Wolfgang Koeppen

Wolfgang Koeppen (1906– 1996) war ein deutscher Schriftsteller. Seine drei Nachkriegsromane „Tauben im Gras“ (1951), „Das Treibhaus“ (1953) und „Der Tod in Rom“ (1954) zählen zu den wichtigsten Werken der deutschen Nachkriegsliteratur. In seiner sogenannten „Trilogie des Scheiterns“ hält Wolfgang Koeppen der Nachkriegsgesellschaft den Spiegel vor. Für sein literarisches Schaffen wurde er u.a. mit dem Georg-Büchner-Preis ausgezeichnet.

Wolfgang Koeppen, geboren 1906 in Greifswald, verbrachte seine Kindheit und Jugend in ärmlichen Verhältnissen. Er war das uneheliche Kind einer Näherin und eines angesehenen Augenarztes. Da letzterer jedoch kein Interesse am Sohn hatte, musste Marie Koeppen sich und ihr Kind alleine durchbringen. Nach der Schule begann Wolfgang Koeppen zunächst eine Lehre bei einer Buchhandlung, die er aber abbrach. Stattdessen absolvierte er ein Volontariat am Greifswalder Stadttheater und besuchte nebenher Vorlesungen der Philosophie und Germanistik an der Universität Greifswald. In den folgenden Jahren hielt er sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser und zog dabei quer durchs Land. 1926 erhielt er sein erstes Engagement als Theaterregisseur am Würzburger Theater. Es stellte sich jedoch schnell heraus, dass er seine Vorstellungen dort nicht durchsetzen konnte. Also ging er nach Berlin, wo er sich dem „Dramaturgischen Kollektiv“ des Avantgardisten Erwin Piscator anschloss. Zudem arbeitete er als Redakteur für den linksliberalen Börsen-Courier, bis dieser 1932 von einer konkurrierenden Zeitung aufgekauft wurde.

1934 veröffentlichte Wolfgang Koeppen seinen ersten Roman „Eine unglückliche Liebe“. Der Roman handelt von der unerwiderten Liebe eines jungen Mannes für eine Kabarettistin. Kurz danach setzte sich Wolfgang Koeppen nach Holland ab. Ein Jahr darauf erschien ein zweiter Roman, „Die Mauer schwankt“. Diese ersten Bücher wurden von den Machthabern kritisch beäugt, zumal sie von einem jüdischen Verlag publiziert wurden. Der brenzligen politischen Lage zum Trotz kehrte Wolfgang Koeppen 1938 aus finanziellen Gründen nach Berlin zurück. Er wurde Drehbuchautor für die Universum Film AG (UFA) und für Bavaria-Film-Kunst, weswegen er vom Kriegsdienst freigestellt wurde. Mit dem Fortschritt der Kriegsjahre wurde der Ton auch in der Filmindustrie immer rauer und Wolfgang Koeppens Sicherheit stets ungewisser. 1943 wurde sein Berliner Wohnhaus bei einem Bombenangriff zerstört. Diese Situation nutzte Koeppen, um unterzutauchen. Für die restlichen Kriegsjahre versteckte er sich in Feldafing bei München und überlebte. Dort lernte er die erst sechzehnjährige Marion kennen, die er 1948 heiratete.

Kurz nach dem Krieg folgte die Blütezeit des Schriftstellers. Innerhalb von nur vier Jahren veröffentlichte er die drei wichtigsten Bücher seiner Karriere. „Tauben im Gras“, der erste Roman der sogenannten „Trilogie des Scheiterns“, ist schlicht und einfach ein Meisterwerk. Marcel Reich-Ranicki hält es für „das allerwichtigste Buch von Koeppen“ und preist seine ungewöhnliche Technik, sprachliche Kraft und „nicht zuletzt die Aggressivität der gesellschaftskritischen Anklage“ (DIE ZEIT). Der Roman von 1951 porträtiert einen Tag in einer (an München angelehnten) Großstadt, etwa vier Jahre nach Kriegsende. Über dreißig Figuren kommen in der episodischen Erzählung vor. Zunächst wirken die Leben der Figuren – Dichter, Ärzte, Händler, Touristen, Besatzungssoldaten aus Amerika, Filmstars und Neurotiker – ohne Zusammenhang. Doch bald kreuzen sich ihre Wege und die einzelnen Geschichten verstricken sich zu einem Ganzen. Durch Zufall begegnen sich viele der Figuren und der Zufall ist es auch, den Koeppen stark resigniert für den Verlauf der Menschheitsgeschichte verantwortlich macht: „Die Vögel sind zufällig hier, wir sind zufällig hier, und vielleicht waren auch die Nazis nur zufällig hier [...] vielleicht ist die Welt ein grausamer und dummer Zufall Gottes, keiner weiß warum wir hier sind.“

Im Jahr 1953 erschien mit „Das Treibhaus“ der zweite Nachkriegsroman aus Wolfgang Koeppens Feder. Im Fokus der Erzählung steht Felix Keetenheuve, ein SPD-Bundestagsabgeordneter der ersten Stunde. Der Roman beschreibt in radikal-kritischer Weise die politischen Anfänge der Bundesrepublik. Karl Korn schrieb in einer Kritik für die FAZ: „Die Radikalität Koeppens scheint mir aus einem tiefen Leiden an der deutschen Gegenwart zu kommen… Das „Treibhaus“ ist eine Klasse Literatur, wie sie nur selten erreicht wird." Nur ein Jahr später erschien „Der Tod in Rom“ (1954). Ähnlich wie „Tauben im Gras“ schafft der Roman ein Handlungsgeflecht von verschiedenen Figuren, die durch familiäre oder zufällige Stränge miteinander verbunden sind. Im Fokus stehen die Täter und Mitläufer der NS-Zeit und die verborgene Fortschreibung der Vergangenheit in der europäischen Gegenwart.

Wolfgang Koeppens Nachkriegsromane wurden von der zeitgenössischen Kritik oft als zu aggressiv empfunden. Über die folgenden Jahre und Jahrzehnte hinweg jedoch änderte sich die Kritikermeinung: Nun galt Wolfgang Koeppen als modernes Genie; seine Romane erhielten Zuspruch für ihre radikale Auseinandersetzung mit der Nachkriegsgesellschaft, die in Sprache und Stil an die Literatur der anglophonen Hochmoderne, etwa an James Joyce oder William Faulkner, anknüpfte. Fast beleidigt reagierte die bundesdeutsche Öffentlichkeit darauf, dass sich Wolfgang Koeppen nach dem großen Erfolg zurückzog und lediglich vereinzelt Reiseberichte und Erzählungen publizierte. 1976 veröffentlichte er noch das autobiographische Erzählfragment „Jugend“. Ein weiterer, von Kritikern sehnlich erhoffter „großer Roman“ sollte nicht mehr folgen. Wolfgang Koeppen verstarb 1996 im Alter von 90 Jahren in München.

 

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