Michelle Knight

Michelle Knight verbrachte 11 qualvolle Jahre in Gefangenschaft eines Gewalttäters - in ihrem Buch spricht sie offen darüber. © Olivier FavreMichelle Knight (Jahrgang 1981) beginnt ihre unfassbare Geschichte mit den Worten: „Ich verschwand im Jahr 2002, und kaum jemand schien es zu bemerken. Ich war einundzwanzig und Mutter eines kleinen Kindes - und eines Nachmittags ging ich in einen Family Dollar Store, um nach dem Weg zu fragen. Die nächsten elf Jahre verbrachte ich eingesperrt in der Hölle.“ Michelle Knight war eine von drei Frauen, deren Fall als „Entführungen von Cleveland, Ohio“ um die Welt gehen sollten: Elf Jahre lang hielt der Schulbusfahrer Ariel Castro sie und später auch zwei weitere junge Frauen in seinem „Kerkerhaus“ (Focus) gefangen. Ariel Castro, den Michelle Knight heute nur noch „der Typ“ nennt, war der Vater ihrer Freundin und lockte sie unter dem Vorwand, sie könne sich bei ihm einen Welpen für ihren Sohn aussuchen, in sein Haus. Das waren die letzten Momente in Freiheit für die junge Frau, die die nächsten acht Monate angekettet in völliger Dunkelheit verbrachte. Täglich misshandelte und vergewaltigte „der Typ“ sie, wie Michelle Knight nach ihrer Befreiung im Jahr 2013 in ihrem Buch „Die Unzerbrechliche: Elf Jahre in Gefangenschaft. Wie ich überlebte“ beschrieb.

Insgesamt fünf Mal wurde Michelle Knight von ihrem Entführer schwanger. Jedes Mal schlug und trat er sie, bis sie das Kind verlor. An Einzelheiten über diese und andere Gräueltaten fehlt es in der 290 Seiten umfassenden Autobiographie von Michelle Knight nicht. Schonungslos zwingt sie den Leser hinzusehen und mitzuerleben, was ihr wiederfahren ist. „Das Schreiben des Buches war mehr als ein Heilungsprozess, es half mir, alle Emotionen durchzustehen“, erinnert sie sich in der Süddeutschen Zeitung. „Elf Jahre meines Lebens habe ich mich unsichtbar gefühlt“, erklärt Michelle Knight gegenüber der Süddeutschen Zeitung die Gründe für ihr Buch. „Er hat mir immer wieder gesagt: Niemand sucht nach dir. Niemand vermisst dich. Das war das Schlimmste. Damit hat er mich am meisten gequält.“ Und tatsächlich hatte niemand nach der jungen Frau aus schwierigen Verhältnissen gesucht, nachdem sie 2002 verschwunden war. Am Tag ihrer Entführung war Michelle Knight auf dem Weg zu einer gerichtlichen Anhörung. Es ging das Sorgerecht für ihren damals zweijährigen Sohn Joey, dem die Mutter ihres Freundes kurz zuvor ein Bein gebrochen hatte.

Michelle Knight teilte ihr Schicksal mit zwei anderen jungen Frauen, mit der zum Zeitpunkt ihrer Entführung erst 15-jährigen Amanda Berry und der damals 14-jährigen Gina DeJesus. Nur eine von ihnen, Amanda, die Castros Liebling war, durfte ihr Kind austragen. Die kleine Jocelyn wuchs im Haus des Entführers auf, wurde von ihm zwar nie misshandelt, trägt aber dennoch bleibende Schäden von der Zeit in der Gefangenschaft davon. Am 8. Mai 2013 waren die Ketten längst gelockert worden. Castro erlaubte es den Frauen, sich frei im Haus zu bewegen, in der Küche zu kochen und zu essen. An eine Flucht dachte Michelle Knight damals aber kaum noch. „Nach so vielen Jahren in Gefangenschaft passiert etwas völlig Verrücktes: Wenn man die Ketten von Handgelenken und Knöcheln genommen bekommt, wandern sie in den Kopf“, schreibt sie in ihrem Buch.“ Es war Amanda, die die Geistesgegenwart hatte, die Chance zu ihrer Rettung zu erkennen. „Der Typ“ hatte vergessen, die Tür zum Windfang abzuschließen. Es gelang der 25-Jährigen, die Außentür, die nur mit einer Kette verschlossen war, so weit zu öffnen, dass sie einen Arm hindurch strecken und um Hilfe rufen konnte. Ein Nachbar bemerkte sie, trat die Tür ein und ermöglichte es Amanda, die Polizei zu rufen.

Wenn Michelle Knight heute an das zurückdenkt, was die Medien ihr „Martyrium“ nennen, dann erinnert sie sich vor allem an ihren Kampfgeist: „Man hat mich angekettet, geschlagen, mich hungern lassen, aber meinen Überlebenswillen konnte das Ungeheuer nicht völlig brechen.“ Ihr Buch, das dementsprechend den Titel „Die Unzerbrechliche“ trägt, erschien genau ein Jahr nach der Befreiung. Das Schreiben war für sie eine Möglichkeit, von ihrem Hass auf Ariel Castro abzulassen und ihr „Leben wirklich voll und ganz zurückzubekommen.“ Als einzige der drei Frauen sagte Michelle Knight vor Gericht aus und sie war auch vor Ort, als das „Folterhaus in Cleveland“ (Focus) abgerissen wurde. Sie wollte nicht stumm sein, wollte ihre Geschichte der ganzen Welt erzählen. Vieles an ihrem selbstbewussten Auftreten, das sie zum Beispiel gegenüber der Süddeutschen Zeitung an den Tag legte, erinnert an das Verhalten von Natascha Kampusch, die ein ähnliches Schicksal erlitten hat. Solche und andere Entführungsfälle, mit denen sich Michelle Knight inzwischen beschäftigt hat, zeigten ihr, dass sie nicht stumm bleiben dürfe. Sie möchte eine Stimme sein, schreibt die Süddeutsche Zeitung, „für die unzähligen vermissten Menschen auf der ganzen Welt. Ihr Adressat: die Weltöffentlichkeit.“

Ihre Botschaft ist eindeutig: „Ich bitte die Menschen um eines: Sollte Ihnen etwas seltsam vorkommen - ein Kind, das längere Zeit in der Schule fehlt, eine Frau, die offenbar das Haus nicht verlassen kann, ständig zugezogene Fensterläden - rufen Sie bei der Polizei an. Viele machen das nicht, aus Scham, sich zu blamieren und sich die Blöße zu geben zu neugierig zu sein und sich in das Leben anderer Leute einzumischen. Aber Sie können Leben retten, Leiden verkürzen. Nehmen Sie sich bitte immer die zwei Minuten, die so ein Anruf dauert.“ (Süddeutsche Zeitung) Wie es für sie selbst weitergehen soll, weiß Knight nicht. „[…] es gibt viele Tage, an denen ich mich ehrlich gesagt völlig verloren fühle.“ Vor allem die Tatsache, dass ihr Sohn Joey, der heute 15 Jahre alt ist, zur Adoption freigegeben wurde und seine leibliche Mutter nicht kennenlernen darf, schmerzt Michelle Knight. „Ohne Joey bin ich ganz allein“, schreibt sie. Zu den anderen beiden Frauen, die von ihren Anwälten hermetisch abgeriegelt werden, hat Michelle Knight keinen Kontakt mehr. Ariel Castro selbst wurde zu lebenslänglich und knapp 1000 weiteren Jahren Gefängnis verurteilt und erhängte sich kurz nach dem Urteil in seiner Zelle.

 

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