Anja Reich

Es gibt Fragen, auf die wird es wohl nie eine eindeutige Antwort geben - das musste sich wohl auch Anja Reich eingestehen, die sich als Redakteurin mit dem Mordfall Brigitte Scholl beschäftigte. 2011 wurde die Leiche der Ehefrau des ehemaligen Bürgermeisters von Ludwigsfelde ermordet in einem Wald aufgefunden. Der trauernde Ehemann, Heinrich Scholl, fünfmaliger Bürgermeister des Ortes, wird bald zum Hauptverdächtigen – und anderthalb Jahre später in einem spektakulären Indizienprozess zu lebenslanger Haft verurteilt. Ein Geständnis oder zuverlässige Zeugenaussagen gibt es bis heute nicht. Anja Reich hat sich aufgemacht, den Fall genauer zu untersuchen. Eine Antwort hat sie nicht gefunden, dafür aber einen Blick hinter die Kulisse der 50-jährigen Vorzeigeehe der Scholls geworfen. In Gesprächen mit Heinrich Scholl, aber auch mit Bekannten, Freunden, Nachbarn und ehemaligen Wegbegleitern, hat Anja Scholz die Ab- und Hintergründe des Falls hervorragend herausgearbeitet und die Familientragödie in ihren zeitlichen und räumlichen Kontext eingebettet.

Das erste Mal kam Anja Reich mit dem Fall Scholl in Kontakt, als sie 2011 für die „Berliner Zeitung“ arbeitete und einer ihrer Kollegen über den Mord an Brigitte Scholl berichtete. „Anschließend kamen viele aufgeregte Anrufe von Leuten aus Ludwigsfelde, die ich als verantwortliche Redakteurin besänftigen musste. Dabei habe ich immer mehr erfahren über diesen geheimnisvollen Mord und diese Stadt, die von den Nazis in den 30er Jahren rund um ein Rüstungswerk gebaut wurde und in der es heute die größte FKK-Therme Europas gibt. Das passte alles nicht richtig zusammen, war aber so spannend, dass ich mich eines Tages einfach in den Zug gesetzt habe und selbst nach Ludwigsfelde gefahren bin“, erinnert sich Anja Reich im Interview mit der Berliner Zeitung „Tip“. Von da an hat die Geschichte sie nicht mehr losgelassen. Ihr Buch „Der Fall Scholl: Das tödliche Ende einer Ehe“ (2014) ist mehr als nur das Porträt einer Ehe. Es zeichnet eine DDR-Biografie voller Brüche nach, zeigt eine schillernde Figur der Wendezeit, getrieben von übermenschlichem Ehrgeiz, und spricht auch von Einsamkeit und vergeblicher Sehnsucht nach Anerkennung.

Deutlich wird: Als Brigitte Scholl starb, war ihr Mann praktisch von Sinnen. „Er hatte ja zu diesem Zeitpunkt alles verloren in seinem Leben, was ihn bisher von der Beziehung mit seiner Frau abgelenkt hatte: Seine Arbeit, seine Wohnung in Berlin, seine Geliebte.“ (Anja Reich in „Tip“) Doch reicht das als Motiv aus? Anja Scholl hat auch den „großen Unbekannten“ im Fall Scholl getroffen, den Mann, mit dem Brigitte Scholl eine Affäre gehabt haben soll. Auch er käme als Mörder in Frage. Anja Reich gegenüber habe er jedoch versichert, er habe sie nicht umgebracht. Am Ende muss sich der Leser ohnehin selbst eine Meinung über den Fall Scholl bilden. Diese Aufgabe nimmt Anja Reich ihm nicht ab, versorgt ihn aber mit einem dichten Netz an Informationen und beweist damit einmal mehr, dass sie 2012 zu Recht mit dem Deutschen Reporterpreis ausgezeichnet worden ist. Ihre vorliegende Arbeit ist sachlich und zugleich packend geschrieben und greift kein Urteil vorweg. Und das ist bei einem solchen Thema wohl die größte Herausforderung.

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