Aldous Huxley

Der britische Schriftsteller Aldous Huxley (1894 – 1963) darf auf keinen Fall fehlen, wenn man eine Liste der Autoren erstellt, die Weltliteratur geschrieben haben. Und er darf ebenso wenig fehlen, wenn es um einflussreiche Science Fiction und Dystrophie geht. Anfang des 20. Jahrhunderts, ein Jahr vor der Machtergreifung Hitlers, schuf Huxley eine Zukunftsversion, die sich deutlich von dem unterschied, was andere Sci-Fi-Autoren dieser Zeit schrieben. Anders als George Orwell, der in seinem Klassiker „1984“ einen totalitären Überwachungsstaat entwirft, wählt Huxley einen Ansatz, der schon damals wesentlich wahrscheinlicher war – und sich in gerade einmal 80 Jahren bewahrheitet hat. In seinem Roman der Weltliteratur „Schöne Neue Welt“ besteht die Bedrohung nicht in totalitärer Überwachung und Prävention, in brutaler Unterdrückung und Einschüchterung, sondern in der willenlosen Gleichschaltung aller Menschen. In Aldous Huxleys schöner neuer Welt sind Armut, Elend, Krankheiten und Unruhen überwunden. Alle Menschen leben in einer gleichgeschalteten Wolke ewiger Zufriedenheit und unendlichen Wohlgefühls, ausbalanciert durch regelmäßigen Konsum, Sex und Drogen. Eingelullt in eine Welt, in der „Stabilität, Frieden und Freiheit“ gewährleistet sind, haben die Menschen aufgehört, das System zu hinterfragen. Menschliche Themen, wie individuelle Freiheit, Kunst und Solidarität, sind längst auf der Strecke geblieben. Kritisches Denken und gar Hinterfragen der Weltordnung sind in dieser Welt nicht vorgesehen. Stattdessen lässt sich die Menschheit von einer kleinen Gruppe Kontrolleure, den Alpha-Plus-Menschen, durch ein ewiges Meer der Glückseligkeit führen. Es ist beachtlich, wie deutlich Aldous Huxley bereits in den 1930er Jahren erkannt haben muss, wohin der Weg die Menschen des 20. Jahrhunderts führen würde. Und noch beachtlicher ist es, wie es ihm gelungen ist, uns die immanente Gefahr dieses Szenarios so eindrücklich zu vermitteln, dass sich die Angst davor tief einnistet und in uns Wurzeln schlägt. Nur wenige Jahre nach der Veröffentlichung dämmerte es Huxley, dass sein Utopia schon jetzt viel näher war, „als irgendjemand es sich vor nur fünfzehn Jahren hätte vorstellen können.“ „Damals verlegte ich diese Utopie sechshundert Jahre in die Zukunft. Heute scheint es durchaus möglich, daß uns dieser Schrecken binnen eines einzigen Jahrhunderts auf den Hals kommt; das heißt, wenn wir in der Zwischenzeit davon absehen, einander zu Staub zu zersprengen." Diese Worte zeigen die weise Voraussicht Huxleys, denn er hatte mit beiden Aussagen recht. Der Zweite Weltkrieg und der anschließende Kalte Krieg hätten die Welt, wie wir sie kennen, beinahe zerstört. Als diese Zeit der akuten militärischen Bedrohung vorüber war, trat das von Aldous Huxley entworfene Horror-Szenario ein: eine Konsum-Gesellschaft, die kaum noch in der Lage ist, sich und ihre Strukturen zu hinterfragen, die sich von den Medien in Sicherheit wiegen und allzu leicht ablenken lässt, die sich zufrieden gibt, wenn Drogen jeder Art günstig und leicht verfügbar sind und wenn nur oft genug halbnackte Mädchen über den Fernsehbildschirm flimmern. Wer Aldous Huxley vor 20 oder 30 Jahren in der Schule gelesen hat – immerhin ist das Buch abiturrelevante Lektüre – und es jetzt noch einmal zur Hand nimmt, dem wird schmerzlich bewusst, dass er damals wesentliche Anzeichen übersehen hat – und sich heute mitten in Huxleys „Schöner Neuer Welt“ wiederfindet. Insofern gehört der Klassiker zu den Büchern, die mit der Zeit immer mehr an Bedeutung gewinnen, zu jenen, die häufiger gelesen werden sollten, je mehr Jahre vergehen. Es gehört aber leider auch zu den Büchern, die genau wegen des Szenarios, das sie beschrieben haben und dass sich nun verwirklicht, immer weniger gelesen werden. Unsere eindringliche Empfehlung lautet deshalb, Aldous Huxley und seine „Schöne Neue Welt“ zur Pflichtlektüre zu machen, um zu verhindern, dass die Utopie darin schneller Wirklichkeit wird, als uns lieb sein kann. Und wenn man schon dabei ist, kann man auch andere Romane aus dem umfangreichen Gesamtwerk von Aldous Huxley lesen, etwa „Kontrapunkt des Lebens“, ein autobiografisch geprägter Roman über die Gesellschaftsverhältnisse der 1920er Jahre, oder „Zeit muss enden“. Des Weiteren hat Huxley mehrere Drehbücher (u.a. für die Literaturverfilmung von Jane Austens „Stolz und Vorurteil“), Kurzgeschichten, Essays, Reiseberichte, Gedichte und sogar ein Kinderbuch geschrieben. Im Laufe seines späteren Lebens unterzog sich Huxley selbst mehrerer Experimente mit dem halluzinogenen Alkaloid Meskalin und prägte für seine Erfahrungen damit den Begriff „psychedelic“, der heute in den allgemeinen Sprachgebrauch übergegangen ist. Der Droge ist es vielleicht auch zu verdanken, dass Huxleys letzter Roman eine Gegenposition zu „Schöne Neue Welt“ vertritt: „Island“ stellt dem Klassiker eine positive Utopie entgegen. Vielleicht ist dieser letzte Roman der endgültige Beweis dafür, dass sich das Szenario aus „Schöne Neue Welt“ bewahrheiten wird und wir alle unter Drogen die Kritikfähigkeit verlieren werden. Vielleicht ist es aber auch das Buch eines älteren Mannes, der Frieden mit der Welt geschlossen hat. 1963 starb Aldous Huxley in Los Angeles.

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