Boris Pasternak

Als es 1958 hieß, Boris Pasternak (1890 – 1960) sei der wahrscheinlichste Kandidat für den Literaturnobelpreis, da sorgte das in der ganzen Welt für großes Interesse, aber auch für Unruhe. Pasternak, Sohn jüdischer Eltern aus Moskau, hatte einen Roman geschrieben, der in Russland sofort Publikationsverbot erhielt: „Doktor Schiwago“. Auch Übersetzungen im Ausland hatte sich die Sowjetunion verbeten. Dennoch schaffte der Roman, der heute zu den Klassikern der Weltliteratur gehört, seinen Weg nach Italien, wo er erstmals veröffentlicht wurde. Sein halbes Leben hatte Boris Pasternak daran geschrieben, um die Jahre zu schildern, in denen das Zarenreich zerbrach und die Sowjetunion entstand. Hass spürt man darin trotz allem wenig, Trauer vielleicht. Pasternak, der aus einer intellektuellen künstlerischen Familie stammt, hatte die geistige Freiheit, über die von der Sowjetunion vorgegebene Sichtweise hinaus auf die bewegenden Ereignisse zu Beginn des Jahrhunderts zurückzublicken und da mehr zu sehen, als die Oberen in der Sowjetunion wollten, das man sah. Kein Wunder, dass Pasternak zu einer literarischen Sensation wurde, über die in Moskau und anderen kulturellen Zentren Russlands eifrig gesprochen wurde – hinter vorgehaltener Hand zwar, doch Boris Pasternak ließ sich nicht totschweigen. Das lag auch daran, dass er eine recht eindrucksvolle, verehrungswürdige Person war: gutaussehend, gebildet und mit einem eigenen Kopf. Seine Texte entflammten ganze Generationen von Studenten, die gefesselt waren von seinem freien Denken. Sich seinem Bann und seiner Faszination zu entziehen, muss ein schwieriges Unterfangen gewesen sein. Bis heute hat sich daran nicht viel geändert. Nach wie vor gilt Boris Pasternak als der große, alte Weise der russischen Literatur – auch jetzt noch, wo sein Roman verfilmt worden, die Sowjetunion längst zu Grabe getragen und er selbst verstorben ist. Seinem Roman jedoch erging es anders. Ohne Genehmigung von der Partei war es unmöglich, das Buch zu veröffentlichen. Zuvor hatte Boris Pasternak bereits eine Vielzahl von Gedichten und Romanen veröffentlicht und Alexej Surkow, der erste Sekretär des sowjetischen Schriftstellerverbandes – und natürlich Parteimitglied – urteilte nach dem ersten Blick in „Doktor Schiwago“ abwertend, es sei das „schwächste Werk dieses begabten Dichters.“ Damit stand Surkow recht allein auf weiter Flur. Ilja Ehrenburg, ein Schriftsteller-Kollege, sagte der „Zeit“ damals: „Boris Pasternak ist einer der größten lebenden Dichter der Welt. Nicht nur seine Lyrik, sondern auch seine Prosa ist immer dichterisch. Immer ein paar Handbreit über der Erde, aber stets große Prosa, voll von dichterischen Bildern.“ Und das obwohl „Doktor Schiwago“ die Schwäche habe, dass einige seiner männlichen Figuren Charakterzüge von Pasternak selbst trügen. Diese begeisterte Ansicht teilen bis heute zahllose Leser in aller Welt. Nicht umsonst wurde Pasternak tatsächlich in jenem Jahr mit dem Literaturnobelpreis geehrt. Im Urteil der Jury hieß es, Boris Pasternak erhielte den Literaturpreis „für seine bedeutende Leistung sowohl in der zeitgenössischen Lyrik als auch auf dem Gebiet der großen russischen Erzähltradition.“ Doch dann der Skandal: Pasternak nahm den Preis zunächst an, lehnte ihn dann jedoch auf der Druck der sowjetischen Obrigkeit hin ab. Man schloss ihn aus dem Schriftstellerverband der UdSSR und erteilte ihm weiteres Publikationsverbot. Es ist wohl der Liebe zu seiner Heimat geschuldet, dass Pasternak sich hier beugte und trotz aller Steine, die man ihm in den Weg legte, Russland nicht verlassen wollte. Das hinderte Boris Pasternak ebenfalls nicht daran, Ideen für weitere Gedichte und Romane zusammenzutragen, doch es kam nur noch seine Autobiografie „Über mich selbst“ zustande, bevor der große russische Schriftsteller am 30. Mai 1960 an einem Herzinfarkt und starken Magenblutungen starb. Fünf Jahre später verfilmte David Lean den Roman mit Omar Sharif und Julie Christie in den Hauptrollen. Die Literaturverfilmung „Doktor Schiwago“ ist heute ein Film-Klassiker und wurde im folgenden Jahr mit insgesamt fünf Oscars ausgezeichnet. 1987 rehabilitierte die Sowjetunion den geächteten Schriftsteller im Zuge der kulturpolitischen Liberalisierung in der UdSSR posthum. Seitdem darf „Doktor Schiwago“ auch in Russland veröffentlicht werden und erhält dort nun endlich die Anerkennung, die er als Klassiker der Weltliteratur verdient. 1989 nahm der Sohn von Boris Pasternak den Literaturnobelpreis mit 31 Jahren Verspätung im Namen seines Vaters entgegen.

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