Katja Petrowskaja

Katja Petrowskaja begeisterte Leser und Kritiker mit Vielleicht Esther. (c) Heike Steinweg Es gibt viele Gründe dafür, dass Katja Petrowskaja (Jahrgang 1970) 2013 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, viele Gründe dafür, warum man ihr Buch „Vielleicht Esther“ lesen sollte und viele Gründe dafür, das Buch gerade im Sommer 2014 zur Hand zu nehmen. Die Autorin mit sowjetischen, russischen und jüdischen Einflüssen, die in der deutschen Sprache schreibt, als hätte sie nie etwas anderes getan, gewährt uns einen Blick in die ukrainische Seele – gerade zu einer Zeit, in der sich in der Ukraine ein Sturm zusammenbraut, der schlimmste Befürchtungen und böse Erinnerungen heraufbeschwört. Die Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises begründete ihre Entscheidung für „Vielleicht Esther“ von Katja Petrowskaja aber vor allem damit, dass ihr eine „Aneignung einer Geschichte durch Nachgeborene“ gelungen sei, die sich als „großartiges Geschenk an die deutsche Sprache“ entpuppe.

Katja Petrowskaja schreibt „keine Literatur“ (ZEIT), sagt sie, als sei es das Selbstverständlichste der Welt, obwohl ihr Buch von einer melodiösen, eindeutig osteuropäisch gefärbten, bildhaften Sprache lebt, die einen magischen Sog entfaltet. Doch sie meint, sie schafft nichts Künstliches, nichts Erfundenes. Das „einzig Fiktive [in ihrem Buch] ist die Sprache“, der sie viel Raum lässt und die sie keinem literarischen Zwang unterwirft. Inhaltlich ist das Buch mal Spurensuche, mal Reisereportage, Autobiografie und Quellenstudium. Ein Zusammenfügen aus Puzzleteilen, aus Erinnerungen und Zeitdokumenten, aus Zeitzeugenberichten und alten Briefen und Urkunden, wie sie in jeder Familie existieren. Doch nur wenige Menschen machen sich die Mühe, diese losen Einzelteile zusammenzufügen – und sie so zu verweben, das daraus ein großes Stück Literatur entsteht. Katja Petrowskaja schon: "Ich hatte gedacht, man braucht nur von diesen paar Menschen zu erzählen, die zufälligerweise meine Verwandten waren, und schon hat man das ganze zwanzigste Jahrhundert in der Tasche." (Spiegel), ein Jahrhundert des Massenmords, der Deportationen und Kriege.

Und so ist es wirklich: Die Schlaglichter, die die Erzählungen und Bruchstücke in „Vielleicht Esther“ in alle Richtungen werfen, verdeutlichen Millionenschicksale. Das große Ganze im erschütternden Einzelschicksal. In Anbetracht all der Toten des Zweiten Weltkrieges kann dem Tod von Petrowskajas Urgroßmutter, die vielleicht Esther hieß, vielleicht aber auch nicht (Petrowskajas Vater erinnert sich nicht; er nannte sie nur „Babuschka“), eigentlich kaum Bedeutung beikommen, doch weil wir mit ihr diesen endlos scheinenden Gang unternehmen, mit dem sie – in einem unauslöschlichen Vertrauen – den deutschen Besatzern entgegenging, bekommt er eine Bedeutung. Das Bild brennt sich für immer ein: Alle Juden der Stadt Kiew hätten sich am Montag, den 29. September 1941 um 8 Uhr morgens an der Ecke Melnikova und Dokhturovska Straße (an den Friedhöfen) einfinden müssen, hieß es auf den Plakaten. Und obwohl man ihr abriet, machte sich „Vielleicht Esther“, wie Katja Petrowskaja sie nennt, auf den Weg. Obwohl sie kaum laufen konnte und die Treppen nicht ohne Hilfe hinunterkam, folgte sie dem Aufruf. „In der Zeit, in der Babuschka ging, hätten Schlachten ausbrechen können, und Homer hätte begonnen, die Schiffe aufzuzählen.“ Der Leser geht neben ihr her und die ganze Gräuel dieses Augenblicks greift stärker nach seinem Herzen, als es eine Erzählung der Fakten je gekonnt hatte.

Diese Szene wird umso eindrücklicher als sich Katja Petrowskaja weder von literarischen Konventionen einengen, noch von der Last der Geschichte erdrücken lässt. Sie erlaubt dem Leser, am Prozess des Erinnerns, Schreibens und Zusammensetzens teilzuhaben, erlaubt es sich, zu spekulieren, zu phantasieren und zu träumen. „Ich beobachte diese Szene wie Gott aus dem Fenster des gegenüberliegenden Hauses. Vielleicht schreibt man so Romane. Oder auch Märchen. Ich sitze oben, ich sehe alles!“, schreibt sie in jenem Auszug des Buches, für den sie den Ingeborg-Bachmann-Preis erhalten hat. Und selbst in solchen Momenten lässt sie einen Sinn für Komik erkennen. Das sei, sagt sie gegenüber der „ZEIT“, ihr "Familienstil": „eine über Generationen gewachsene Art, sich in einschlägigen Herrschaftssystemen zu behaupten.“ "Ein Witz ist wichtiger als eine richtige Antwort, das Wort ist mehr wert als das Ergebnis. Lieber ein Clown sein, als Regeln zu akzeptieren, die man nicht respektiert." Das galt schon für ihre Eltern, einen Literaturwissenschaftler, von dem nur wenige Bücher veröffentlicht wurden und der dennoch weiterschrieb, und einer Historikerin, die sich nach 1968 weigerte, Neue Geschichte zu unterrichten. Und das gilt noch heute für Katja Petrowskaja, deren Buch alle Erwartungen übertrifft. Die deutsche Literatur dankt es ihr!

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