Yasmina Reza

Yasmina Reza (Jahrgang 1959) ist die weltweit meistgespielte zeitgenössische Dramatikerin, die ihren Durchbruch mit dem Theaterstück „Kunst“ feierte, das u.a. mit dem Tony Award und dem Laurence Oliver Award ausgezeichnet wurde. Die Französin begann ihre Karriere als Schauspielerin, wurde aber wegen „ihrer äußeren Erscheinung“, wie sie der Welt am Sonntag sagte, „bevorzugt in zeitgenössischen Stücken“ besetzt. Die Klassiker blieben ihr, als „orientalischem Typ“, verwehrt. Als Tochter eines iranischen Vaters und einer ungarischen Mutter war sie „typisiert“, wie sie es nennt. Dabei ist Yasmina Reza davon überzeugt, dass ihre Eltern ihr „von ihrer Jugend, ihren Ländern, ihrer Sprache und auch von ihrer Religion nichts übertragen haben“ (Der Standard). Das beförderte zweifellos ihren Entschluss, nicht länger auf Rollenangebote zu warten, sondern ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen. „Ich liebte das Theater, und ich liebte die Sprache, also war es logisch, für das Theater zu schreiben“ (DIE ZEIT). Der Erfolg gab ihr Recht mit dieser Entscheidung.

Ihre Begeisterung für Kunst und Kultur ist das einzige, was Yasmina Reza, die heute mit ihren zwei Kindern in Paris lebt, von ihren Eltern übernommen zu haben glaubt. Ihr Vater habe sich Kultur selbst erschlossen, erzählte sie der Welt am Sonntag. Für ihn habe die europäische Kultur vor allem aus der Musik, „vertreten durch deutsche oder österreichische Komponisten wie Mozart oder Beethoven, sowie aus der deutschen Philosophie und Geisteshaltung“ bestanden. „Das Denken und die Musik waren für ihn in Deutschland beheimatet“, erinnert sich Yasmina Reza. Umso stolzer war sie deshalb, als Deutschland das erste Land war, dass ihre Arbeit ernst nahm. Während man sie in Frankreich noch lange als leichte Kost betrachtete, „weil es eben auch komische Stellen gab“, erhielt sie in Deutschland gleich die Aufmerksamkeit, die ihr heute aus der ganzen Welt zuteilwird. „Heute habe ich manchmal den Eindruck“, sagt sie im Interview mit der Welt am Sonntag, „dass sich die Themen meiner Bücher den Deutschen eher erschließen als den Franzosen.“

Die Dramen von Yasmina Reza zeichnen sich durch eine hohe Sprachkunst aus. „Wie auf der Bühne geredet wird, interessiert mich mehr, als was da geredet wird“, sagte sie gegenüber der ZEIT. Deswegen verwende sie manchmal Wörter nur, weil sie an einer bestimmten Stelle besonders gut klingen. Dennoch lässt es Yasmina Reza nicht an Inhalt, Tiefgang und Emotionen fehlen. Das „Erschließen des Menschlichen, ein Erschließen des Unbekannten“ (aus dem Programmheft zu „Drei Mal Leben“) ist für sie die edelste Aufgabe beim Schreiben. Dabei könne sie Möglichkeiten erkunden und andere Leben leben. Das Drama, das als Gattung in der Literatur heute verhältnismäßig wenig Beachtung findet, ist für Yasmina Reza dafür bestens geeignet, erlegt es ihr doch Vorgaben auf, die sie zu einer Verdichtung und Konzentration zwingen, die es in keiner anderen Literaturgattung gibt. „Sie können nicht 400 Leute auf die Bühne stellen, Sie können nicht kommentieren, was die Figuren sagen, nicht korrigieren, was sie denken, Sie verfügen nur über begrenzte Zeit. Die Kunst besteht darin, innerhalb dieses fixen Rahmens die größtmögliche Phantasie zu entwickeln“, erklärte sie in der ZEIT.

In all dem ist Yasmina Reza inzwischen Meisterin. Sie versteht es, ihre Figuren zu entblößen, sie vollends zu durchschauen, sie so in die Enge zu treiben, dass sie sich in die beste oder schlechteste Version ihrer selbst verwandeln. Das hat sie in „Der Gott des Gemetzels“ meisterhaft bewiesen, jenem modernen Kammerspielt, das Roman Polanski 2011 wunderbar mit Jodie Foster, Kate Winslet, Christoph Waltz und John C. Reilly verfilmt hat (DVD „Der Gott des Gemetzels“). Es sollte eine kultivierte Unterhaltung bei Kaffee und Kuchen werden, um die Differenzen zwischen den beiden Familien (bzw. deren Söhnen) aus dem Weg zu räumen. Doch gefangen auf engstem Raum und bedrängt von Vorwürfen und schwelenden Konflikten, offenbaren die vier Figuren schon bald die tiefsten Abgründe. Ähnliches passiert in Yasmina Rezas „Glücklich die Glücklichen“. Auch hier entstehen durch die Nähe der Paare Konflikte, die sich ansammeln und summieren, bis die Eskalation unvermeidlich ist.

„Glücklich die Glücklichen“ ist der dritte Roman von Yasmina Reza, die ihr Portfolio Ende der 1990er Jahre auch auf Drehbücher und Prosa ausweitete. „Der größte Teil der Freude“ beim Lesen, schreibt Spiegel-Rezensentin Maren Keller, „rührt von Rezas Talent, immer genau die eine Nichtigkeit zu finden, die die kultivierte Fassade ihrer Figuren nach Jahren der Anstrengung einstürzen lässt. […]Dem falschen gekauften Käse entspringt ein körperliches Ringen um die Autoschlüssel. Der Weigerung das Licht auszumachen, entspringt die Drohung, ins Hotel zu ziehen.“ So stößt uns Reza auf eine Wahrheit, die für manche – vor allem für ihre Figuren – schwer zu verdauen ist: Das Glück besteht nicht aus der perfekten Inneneinrichtung einer schicken Stadtwohnung, in der zwei kultivierte Kinder leben. Es besteht aus Momenten, aus Lichtblitzen, aus Wahrhaftigkeit. Und auch die hat Yasmina Reza entdeckt – und aus all dem Ballast, der Pflicht, glücklich zu sein, für uns herausgeschält. Damit festigt sie einmal mehr ihre Stellung als eine der wichtigsten Figuren der Gegenwartsliteratur.

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