Evgeny Morozov

Evgeny Morozov beobachtet die digitale Revolution kritisch. © Brad Dececco/Redux/Zeit/laifEvgeny Morozov (Jahrgang 1984) hält es für gefährlich, zu glauben, die digitale Revolution habe unser Leben nur einfacher, sicherer, lebenswerter und besser gemacht. Dass Politik, Kultur und unsere Lebenswege heute von jedem und jederzeit und überall eingesehen werden können, ist für den Publizisten aus Weissrussland eine Fehlentwicklung, die dazu führt, dass wir uns selbst nicht mehr genug zutrauen und alle Verantwortung an Technik und Daten abgeben, mehr Algorithmen und damit mehr Möglichkeiten zur Kontrolle kreieren. Die digitalen Utopisten aus dem Silicon Valley, die das Geschick unserer modernen Welt prägen und gestalten, machen uns glauben, wir seien für ein Leben ohne modernste Technik nicht smart genug, bräuchten High-Tech-Parkuhren und eine gesteuerte Mülltrennung. In seinem Buch „Smarte neue Welt“ aber appelliert Evgeny Morozov eindringlich an seine Leser, einmal inne zu halten und sich zu fragen, ob sie das tatsächlich alles brauchen, ob sie die Kontrolle über sich und ihr Leben wirklich so aus der Hand geben wollen. Jahrhundertelang kämpften die Menschen in aller Welt für Freiheit und wir geben sie nun nur zu gerne ab. Die kulturellen Folgen dieser Entwicklung können wir bislang noch gar nicht absehen. Morozov ist dabei keinesfalls ein dogmatischer Internet-Gegner, doch er regt zum kritischen Denken und Hinterfragen an. Das Internet ist in seinen Augen eben nicht per se demokratisch. Damit es das ist, braucht es User, die den eigenen Kopf nicht vollkommen ausschalten. Die heilige Kuh Internet steht auf einem Thron, an den sich niemand heranwagt. Insofern betritt Evgeny Morozov mit seinem Buch Neuland im öffentlichen Raum. Persönlich beschäftigt er sich schon lange mit den politischen und sozialen Auswirkungen der modernen Technik. Dafür erhielt er sowohl ein Stipendium des Open Society Institutes von George Soros, ein Yahoo-Fellowship an der Edmund A. Walsh School of Foreign Service der Georgetown University und ein Fellowship der New America Foundation, mit dem er als Gastwissenschaftler an der Stanford-Universität forschte. Derzeit lebt und arbeitet er in Cambridge, wo er die Geschichte unserer digitalen Gegenwart schreiben will, wie er gegenüber der FAZ erklärte. Gemeint ist, „wie wir uns verändert haben, wie wir mit Technologie umgehen und wie wir durch Technologie über uns selbst anders nachdenken.“ Dafür hat er sein altes Forschungsgebiet, Internetstudien, verlassen und sich der Wissenschaftsgeschichte zugewandt. Im Interview mit der FAZ erklärt er das folgender Maßen: „Mit meinem Gang in die Wissenschaftsgeschichte wollte ich zeigen, dass das Gebiet, auf dem ich fünf Jahre tätig war, leer ist. Es hat keine Substanz. Wer das nicht sieht, belügt sich selbst und andere.“ 2012 erschien sein erstes Buch, das sogleich große Beachtung erhielt: „The Net Delusion“. Schon damals war es Evgeny Morozov ein dringendes Anliegen, auf die dunkle Seite des Internets mit seiner scheinbaren Freiheit aufmerksam zu machen. 2013 folgte „Smarte neue Welt“. Das Buch trägt den Untertitel „Digitale Technik und die Freiheit des Menschen“. Deutlicher aber wird das Anliegen dahinter im englischsprachigen Titel „To Save Everything, click here: Technology, Solutionism and the Urge to Fix Problems that Don’t Exist“. Evgeny Morozov publiziert darüber hinaus regelmäßig für die „New York Times“, „The Wall Street Journal“, „Wired“, „The Guardian“, „Die Zeit“, die „Süddeutsche Zeitung“ und die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“. Letztere interviewte ihn im Oktober 2013 und nannte ihn in der Einführung den „Vor- und Nachdenker der digitalen Welt“. Morozovs Kernaussage: „Demokratie ist von Natur aus nicht effizient, Technokraten gefährden sie.“ Evgeny Morozov ist überzeugt davon, dass das Internet nicht ursprünglich entwickelt wurde, um Demokratie und Zugang zu Wissen zu gewährleisten. So war es nie angelegt. Stattdessen haben Unternehmen „für uns definiert, wie die Infrastruktur intellektuell und technologisch aussehen sollte. Die Öffentlichkeit hat das akzeptiert und muss nun die Konsequenzen tragen. Teile der Infrastruktur könnten anders angeordnet werden, aber um das zu erreichen, muss vorher die Idee des Internets destabilisiert werden. Wir sollten nicht unsere Normen und unsere Institutionen aufs Spiel setzen, um einige Technologiefirmen zufriedenzustellen, die uns davor warnen, am Internet herumzuflicken, weil sein Innovationspotential so in Gefahr geriete. Das ist lächerlich.“ Um etwas zu bewegen, möchte Evgeny Morozov den User als Bürger, als Bestandteil eines demokratischen Systems, in die Pflicht nehmen. Er will ihn daran erinnern, dass er selbst entscheiden kann, selbst wissen muss, was richtig und was falsch ist – und dass er danach handelt. Mit seinem Buch „Smarte neue Welt“ ist Evgeny Morozov dafür ein wunderbarer Denkanstoß gelungen.

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