Adam Johnson

Adam Johnson hat sechs Jahre für seinen Roman über Nordkorea recherchiert. © Tamara Beckwith/Suhrkamp VerlagAdam Johnson (Jahrgang 1967) ist ein US-amerikanischer Autor, der für seinen Roman „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, einen furiosen Roman, für den Johnson ganze sechs Jahre recherchierte und schließlich sogar selbst in das abgeschottete Nordkorea reiste.

Im Interview mit seinem amerikanischen Lektor sagte Adam Johnson: „Über Politik, Militär und Wirtschaft Nordkoreas wurde schon viel geschrieben, mich hat jedoch mehr der menschliche Aspekt dabei interessiert.“ Deshalb kreierte er einen Helden, der den Leser von Anfang an berührt und dem man voller Vertrauen über die Meere, durch Straflager und schließlich bis in die Höhle des Löwen folgt. Dabei gewährt Johnson Einblicke in das Leben in Nordkorea, die uns bislang vollkommen fremd sind. Das Land könnte ebenso auf einem anderen Planeten oder in einer weit zurückliegenden Zeit liegen – und doch geschieht all das, was Adam Johnson in „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ beschreibt, eben in diesem Augenblick in einem Land unserer Erde.

Adam Johnson gelingt also etwas, was vor ihm noch niemand gewagt bzw. so kunstvoll umgesetzt hat: Er lüftet den Vorhang, der sich eng um das abgeschottete Nordkorea geschlossen hat, lässt uns hindurch schlüpfen und lässt uns viel Zeit, um uns umzusehen. Wir begegnen Menschen, die vollkommen real zu sein scheinen, lernen sie und ihre Gewohnheiten kennen, die in diesem engen Korsett aus Regeln und Verboten von unseren abweichen – und dann doch wieder nicht so verschieden sind. „Ich habe mich gefragt, wie Familien diese Unterdrückung aushalten, wie sie angesichts der allgegenwärtigen Propaganda ihre Identität bewahren und ob Paare ungeachtet der Gefahr trotzdem noch ihre geheimsten Gedanken miteinander teilen“, erklärte Adam Johnson seinen Ansatz. Dass die Geschichte, die daraus entstanden ist, so glaubwürdig ist, liegt vor allem daran, dass Adam Johnson trotz aller Schwierigkeiten nicht aufgehört hat, fundiert zu recherchieren. Die Faktenlage über dieses rätselhafte Land ist schlecht und nur zu selten hat man Gelegenheit, mit jemandem aus Nordkorea zu sprechen. Doch Adam Johnson recherchierte akribisch sechs Jahre lang und fing so alles ein, was am Ende zu Jun Do verschmolzen ist.

Als Adam Johnson, der an der Arizona State University und an der McNeese State University studiert hat und heute als Schriftsteller in San Francisco lebt, die Gelegenheit erhielt, nach Nordkorea zu reisen, hatte er schon einige Jahre für sein Buch recherchiert. „Aufgrund meiner Recherchen für den Roman wusste ich genau, welche Sehenswürdigkeiten ich besuchen wollte. Meine Aufpasser waren begeistert, dass ich Interesse an den Denkmälern hatte, auf die man im Land sehr stolz ist, wie zum Beispiel dem Friedhof der Revolutionshelden (der im Buch eine wichtige Rolle spielt) oder den Gewächshäusern, in denen die Nationalblumen Kimjongilia und Kimilsungia gezüchtet werden. Aber als ich dann Fragen zu einem völlig altmodischen Vergnügungspark hatte, schlug mir auf einmal großes Misstrauen entgegen. Dass ich mich erkundigte, warum man nirgendwo in der Hauptstadt Behinderte sah, wo die Feuerwehren waren und wie die Post zugestellt wurde, wenn es doch keine Briefkästen gab, machte die Sache nicht unbedingt besser“, erinnert sich Adam Johnson an seinen Besuch in Nordkorea. Schnell merkte er vor Ort, dass alle Menschen, mit denen er sprach, ein spezielles Training durchlaufen hatten, wie mit amerikanischen Besuchern umzugehen sei. Normalerweise ist es den Bürgern Nordkoreas nämlich verboten, mit Ausländern zu sprechen. Eine echte Unterhaltung war also praktisch unmöglich. Manche Figuren, wie etwa den Vernehmungsbeamten, musste sich Adam Johnson deshalb beinah vollständig ausdenken, ohne ihn auf eine fundierte Recherche begründen zu können.

Dennoch ist der Autor überzeugt, dass das der Glaubwürdigkeit und Authentizität seines Buches keinen Abbruch tut. „Wenn man Literatur als Fiktion betrachtet, die eine tiefere Wahrheit transportiert, dann empfinde ich mein Buch durchaus als eine sehr genaue Darstellung dessen, wie die Grundsätze des Totalitarismus das Menschliche in uns vernichten: Freiheit, Kunst, Optionen, Identität, Ausdrucksmöglichkeiten, Liebe“, sagte er im Interview mit seinem Lektor und erklärte dann: „Die überwiegende Mehrheit der schockierenden Aspekte in meinem Buch basiert auf der Realität. Die Lautsprecher, die Gulags, der Hunger, die Entführungen. […]Ehrlich gesagt hatte ich das Gefühl, Nordkoreas tatsächliche Schwärze noch etwas verharmlosen zu müssen. Es ist teilweise so schlimm dort, die Zwangsabtreibungen, Amputationen und Massenexekutionen im Kwan-li-so-Straflager beispielsweise, dass ich mir die Sache mit der Zwangsblutabnahme als einen etwas weniger grausigen Ersatz ausgedacht habe.“

„Und da man – abgesehen von Satellitenbildern und den Aussagen von Regimegegnern – nur wenig über Nordkorea wirklich sicher weiß, scheint mir dies eine Angelegenheit zu sein, in der die Vorstellungskraft von Literatur unser bestes Mittel ist, die menschliche Dimension einer solch schwer fassbaren Gesellschaft aufzudecken.“ Diese Meinung teilen offenbar nicht nur seines Leser, sondern auch die Jurys diverser Literaturpreise. 2013 erhielt Adam Johnson für „Das geraubte Leben des Waisen Jun Do“ zunächst den Pulitzer-Preis für den besten Roman und später den Dayton Literary Peace Prize. Doch letztendlich ist für Adam Johnson klar: „Wir wissen erst dann wirklich, wie man einen Roman schreibt, der in Nordkorea spielt, wenn nordkoreanische Autoren endlich selbst ihre Geschichten erzählen dürfen. Ich hoffe, dass dieser Tag bald kommt.“ Der Erfolg seines Romans lenkte die Aufmerksamkeit des Publikums auch auf frühere Publikationen von Adam Johnson, etwa seinen Roman „Parasites Like Us“, für den er ebenfalls viele Preise erhalten hatte, und seinen Band mit Kurzgeschichten, der 2002 unter dem Titel „Emporium“ erschienen ist. Beide Werke sind noch nicht in deutscher Übersetzung erhältlich. Aber auch das wird sich hoffentlich noch ändern.

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