Ingrid Noll

Ingrid Noll: Die deutsche Krimi-Königin. Foto: Renate Barth / © Diogenes VerlagIngrid Noll (Jahrgang 1935) gilt als die „Königin des deutschen Krimis“ (BUNTE) – und das, obwohl die Arztgattin aus Weinheim an der Bergstraße ihren ersten Krimi erst mit über 50 Jahren veröffentlichte. Danach aber war sie nicht mehr zu bremsen: Bis zu ihrem 80. Geburtstag im Jahr 2015 hatte Ingrid Noll bereits zahllose Bestseller veröffentlicht. Ihr Geheimrezept: ein Milieu, das ihr vertraut ist, glaubwürdige Charaktere, eine gut lesbare, unterhaltsame Schreibe – und das Spielen mit der Lust an der Angst. „Die Faszination des Bösen ist uralt“, erklärte Ingrid Noll anlässlich ihres 80. Geburtstags der Zeitschrift BUNTE. „Das geht schon bei Adam und Eva los. Auch im Märchen spielen sich grausame Verbrechen ab und die Bösen werden bestraft. Die Lust an der Angst spielt bei all diesen Geschichten eine große Rolle. Menschen lassen sich nicht ungern davon erregen, dass sie andere bei verbotenen Taten beobachten, die sie selbst nie tun würden.“

Vor allem die „grauen Mäuse“ sind für Noll von besonderem Reiz. Da stellt sie sich immer vor, dass „in ihrer Seele ein Vulkan brodelt und sich dort ein dunkles Geheimnis verbirgt. Das möchte ich herauskitzeln. Gerade bei Menschen, die wenig reden, denke ich immer: Da muss noch etwas im Verborgenen liegen.“ Doch Brutalität und unnötige Grausamkeit sucht man bei Ingrid Noll vergeblich. „Brutalität mag ich auch in Fernsehkrimis nicht sehen, da halte ich mir die Augen zu. Mein Mann verlässt sogar das Zimmer, wenn es zu gewalttätig wird.“ Ihre Täter kommen aus dem gleichen Milieu, in dem auch Noll mit ihrem Mann lebt, und im Umkreis von Mannheim, wo das Paar lebt. Sie sind normale Menschen wie du und ich und schlittern oft regelrecht in ihre Verbrechen hinein. Häufig sind es sogar Menschen, denen man solche Mordlust überhaupt nicht zutrauen würde. Doch gerade diese schrulligen Typen werden bei ihr zu Verbrechern. „Die meisten Menschen behaupten doch, sie könnten niemals morden. Wirklich? Jede Mutter würde ihr Kind auf Leben und Tod verteidigen“, erklärte Ingrid Noll diese Entscheidung dem Magazin BUNTE.

Das Leben der Ingrid Noll

Da spricht eine Menge Lebenserfahrung aus dieser Frau, die – selbst dreifache Mutter – 2015 ihren 80. Geburtstag feierte. Ingrid Noll wurde 1935 in Shanghai als Tochter eines wohlhabenden deutschen Arztes geboren. Sie wuchs in Nanjing auf, wo sowohl sie als auch ihre Geschwister von ihren Eltern unterrichtet wurden. Sie war eines von drei Kindern und eine ihrer jüngeren Schwestern ist die Filmwissenschaftlerin Christine Noll Brinckmann. 1949 floh die Familie zurück nach Deutschland und ließ sich in Bad Godesberg nieder, wo Ingrid Noll die katholische Mädchenschule besuchte. Im Anschluss studierte sie an der Universität von Bonn Germanistik und Kunstgeschichte, schloss dieses Studium jedoch nie ab. Im Alter von 25 Jahren heiratete sie den Arzt Peter Gullatz, dessen Namen sie annahm und in dessen Praxis sie auch lange arbeitete. Der Internist ist ihr noch heute ein guter Berater, wenn sie etwas über die Wirkungsweise von Giften erfahren oder wissen möchte, ob man an diesem oder jenem sterben kann. Das Paar hat drei Kinder, darunter den Film- und Theaterkomponisten Biber Gullatz. Bevor Ingrid Noll mit dem Schreiben begann und als Schriftstellerin erfolgreich wurde, versorgte sie die Kinder und den Haushalt, half in der Praxis ihres Mannes mit und kümmerte sich um ihre Mutter.

Ihren ersten Roman veröffentlichte Ingrid Noll mit 56 Jahren: „Der Hahn ist tot“ erschien 1991. Zu diesem Zeitpunkt hatten die Kinder das Haus verlassen und sie fand endlich mehr Zeit zum Schreiben, das sie schon einige Zeit lang in ihrer Freizeit als Hobby betrieb. Sie habe schon immer geahnt, erinnerte sie sich später, dass noch etwas auf sie wartete, doch sie brauchte erst Zeit und Ruhe, um endlich zum Schreiben zu finden. Ihr Debüt wurde auf Anhieb ein großer Erfolg. Es war der Beginn einer beeindruckenden Karriere, die Ingrid Noll zu einer der erfolgreichsten Schriftstellerinnen Deutschlands machen sollte. Von Anfang an verfolgte sie dabei ein Ziel: ihre Leser unterhalten. Deshalb schreibt sie über die Dinge, die sie faszinieren, in der Regel Frauen verschiedenen Alters, die sich auf unkonventionelle Weise ihrer Ehemänner oder Liebhaber entledigen. Noll selber begründete das gegenüber BUNTE so: „Ich kann mich besser in Frauen hineinfühlen, nicht nur weil ich selbst eine bin. Von Frauen habe ich häufiger intime Beichten gehört, die Dramen und Schicksale ihres Lebens. Von Männern weiß ich solche Dinge kaum. Männer reden ja nicht gern über ihre Gefühle.“

Das Geheimrezept der Krimi-Königin

Und so weiß Ingrid Noll auch, dass in jedem Menschen kriminelle Energie steckt, die manchmal aus Gier, manchmal aus Wut, manchmal aber auch nur durch Zufall ans Tageslicht kommt, und dass Frauen beim Morden wesentlich praktischer veranlagt sind als Männer. Dabei interessiert sie vor allem die Psychologie, also der Weg zur Tat. Die Aufklärung steht meistens im Hintergrund. Ihre Krimis enden dort, wo der klassische Whoduni-Krimi beginnt. Kommissare, Polizei und Richter sucht man in ihren Romanen vergeblich, Noll konzentriert sich lieber auf die Täter und ihre Motive. Sie verfolgen das moralische Anliegen, die eigene Selbstgerechtigkeit infrage zu stellen – ohne jedoch mahnend den Zeigefinger zu heben. Ingrid Noll will einfach, dass es Spaß macht, ihre Bücher zu lesen.

Und dass ihr das mit jedem Buch aufs Neue gelingt, das beweisen die zahlreichen Bestseller-Platzierungen der vergangenen 30 Jahre. Auch „Hab und Gier“, das Buch, das sich Noll selbst zum 80. Geburtstag schenkte, wurde auf Anhieb ein Bestseller. Ihre Bücher wurden in über 21 Sprachen übersetzt und machen Ingrid Noll zu einer der erfolgreichsten deutschen Schriftstellerinnen der Gegenwart.

Unsere Buchtipps – Diese Krimis von Ingrid Noll empfehlen wir Ihnen (in alphabetischer Reihenfolge):

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