Julie Otsuka

Julie Otsukas Romane gehen unter die Haut. © Robert BessoirJulie Otsuka (Jahrgang 1963) hält nicht viel davon, ihre Bücher nach Lehrbuch zu schreiben. Diesen Eindruck bekommt man wenigstens, wenn man ihren Roman „Wovon wir träumten“ liest. Sie will es ihrem Leser auch nicht einfach machen. Sonst hätte sie sich nicht – entgegen aller Schreibmethoden und Lehrweisheiten – dagegen entschieden, das Allgemeine auf das Besondere herunter zu brechen. Sie pickt kein Einzelschicksal heraus, um vom Schicksal vieler zu erzählen, sondern sie lässt sie alle zu Wort kommen. Asayo, Yasuko, Maysayo, Hanako, Matsuko, Shiki, Mitsuyo, Nobuye, Tora und Schiko - und wie sie alle heißen mögen, die Frauen, die um 1920 ihre japanische Heimat verließen, um im verheißungsvollen Amerika die Frauen japanischer Einwanderer zu werden. Von ihnen allen erzählt Julie Otsuka, die selbst japanische Wurzeln hat, aber in Amerika geboren wurde und aufwuchs, als kämen sie alle in einem lauten, leidvollen Chor zu Wort. Was zum Scheitern verurteilt zu sein schien, entpuppte sich als Genie-Streich, denn „Wovon wir träumten“ funktioniert. Und zwar außerordentlich gut! Der Roman berauscht seine Leser, dröhnt in ihren Köpfen und füllt ihr Innerstes mit zahllosen Bildern und Geschichten – doch er tut das auf eine solch geschickte Art und Weise, das man sich wie willenlos in ihn verliebt. Den Platz zwischen den Buchdeckeln hat Julie Otsuka mit Emotionen aufgeladen. Es knistert förmlich, wenn man die Seiten umblättert.

Vielleicht ist das der künstlerischen Ausbildung der Autorin zu verdanken, die an der Yale University Kunst studierte und anschließend einige Jahre als Malerin arbeitete. 2002 veröffentlichte Julie Otsuka dann ihren ersten Roman: „When the Emperor Was Divine“. Schon damals besann sie sich auf ihr japanisches Erbe und erzählte die Geschichte ihrer eigenen Familie. Wie später auch in „Wovon wir träumten“ spielt der tiefe japanisch-amerikanische Konflikt aus dem Zweiten Weltkrieg, der seine Höhepunkte in den Atomwaffenabwürfen und in Pearl Harbour fand, eine wichtige Rolle. In „When the Emperer Was Divine“ erzählt Julie Otsuka vom Schicksal zweier Geschwister, ihrer Mutter und ihres Onkels, die 1942 in ein Kriegsgefangenencamp nach Utah gebracht worden, wo sie drei Jahre unter menschenunwürdigen Bedingungen gefangen gehalten wurden. Ihre Geschichte ist nur eine von vielen und in ihrer ruhigen, poetischen Art setzt Julie Otsuka ihnen ebenso ein Denkmal, wie sie es in „Wovon wir träumten“ für die Picture Brides tat. Jene Frauen, die in den 1920ern mit den Fotos gut aussehender, japanischer Seidenhändler nach Amerika gelockt wurden, deren Ehefrauen sie werden sollten, und die dann dort auf herunter gekommene Obsthändler trafen, die ihnen nichts als ein Leben in Armut bieten konnten. Das Besondere an den Romanen von Julie Otsuka ist die präzise historische Recherche, die ihnen zu Grunde liegt. Otsuka bedient sich zahlreicher historischer Quellen und listet diese sorgfältig auf. Das verleiht ihren Büchern zusätzlich zu ihrem wunderbaren Stil noch eine hohe Authentizität. Für „Wovon wir träumten“ wurde Julie Otsuka mit dem PEN/Faulkner Award und vielen weiteren Literaturpreisen ausgezeichnet. Elke Heidenreich jubelte im „Schweizer Literaturclub“: „Ich habe so etwas noch nie gelesen. Das Buch hat mich sehr beeindruckt. Wie Julie Otsuka erzählt, atemlos, immer in der Wir-Perspektive, das ist atemberaubend. Ein Kollektivschicksal wird dadurch plötzlich individuell. Was die Autorin gemacht hat, ist ein Wunder.“ Wir dürfen nun gespannt sein, womit uns Julie Otsuka als nächstes begeistern wird.

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