Christoph Keese

Christoph Keese lebte und recherchierte im Silicon Valley.  © Christoph DannemannChristoph Keese (Jahrgang 1964) gehört zu den wenigen Journalisten, die tatsächlich in das Herz des Silicon Valley vorgedrungen sind. In den elitären Kreis derer, die „mit unseren Daten Milliarden“ verdienen, „den Informationskreislauf“ beherrschen, aber „weder per E-Mail noch per Handy zu erreichen“ sind. In den Kreis der „großen Internetkonzerne, [der] kleinen Start-ups und [der] Finanziers des digitalen Wandels“ (FAZ). Ein halbes Jahr verbrachte Christoph Keese 2012 hier, um zu ergründen, „was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zu kommt“, wie es im Untertitel des Buches heißt, das daraufhin 2014 veröffentlicht wurde: „Silicon Valley“. Zur gleichen Zeit etwa weilte auch Kai Diekmann, der Gesamtherausgeber der Bild-Gruppe, mit seiner Frau Katja Kessler im Silicon Valley. Kessler berichtete über diese Zeit in ihrem Buch „Silicon Wahnsinn“. Doch während es Katja Kessler vor allem um die Schilderung des Alltags in Kalifornien ging, schreibt Christoph Keese über die Dinge, die unser aller Leben täglich prägen und verändern. Interessant ist das für ihn vor allem vor dem Hintergrund seines Engagements für das Leistungsschutzrecht der Presseverleger, aber auch weil sich die Medien in Deutschland noch viel abzugucken haben von den Profis im Silicon Valley. Das sei, so die Süddeutsche Zeitung, auch der Grund für den Aufenthalt von Kai Diekmann in Kalifornien gewesen. Sein Ziel sei es gewesen, nach „Wegen zu suchen, wie es für die Bild-Zeitung und den ganzen Springer-Konzern weitergeht vom Bedrucken toter Bäume hinaus in eine digitale Welt.“ Das dürfte auch für Christoph Keese, der bereits für verschiedene Medien des Springer-Konzerns gearbeitet hat und nun die Stelle des Konzerngeschäftsführers „Public Affairs“ innehat, interessant gewesen sein.

Christoph Keese studierte an der Journalistenschule des Verlags Gruner und Jahr, an der Henri-Nannen-Schule, und kombinierte dieses Studium später mit Wirtschaftswissenschaften in Marburg und Frankfurt am Main. Derart vorbereitet begann er 1988 als Vorstandsassistent bei Gruner und Jahr und übernahm schon ein Jahr später die vorübergehende Leitung der Unternehmenskommunikation. In den 90er Jahren kam Keese zunächst zur Berliner Zeitung und führte hier zeitweise das Ressort Wirtschaft und Medien. Ende der 1990er Jahre war er u.a. mit der Konzeption der Financial Times Deutschland betraut. Später übernahm er, zunächst noch neben Wolfgang Münchau, später alleine, die Chefredaktion der Zeitung. 2004 folgte der Wechsel zur Welt am Sonntag, deren Chefredaktion er 2006 übernahm. Zwei Jahre darauf gab er die Gesamtverantwortung für die Welt-Titel ab und widmete sich der neu geschaffenen Aufgabe des Konzerngeschäftsführers „Public Affairs“ in der Axel Springer AG, einer Position, die er bis heute innehat. In dieser Funktion reiste er dann auch ins Silicon Valley, begleitet von Kai Diekmann und zwei weiteren Managern der Axel Springer AG. Keese wusste, dass man nur über den persönlichen Kontakt mit den wichtigen Leuten vor Ort ins Gespräch kommen kann. Wer aus der Ferne versucht, Kontakte zu knüpfen, wird eiskalt abgewiesen. „Man muss ihr Nachbar sein, man muss zum Barbecue gehen, die Kinder müssen auf derselben Schule angemeldet werden“, beschreibt es Michael Hanfeld in der FAZ. Dann sei man plötzlich mittendrin. Christoph Keese ist das gelungen, wie man nun in seinem Buch „Silicon Valley: Was aus dem mächtigsten Tal der Welt auf uns zu kommt“ nachlesen kann. Hier ist er auch den großen Internetkonzernen ganz nah gekommen, die für ihren Willen gefürchtet werden, „den Rest der Welt in digitale Kolonien ohne Mitspracherecht zu verwandeln.“ Doch, so Keese, „aus der Nähe sehen sie ganz friedlich aus.“ Jeder habe hier das Gefühl, auf einer Mission zu sein, wolle den Menschen nur Gutes.

Doch das bedeutet für alle anderen einen ständigen Verlust von Kontrolle. Jede Branche müsse inzwischen fürchten, von den Konzernen aus Palo Alto übernommen zu werden. Nach der Presse und den Medien seien als Nächstes die Banken und die Automobilkonzerne dran. Dem Wachstum der Internetkonzerne seien keine Grenzen gesetzt, schreibt Christoph Keese. Rechtliche Restriktionen gebe es in Amerika für sie kaum. Den gesellschaftlichen Wandel, der damit einhergehen wird, können wir uns bislang kaum ausmalen. Noch stehen wir vor einem Phänomen, das wir kaum verstehen und dessen Folgen wir kaum absehen können. Den meisten Menschen sei das aber noch lange nicht bewusst und daraus zögen diejenigen den meisten Nutzen, die verstanden haben, worum es bei der digitalen Revolution geht: um Geschwindigkeit, nicht um Perfektion; und darum möglichst große Plattformen abzudecken, die möglichst viel bieten, um möglichst viele Daten abzugreifen, die die User nur zu bereitwillig geben – um der Bequemlichkeit und Nützlichkeit wegen. Doch trotz allem appelliert Christoph Keese an uns, uns nicht einschüchtern zu lassen. Es müsse nicht auf eine Konzerndiktatur hinauslaufen, wir müssten einfach lernen, die digitalen Giganten zu regulieren, um unsere Freiheiten zu bewahren. Viele Tipps und Anregungen dafür finden Leser, Politiker und Unternehmer in dem klugen und informativen Buch von Christoph Keese, das möglichst viele Menschen lesen sollten.

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