Christian Hofmann von Hofmannswaldau

Wenn Andreas Gryphius das eine Extrem des Barock zum Ausdruck brachte – Melancholie und Schwermut, die sich in dem Leitsatz „Memento mori“ widerspiegelten – dann war Christian Hofmann von Hofmannswaldau (1616 – 1679) ganz sicher der Hauptvertreter des anderen Extrems. Der Barock war zerrissen zwischen dem ständigen Bewusstsein des lauernden Todes und der unbändigen Lebenslust, die in dem Leitsatz „Carpe diem!“ zum Ausdruck kam. Genieße den Tag. Was bei dem streng gläubigen Gryphius das Jenseits war, war für Christian Hofmann von Hofmannswaldau das Diesseits. Was für jenen der Ernst war, war für den anderen das Spiel. Was für Gryphius Askese war, war für Hofmann von Hofmannswaldau ausgelebte Erotik. Als Begründer der sogenannten „Galanten Poesie“ wagte es Christian Hofmann von Hofmannswaldau, ganz offen erotische Handlungen zu beschreiben, bediente sich sogar religiöser Bilder, um die Sinnes- und Fleischeslust zum Ausdruck zu bringen. Sie stehen stellvertretend für den Hunger nach Leben, für den Genuss des Augenblicks und für den Grundgedanken, das Schöne aus den Vollen schöpfen zu wollen. „Nun wohl! diß urthel mag geschehen,/Daß Venus meiner freyheit schatz/In diesen strudel möge drehen,/Wenn nur auff einem kleinen platz,/In deinem schooß durch vieles schwimmen,/Ich kan mit meinem ruder klimmen“, heißt es zum Beispiel in einem Liebesgedicht von Hofmann von Hofmannswaldau. Noch heute ist uns ihr spielerischer, doppeldeutiger Charakter mehr als bewusst, der im starken Kontrast zu anderen Dichtungen des 17. Jahrhunderts steht. Weitere Erkennungsmerkmale der Gedichte von Christian Hofmann von Hofmannswaldau sind die Überraschungseffekte, etwa der geistreiche Witz des Dichters oder die ungewöhnlichen Metaphern, sowie die Musikalität der Sprache. Doch auch bei ihm ist nicht alles eitel Sonnenschein. Das Vanitas-Motiv, der Gedanke von der Vergänglichkeit allen Seins zieht sich wie ein roter Faden durch sein Werk. Nur lässt sich Hofmann von Hofmannswaldau davon nicht in die Schwermut herab reißen. Vielmehr ist der Gedanke für ihn Anlass, das Leben umso mehr zu genießen. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass Hofmann von Hofmannswaldau in seinem Leben weniger schmerzhafte Verluste erlitten hat. Er war der Spross einer Patrizierfamilie aus Schlesien. Sein Vater war Beamter am Kriegszahlamt in Wien und wurde kurz vor Christians Geburt in den Adelsstand erhoben. Hofmann von Hofmannswaldau verlor seine Mutter schon im Alter von fünf Jahren. Er besuchte – genau wie Andreas Gryphius – das Gymnasium in Danzig und schloss hier Freundschaft mit Martin Opitz, der das schriftstellerische Schaffen seines jungen Freundes nachhaltig prägen sollte. Nach dem Abitur folgte er weiter den Spuren Gryphius‘ und ging ebenfalls nach Leiden, wo er Rechtswissenschaften studierte. Die Niederlande erlebten damals ein Goldenes Zeitalter, das durch Wohlstand, Bildung und religiöse Freiheit geprägt war. Das hatte eine beinah magnetische Wirkung auf die Schriftsteller des Barock. Es kam, wie es kommen musste: In Amsterdam lernte er schließlich Gryphius kennen. Auf zahlreichen Reisen durch England, Frankreich und Italien eignete sich Christian Hofmann von Hofmannswaldau eine umfassende humanistische Bildung und einen offenen Geist an. Er wurde wegen seiner Weltgewandtheit und breiten Kenntnis der europäischen Literatur geschätzt und 1647 in Breslau zum Ratsschöffen gewählt. Die politische Karriere, die nun folgte, war beachtlich: Bis zu seinem Tod im Jahr 1679 schaffte er es zum Ratspräses und damit Bürgermeister der Stadt Breslau sowie zum Landeshauptmann des Erbfürstentums Breslau. Kaiser Leopold I. ernannte ihn in Wien zum Kaiserlichen Rat. Zu dieser Zeit hatte er verständlicherweise wenig Zeit, sich dem schriftstellerischen Schaffen zu widmen. Seine bekanntesten Gedichte, die auch in dem Band „Christian Hofmann von Hofmannswaldau: Gedichte“ versammelt sind, entstammen deshalb seinen frühen Jahren, also etwa aus den 1640er Jahren. Sie wurden von Hand zu Hand gereicht und immer wieder kopiert und abgeschrieben. Erst recht spät, kurz vor seinem Tod, sah er sich deshalb zur Veröffentlichung seiner Texte veranlasst, um die Urheberschaft zu klären. Später wurden ihm laszive und obszöne Verse zugeschrieben, die von anderen, unbekannten Dichtern verfasst worden waren. Häufig wurde er für diese geschmäht. Doch auch die Texte aus seiner Feder fanden sich immer wieder dem Spott ausgesetzt: Frivolität, Obszönität und Schwülstigkeit waren die gängigsten Vorwürfe. Heute sind die Texte von Christian Hofmann von Hofmannswaldau wichtige Zeitdokumente, die uns einen Einblick in das Leben im Barock und zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges gewähren.

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