Keith Lowe

Keith Lowe ist ein britischer Historiker der jungen Generation. © Liza MessingFür einen englischen Historiker wirkt Keith Lowe (Jahrgang 1970) immer noch irgendwie eine Spur zu jung. Doch dass er einmal zu den ganz wichtigen seines Fachs gehören wird (bzw. bereits gehört), lässt er schon jetzt deutlich erkennen. Sein vielbeachtetes Buch „Der wilde Kontinent - Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950“ wurde 2013 mit dem Sachbuchpreis des englischen PEN, dem Hessell-Tiltman Prize for History, ausgezeichnet und hielt sich über lange Zeit wacker in sämtlichen Bestseller-Listen. Darin zeigt Keith Lowe auf, dass der Schrecken und das Blutvergießen, die Verfolgung und ethnische Säuberung nicht mit der Niederlage Hitlers und der Kapitulation Deutschlands endeten. Lowe verdeutlicht, dass die Gewaltspirale sich auch dann noch weiter drehte, als der große Krieg längst vorbei war. Hunger, Rache und Vertreibung waren die Triebkräfte jener Jahre nach 1945. Die, die im Krieg Schreckliches erfahren hatten, hungerten nun förmlich danach, sich zu rächen. In der Geschichtsschreibung jedoch haben diese Jahre der Anarchie bislang wenig Beachtung gefunden – bis sich Keith Lowe dieses Themas annahm.

Lowe wuchs in London auf und studierte englische Literatur an der University of Manchester. 12 Jahre lang arbeitete er als Herausgeber mit dem Schwerpunkt Geschichte, bevor er sich selbst in Vollzeit dem Schreiben widmete. Sein erstes Buch jedoch war keine historische Abhandlung, sondern begleitete einen Mann bei dem Versuch, an einem einzigen Tag jede Station der London Underground zu besuchen. „The Tunnel“ war shortlisted für den Author's Club First Novel Award und ein guter Start in die Riege der Schriftsteller. 2005 folgte der zweite Roman von Keith Lowe: „New Free Chocolate Sex“. Darin beschäftigte er sich mit der gewissenlosen Welt des Schokoladenmarketings und sperrte in seiner Fiktion den Angestellten einer Schokoladenfabrik ein Wochenende lang mit einem Journalisten in der Fabrik ein. „Charlie und die Schokoladenfabrik“ für Erwachsene und mit bissiger Gesellschaftskritik, wenn man so will. Leider ist bislang keines der beiden Bücher in deutscher Sprache erhältlich.

Hierzulande kennt man Keith Lowe bisher nur als den Autor, der das Monumentalwerk über das brutale Ende des Zweiten Weltkrieges und die Jahre danach geschrieben hat. Bereits 2007 veröffentlichte Lowe sein erstes Buch über den Zweiten Weltkrieg: „Inferno – The Devastation of Hamburg“. Darin arbeitet Keith Lowe die Bombardierung Hamburgs 1943 detailliert auf. Der Großteil der Hansestadt wurde damals zerstört, 40.000 Zivilisten fanden den Tod. 2012 dann der große Bestseller: „Der wilde Kontinent – Europa in den Jahren der Anarchie 1943 – 1950“ fand sowohl innerhalb seines Fachbereichs als auch beim Publikum große Beachtung und wurde in mehr als 12 Sprachen übersetzt. Darin schildert Keith Lowe eine Welt, die man gern als „Stunde Null“ betrachten würde, in der es aber zu viele alte Rechnungen zu begleichen gab, in der die Wirklichkeit den neuen Machtverhältnissen noch lange hinterher hing, in der sich zu viele herrschaftsfreie Räume auftaten – und zu viele Menschen fanden, die sie besetzten, um weiterhin Krieg zu führen. Ihren ganz persönlichen Krieg – gegen wen auch immer.

Der Zeitung „Die Welt“ gegenüber sagte Lowe, seines Wissens nach gebe es „kein Buch in irgendeiner Sprache, in dem genau beschrieben wird, was in dieser wichtigen und turbulenten Zeit überall in Europa geschah.“ Dabei ist diese Zeit, „in der weite Teile des Kontinents noch extrem instabil waren und die Gewalt beim geringsten Anlass erneut auszubrechen drohte“, nicht weniger wichtig, als der Zweite Weltkrieg selbst. Doch es war ein hartes Stück Arbeit, all das zusammenzutragen, gesteht Lowe. „In gewissem Sinne versucht dieses Buch das Unmögliche: die Beschreibung des Chaos.“ Für „Die Welt“ ganz klar „ein Schreckensgemälde auf 500 Seiten also, jede einzelne setzt einem zu.“ Dass Lowe diesen Schrecken mit einer gewissen fachlichen Distanz zu bändigen versucht, diesen Horror, muss man ihm hoch anrechnen, auch wenn es ihm nicht ganz gelingen will. Das soll es aber auch gar nicht. Keith Lowe weigert sich, die Augen vor dem Grauen zu verschließen und erwartet das auch von seinen Lesern. Der Grund dafür ist einfach: „Wenn wir uns selbst nicht eingestehen, wie die Nachkriegsjahre tatsächlich waren“, sagt er, „wird es sich rächen, weil Ideologen und Radikale daraus Kapital schlagen könnten.“

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