht nur, auf die Missstände in der industrialisierten Gesellschaft aufmerksam zu machen, sondern – wenigstens nach Auffassung einiger Experten – zu einem Wiederaufleben der gescheiterten Revolution aufzurufen. Theodor Fontane lobte „Die Weber“ in höchsten Tönen und verlieh Hauptmann damit den Ritterschlag. 1910 erschien Hauptmanns erster Roman: „Der Narr in Christo Emanuel Quint“. Zwei Jahre später erhielt er in „Anerkennung für sein fruchtbares und vielseitiges Wirken im Bereich der dramatischen Dichtung“ den Literaturnobelpreis. Noch immer konnte sich Gerhart Hauptmann aber nicht mit den Großen und Mächtigen aussöhnen. Kaiser Wilhelm II. hatte keine hohe Meinung von dem „sozialdemokratischen Dichter“ und verweigerte ihm sogar Auszeichnungen. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges sprach sich Hauptmann ganz offen gegen den Krieg aus. Seiner Popularität tat dies keinen Abbruch. Im Ausland war Gerhart Hauptmann der deutsche Schriftsteller schlechthin und im Inland finanzierte er sich seinen Lebensunterhalt mit den Verfilmungen und Fortsetzungsromanen seiner Werke. Auch die Nationalsozialisten wussten, wie wichtig Gerhart Hauptmann für den deutschen Literaturbetrieb war, und versuchten alles, um ihn an der Emigration zu hindern. Adolf Hitler selbst ließ ihn 1944 auf die „Gottbegnadeten-Liste“ setzen und befreite ihn als „unersetzlichen Künstler“ von sämtlichen Kriegsverpflichtungen. 1946, gerade als er aus Schlesien ausgewiesen werden sollte, starb Hauptmann an einer Bronchitis. So hatte das Lungenleiden letztendlich doch seinen Tribut eingefordert. Der Grabstein von Gerhart Hauptmann steht, nur mit seinem Namenszug beschrieben, in Kloster auf Hiddensee und erinnert an den großen deutschen Naturalisten, der mit „Die Weber“ und „Bahnwärter Thiel“ unvergessliche Werke der deutschen Literatur hinterlassen hat.

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