Meinhard Miegel

Meinhard Miegel (Jahrgang 1939) gilt als einer der profiliertesten Vordenker Deutschlands. Bekannt war er als früherer Syndikusanwalt bei der Firma Henkel in Düsseldorf, Gründer des Forschungsinstituts für Wirtschaft und Gesellschaft Bonn (IWG BONN) und heutiger Vorstandsvorsitzender vom „Denkwerk Zukunft – Stiftung kulturelle Erneuerung“. In der Öffentlichkeit trat er vor allem als Mitarbeiter von Kurt Biedenkopf in Erscheinung. Gemeinsam mit ihm engagierte sich der Sozialwissenschaftler für eine modernere CDU. Heute gilt Miegels Hingabe vor allem einem: der Wachstumskritik. Sein Kampf richtet sich inzwischen gegen die westliche Wachstumslogik - Höher, schneller, mehr!

Meinhard Miegel sieht die Ursache für die derzeitige tiefgreifende Krise von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft in einer weitverbreiteten Hybris, in Größenwahn und Selbstüberschätzung. Obwohl beide großen gesamtgesellschaftlichen und -wirtschaftlichen Schaden anrichten, gelten sie noch immer als Erfolgsfaktoren und werden als solche gefeiert. Für Miegel sind sie aber vor allem eins: Ursache für krankhaft wuchernde Wirtschaftsaktivitäten, entfesselte Finanzmärkte, dysfunktionale Bildungs- und Infrastrukturen, unkontrollierbare Großprojekte und Datenmengen. In der logischen Konsequenz heißt das für ihn, dass sich die meisten Probleme unserer Gesellschaft dadurch lösen lassen würden, dass wir zu einem menschlichen Maß zurückkehren, das unsere individuellen und gesellschaftlichen Ressourcen schont und in ein neues Gleichgewicht bringt.

Diesem Thema hat Meinhard Miegel sein Buch „Hybris – Die überforderte Gesellschaft“ gewidmet, das 2014 erschienen ist. Darin macht Miegel dem Leser bewusst, dass sein Gefühl totaler Erschöpfung keine individuelle Befindlichkeit ist, sondern aus der Tatsache resultiert, dass wir alle „wie die rosa Plüschhasen von Duracell“ (FAZ) bis zur Erschöpfung funktionieren müssen. Was sich beim Menschen als Erschöpfung und Müdigkeit niederschlägt, zeigt sich gesamtgesellschaftlich in Phänomenen wie dem BER-Skandal, der Hamburger Elbphilharmonie und der nie abreißenden Folge von Staus, Verspätungen und Störungen im Betriebsablauf. Für Meinhard Miegel ist all das bedingt durch die Maßlosigkeit: „maßloser Konsum, maßlose Produktion, Maßlosigkeit um der Maßlosigkeit willen. Das ermüdet.“ (FAZ) Diesem Prozess muss Einhalt geboten werden, sagt Miegel, denn „auf dem Spiel steht nichts Geringeres als Menschenwürde, Menschenrechte, das Selbstbestimmungsrecht des Individuums, sein Anspruch auf eine respektierte und geschützte Privatsphäre.“

Dafür führt er ein ganz einfaches Zahlenbeispiel ins Feld: Stellt man in einer Tabelle die Zunahme des Bruttosozialprodukts pro Kopf in Deutschland seit 1980 dar und bildet dazu die in Umfragen ermittelte subjektive Zufriedenheit ab, dann driften beide Kurven unübersehbar auseinander. Während das Bruttosozialprodukt stetig wächst und wächst, sinkt die Zufriedenheit der Menschen in ebensolcher Geschwindigkeit.  Das heißt:  Wir haben immer mehr, konsumieren ohne Ende, werden davon aber nicht zufriedener. Im Gegenteil: Wir wollen nur noch mehr, weil der Konsum die Lücke nicht schließen kann. Was an Werten fehlt wird durch Ware ersetzt. Für Miegel gibt es deshalb nur noch eine Lösung, die er in seinem Buch „Hybris“ beschreibt: auf die Bremse treten.  Dabei setzt er auf „fernöstliches Denken und Versenken“, statt auf westliche Vernunft. Nur die Beschränkung führt seiner Ansicht nach zu einem schönen Leben. Miegel setzt auf Muße und Freude am Leben statt auf die Anhäufung von Besitz. Die „Verwirtschaftung“ aller Lebensbereiche  - von der Kunst über die Familienplanung bis hin zu demokratischen Prozessen - muss ein Ende haben, damit der Mensch wieder Mensch und nicht mehr nur Konsument bzw. Produzent sein kann.

Dafür müsse jedoch, so Meinhard Miegel, die Gesellschaft die Erwerbsarbeit entlasten, die Eigenarbeit aufwerten und die kulturell relevanten Regionen statt der Nationalstaaten in den Mittelpunkt des europäischen Gedankens stellen – und das wird noch lange dauern. Dennoch zweifelt Miegel nicht daran, dass es möglich ist. „Was jetzt gefragt ist, ist ein Höchstmaß an Einfühlungsvermögen, Improvisationsfähigkeit und Anpassungsbereitschaft“, schreibt er in seinem Bestseller. Diesen Appell nennt die FAZ die „Grundlage eines zeitgemäßen Konservatismus“ und meint: „Was gegenwärtig das revolutionärste Programm überhaupt wäre. Also ist Miegels „Hybris“ ein super Buch.“ Dem können wir uns nur anschließen und empfehlen „Hybris“ allen, die das Gefühl haben, in einem Hamsterrad zu stecken, aus dem es kein Entrinnen gibt. Gemeint ist das im Großen wie im Kleinen, im öffentlichen Leben wie im Privaten.

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