Till Lindemann

Till Lindemann (Jahrgang 1963) ist einer der großen Geheimnisvollen des deutschen Rockgeschäfts. Als Frontmann der Band „Rammstein“, die weit über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt und beliebt ist, präsentiert er sich auf der Bühne knallhart, zeigt sich hinter den Kulissen aber in Gedichten feinfühlig und sehr belesen. Er scheut die Öffentlichkeit und gibt nur selten Interviews, versucht vor allem mit der Musik selbst zu glänzen. Der Musikpresse präsentiert er sich seit Jahren ausschließlich live auf der Bühne. Nur wenn es um seine Gedichte geht, zeigt sich Till Lindemann gesprächiger. Kein Wunder, denn als Sohn des DDR-Lyrikers Werner Lindemann und der Kulturjournalistin Gitta Lindemann liegen ihm Literatur und Gedichte im Blut. Ob Lindemanns Gedichte als Lyrik im eigentlichen Sinne zu verstehen sind, darüber kann man streiten. Die äußere Form scheint ihnen dies absprechen zu wollen. Doch schon die Rhythmik der Gedichte, durch die ganz deutlich der Musiker Till Lindemann hindurch klingt, beweist das Gegenteil. Inhaltlich sorgen sie – wie alle guten Gedichte – für Kontroversen. Georg Diez, Kolumnist beim Spiegel, spöttelte anlässlich der Veröffentlichung des zweiten Gedichtbandes, „In stillen Nächten“, im Oktober 2013, Till Lindemann sei ein „Kunstprojekt, das sich David Lynch und Slavoj Zizek ausgedacht haben, um zu sehen, wie leicht die westdeutschen Bürgerkinder zu verführen sind.“ Indem sie Lindemann zum Dichter machten, erlaubten sie sich, Diez zufolge, „den Scherz aller Scherze“: „Sie wollten, dass die Deutschen selbst glauben, Lindemann sei etwas anderes als ein Golem der Popkultur, Lindemann habe eine Seele, Lindemann könne weinen, Lindemann sei der neue Eichendorff.“ Die Gedichte seien an einem Nachmittag und in einer Nacht mit Hilfe von Google zusammengeschustert worden, dabei aber „so hart und hölzern, dass man seine Jacke daran aufhängen kann, wenn man von einem verregneten Herbstspaziergang zurückkommt.“ Till Lindemann jedoch glaubt, sein Vater wäre stolz gewesen, dass sein Sohn in seine Fußstapfen getreten ist, wie er gegenüber der Zeitung Die Welt erklärte. „Er hat sich auf jeden Fall sehr gewünscht, dass ich auch in meiner reiferen Jugend geschrieben hätte. Dann wäre ich sein Vorzeigesohn gewesen.“ Mit seinen inzwischen zwei veröffentlichten Gedichtbänden ist das nun gelungen. „Aber wir hätten uns auch fürchterlich in die Haare gekriegt“, gibt Lindemann zu bedenken. „Aufgrund seiner Herkunft und seiner Geschichte gehörten für ihn bestimmte Wörter nicht in Gedichte. Ficken und Arsch. Krasse Wortdeutungen. Oder erfundene Wörter, Neolinguismen.“ Für Till Lindemann sind sie jedoch fester Bestandteil seiner Gedichte. Sie sind notwendig, um das abgründige, reizbare und verletzte lyrische Ich in „kalten Nächten aus dem Eis“ zu kratzen, wie es im Vorwort zu „In stillen Nächten“ heißt. Was Till Lindemann interessiert, sind „die Abgründe, der Ekel, was das Leben nicht lebenswert macht. Warum man weint.“ All das zeigt eine sensible, feinfühlige Seite, die man vom Sänger von „Rammstein“ nicht unbedingt erwartet hätte. Doch schon mit 18 Jahren hatte Till Lindemann „die Schnauze voll vom Feiern, dem ganzen Gedöns und wollte die Stadt hinter [sich] lassen“, wie er der Welt erklärte. Es zog ihn aufs Land, wo er heute noch lebt und Ruhe und Kraft tankt. Hier findet er den Ausgleich zu seinem Hauptberuf und würde am liebsten den ganzen Tag auf seinem Hof herumwühlen, Dinge von A nach B räumen und Blumen in Töpfe pflanzen. Der Menschenmetzger, den knallharten Till Lindemann bei Rammstein-Konzerten gibt, versteht er als Rolle, in die man viel von sich hineinlegen muss, um überzeugend zu wirken. „Aber das bin ich noch lange nicht selbst“, sagte er im Interview mit der Welt. Doch diese Rolle spielt Till Lindemann seit nunmehr 1994 so erfolgreich, dass die Songtexte in aller Welt bekannt sind. Damit habe Rammstein „wohl mehr für die weltweite Verbreitung der deutschen Lyrik getan als das Goethe-Institut“, schreibt die Zeitung Die Welt. Seit der Gründung der Band ist Lindemann ihr Sänger und Textschreiber und seit 1996 auch ausgebildeter Pyrotechniker, was die Bühnenshows von „Rammstein“ enorm bereicherte. Heute gehört „Rammstein“ zu den erfolgreichsten deutschen Bands aller Zeiten – und das ist nicht zuletzt Till Lindemann und seinen Texten zu verdanken. Wer davon nicht genug bekommen kann, liest die Gedichtbände „Messer“ (2002) und „In stillen Nächten“ (2013) und macht sich selbst ein Bild von der außergewöhnlichen Lyrik des Rockmusikers.

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