Toni Morrison

Toni Morrison (Jahrgang 1931) ist eine amerikanische Schriftstellerin und Intellektuelle. Sie erhielt 1993 den Literaturnobelpreis und ist damit die erste und einzige Afroamerikanerin, die je in dieser Kategorie ausgezeichnet wurde. Es ist sowohl die visionäre Kraft als auch das poetische Gewicht ihrer Romane, welche ihre Bücher auszeichnen. Während ihrer langen Karriere erhielt Toni Morrison viel Anerkennung. Für den Roman „Menschenkind“ bekam sie den Pulitzer-Preis. Die englische Oxford-Universität verlieh ihr die Ehrendoktorwürde. Frankreich nahm sie in seinen „Ordre des Arts et des Lettres“ auf. 2012 verlieh ihr Barack Obama mit der „Freiheitsmedaille des Präsidenten“ die höchste Auszeichnung des amerikanischen Kongresses.

Toni Morrison schreibt aus der Perspektive einer schwarzen Frau in Amerika. Diese Position ist der Ausgangspunkt für ihr Schaffen. Zum einen geht es in ihren Büchern darum, komplexe schwarze Figuren zu kreieren. Rassistische Stereotype und Klischees gilt es zu überwinden. Doch es geht nicht um Rassismus allein: Toni Morrison schreibt auch aus einer weiblichen Perspektive. Die Welterfahrung schwarzer Frauen rückt in den Vordergrund. Der Sexismus innerhalb der schwarzen Community wird angeprangert. So steht Toni Morrison in der Tradition anderer afroamerikanischer Schriftstellerinnen wie Alice Walker und Audre Lorde. Jene Autorinnen begannen in den 1960ern den Ausschluss schwarzer Frauen aus dem amerikanischen Mainstream anzuklagen und ihren rechtmäßigen Platz im Kanon zu erkämpfen.

Geboren wurde Toni Morrison 1931 als Chloe Anthony Wofford in Lorain, Ohio. Sie wuchs mit drei Geschwistern in einer Arbeiterfamilie auf und entwickelte schon früh ein Interesse für Bücher und Geschichten. So studierte sie englische Literatur an den Universitäten Howard und Cornell. Nach ihrem Abschluss war sie zunächst als Dozentin tätig. 1958 heiratete sie den Architekten Harold Morrison. Aus dieser Ehe, die 1966 in Scheidung endete, stammen ihre beiden Söhne. Von 1965 bis 1984 war Toni Morrison für den Verlag Random House in New York tätig. Sie hat hier dazu beigetragen, afroamerikanische Persönlichkeiten in das Bewusstsein der amerikanischen Leserschaft zu befördern. So veröffentlichten etwa Angela Davis, Toni Cade Bambara und Muhammad Ali unter Toni Morrisons Lektorat. Von 1989 bis 2006 war sie Professorin für Afroamerikanische Studien in Princeton.

Von 1970 bis 2012 veröffentlichte Toni Morrison insgesamt zehn Romane, dazu vereinzelt kritische Essays, Kinderbücher, Kurzgeschichten und Bühnenstücke. Bereits ihr erster Roman „Sehr blaue Augen“ (1970) war zugleich ein kommerzieller Erfolg und ein Kritikerliebling. Das Werk ist ein gutes Beispiel für Toni Morrisons packende und herzzerreißende Schreibweise; ihre beeindruckende Balance zwischen sprachlicher Schönheit und einer klaren politischen Intention. Schauplatz ist eine Kleinstadt in Ohio in den 1940ern. Der Roman beschreibt eine Welt, in der Schönheit den Wert eines Menschen bestimmt. Die Schönheitsideale aus Werbung, Schule und Kino führen zum Dilemma für die beiden jungen Protagonistinnen Claudia und Pecola. Die schönen Menschen auf der Leinwand sind weiß, die beiden Mädchen sind das nicht. Während Claudia mit Aggression gegen das System rebelliert, indem sie das blonde Nachbarsmädchen verprügelt oder ihre weiße Plastikpuppe zerlegt, richtet sich Pecolas Reaktion nach innen. Sie träumt davon, selber blaue Augen zu haben und steht bald am Rande des Wahnsinns. Ein scharfsinniges Portrait der Maschinerie des Ausschlusses, der zu Selbsthass und Minderwertigkeitskomplexen führt. In einem einnehmenden Erzählstil mit vielen unterschiedlichen Perspektiven und Zeitebenen untersucht der Roman den „Tod des Selbstwertgefühls“ (Toni Morrison im Vorwort) der einzelnen Figuren und der gesamten schwarzen Gemeinde.

„Menschenkind“ (1987) ist Toni Morrisons fünfter Roman und gilt als ihr Meisterstück. Margaret Atwood schreibt in der New York Times: „If there were any doubts about her stature as a pre-eminent American novelist, of her own or any other generation, [this book] will put them to rest“. Demnach besiegelt der Roman also Toni Morrisons Platz in der Riege der größten amerikanischen Romanciers aller Zeiten. „Menschenkind“ beruht auf einer wahren Begebenheit. Inspiration ist die Geschichte von Margaret Garner, die 1856 mit ihrer kleinen Tochter vom Sklavenhalterstaat Kentucky in den Norden flüchtete. Als die Flüchtigen verh

aftet werden sollen, tötete die Mutter ihr Kind, um ihm ein Leben in der Sklaverei zu ersparen. „Menschenkind“ rekonstruiert diese Begebenheit und untersucht komplexe Fragestellungen zum Thema Schuld, Trauma und Vergebung. Die Protagonistin Sethe kann die traumatischen Erfahrungen der Kindstötung, ihrer Flucht und ihrer Vergangenheit in Kentucky nicht überwinden. Die getötete Tochter wird zum Geist, der das Weiterleben nach der Katastrophe unmöglich macht. Am Ende braucht es einen Exorzismus um den Würgegriff der Vergangenheit abzuschütteln und sich der Gegenwart anzunehmen. Das Buch wendet sich gegen die nationale Amnesie, welche das dunkelste Kapitel der amerikanischen Geschichte lieber vergessen als verarbeiten will. So drohen die nur schwer vorstellbaren Grausamkeiten der Sklaverei zu einem blinden Fleck in der Geschichte zu werden. Um das zu verhindern und um das Trauma zu überwinden, muss man sich der Vergangenheit stellen. Und das tut „Menschenkind“ in beeindruckender, schmerzhafter und zugleich poetischer Weise.

Auch im Spätwerk blüht Morrison so richtig auf: Mit 85 Jahren erschien "Gott, hilf dem Kind" (2017). Unvermindert intensiv und kenntnisreich, man möchte ihr beinahe einen zweiten Nobelpreis verleihen.

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