Joachim Ringelnatz

Joachim Ringelnatz (1883 – 1934) war ein Mann mit vielen Gesichtern und vielen Namen, ein Abenteurer, wie es sie nur noch ganz selten gibt. Geboren und aufgewachsen als Hans Bötticher im sächsischen Städtchen Wurzen reiste er später als Leichtmatrose Kuttel Daddeldu auf einem Frachter um die Welt, um dann in der Künstlerkneipe Simplicissimus in München als Joachim Ringelnatz mit seinen eigenen Versen berühmt zu werden. Es war ein Leben wie aus einem Abenteuerbuch, das er führte, mit seinen eigenen Dämonen, mit Alpträumen, Spiel- und Trinksucht und einem tragischen Ende, als der mittellose Künstler im Alter von 51 Jahren einer Krankheit erlag. Bis heute ist der deutsche Schriftsteller, Kabarettist und Maler, der auf Fotos immer ein schelmisches Lächeln zur Schau trägt, wegen seiner humoristischen Gedichte um die Kunstfigur Kuttel Daddeldu bekannt und geschätzt.

Joachim Ringelnatz: Kindheit des Hans Bötticher

Joachim Ringelnatz entstammt einem kreativen Elternhaus: Sein Vater, Spross einer Gelehrtenfamilie, arbeitete als Musterzeichner in der Wurzener Tapetenfirma August Schütz und verdiente später als Verfasser humoristischer Verse und Kinderbücher seinen Lebensunterhalt. Seine Mutter entwarf Muster für Perlstickereien und Puppenkleidung. Vor allem der Vater war Vorbild für den jungen Mann und seine Werke zeigen deutlich den Wunsch, ihm nachzueifern. Von den anderen Kindern gehänselt, flüchtete sich der aufmüpfige Junge in Rüpeleien und trieb allerhand Streiche und üble Scherze, über die sein Vater großmütig hinwegblickte. Einmal trieb er es zu weit und wurde des Gymnasiums verwiesen und auf die Tollersche Erziehungsanstalt strafversetzt.

Auf der anderen Seite zog er sich schon früh in das einsame Schreiben und Zeichnen zurück und verfasste bereits mit neun Jahren das erste Werk, das bis heute von ihm erhalten ist: „Landpartie der Tiere“. Dabei orientierte sich Ringelnatz deutlich am Stil Wilhelm Buschs. Nach der Schule, die er als „Schulrüpel ersten Ranges“, so der Lehrer, verließ, begann Joachim Ringelnatz, der damals noch Hans Bötticher hieß, seine abenteuerliche Reise auf dem Segelschiff Elli. Auch hier hatte er es nicht leicht. Der Kapitän selbst verpasste ihm den Spitznamen „Nasenkönig“ und Schikanen und körperliche Gewalt waren auf dem Schiff an der Tagesordnung.

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Die rastlosen Wanderjahre des Joachim Ringelnatz

Nach seiner Rückkehr nach Hamburg hielt sich der spätere Dichter mit mehr als 30 teils absurden Jobs über Wasser und war immer wieder als Leichtmatrose auf den sieben Weltmeeren unterwegs. Und zwischendurch immer wieder Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit und Hunger. 1903 fanden diese Abenteuer jedoch ein jähes Ende, als ihm die weitere Ausübung des Matrosenberufes wegen mangelnder Sehschärfe untersagt wurde. Ringelnatz arbeitete daraufhin als unbezahlter Lehrling in einer Hamburger Dachpappenfirma und schrieb sich an der Leipziger Universität für Handelswissenschaften ein – ein Studium, das er jedoch nie antreten konnte, weil sein Vater die Gebühren nicht aufbringen konnte. Wie zum Trost veröffentlichte der Vater ein zweites Gedicht seines Sohnes in „Auerbach’s Deutschem Kinderkalender“, den er seit 1901 herausgab. In diese Zeit fallen auch die ersten Ölgemälde Ringelnatz‘.

Ringelnatz war zeitlebens ein großer Junge, der zu Streichen neigte und keine Grenzen kannte. Ein gesetztes Leben war nichts für ihn. Als fahrender Sänger und Gelegenheitsarbeiter reiste er durch die Landen, kam in Antwerpen kurzzeitig ins Gefängnis und erhielt in München eine Anstellung in einem Münchner Reisebüro – bis schließlich herauskam, dass er keine fünf Sprachen beherrschte. Erst als er 1909 begann, regelmäßig in der Münchner Künstlerkneipe „Simplicissimus“ aufzutreten, und damit zum Hausdichter avancierte und Freundschaft zu den großen Geistern der Münchner Künstlerszene – Frank Wedekind, Hermann Hesse und andere – schloss, wurde sein Leben etwas steter. Unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlichte er daraufhin Gedichte in der angesehen satirischen Zeitschrift „Simplicissimus“, ein autobiografisches Essay, zwei Kinderbücher und auch einen ersten Band mit ernsten Gedichten. Im Kreis der Münchner Künstlergemeinde, die Ringelnatz trotz seines großen Bildungsrückstands als einen der ihren akzeptierte, kam er in Kontakt mit den Werken der Weltliteratur.

Endlich: Der späte Erfolg des Joachim Ringelnatz

Doch Joachim Ringelnatz blieb sein ganzes Leben über rastlos. Fast vollkommen mittellos und mit nicht mehr als den Kleidern, die er am Leib trug, reiste er durch Europa, schlug sich mit verschiedenen Gelegenheitsjobs durch und landete schließlich auf Schloss Klein-Öls, wo er als Privatbibliothekar beim Grafen Heinrich Yorck von Wartenburg eine Anstellung fand. Hier sollte er den Nachlass Wilhelm Diltheys ordnen, er verbrachte jedoch mehr Zeit damit, mit den Kindern des Grafen zu spielen. Später verdingte sich Joachim Ringelnatz als Kammerherrn des Freiherrn von Münchhausen-Moringen und Fremdenführer auf Burg Lauenstein. In dieser Zeit erschien der erste Teil seiner Autobiografie, „Was ein Schiffsjungen-Tagebuch erzählt“, seine Gedichtsammlung „Die Schnupftabakdose“, bis heute eines seiner wichtigsten Werke, und der Novellenband „Ein jeder lebt’s“. Finanziellen Erfolg brachte ihm jedoch keines dieser Werke ein.

Im ersten Weltkrieg meldete er sich zur Marine, diente auf Sperrschiffen und einem Minenlegeschiff, ohne jedoch jemals in eine Schlacht geschickt zu werden, was Joachim Ringelnatz sehr bedauerte. Nach dem Krieg lebte er mit seiner Frau, einer Lehrerin, die er 1920 heiratete, in München, feierte zeitgleich aber erste Erfolge im Berliner Kabarett „Schall und Rauch“. Ein Jahr zuvor hatte er sich den Namen Ringelnatz gegeben. Vermutungen zufolge spielte er damit auf das „Ringelnass“ (seemännisch für Seepferdchen“) an. Die folgenden Jahr verbrachte er als reisender Vortragskünstler und wurde in seinem Matrosenkostüm bald so berühmt und gefragt, dass er Aufträge sogar ablehnen musste. 16 Schallplattenaufnahmen und die beiden erfolgreichen Dichtbände „Kuttel Daddeldu oder das schlüpfrige Land“ und „Turngedichte“ legen Zeugnis von diesem Höhepunkt seiner Karriere ab. Zahlreiche Bilder aus den frühen 20er Jahren vervollständigen das Gesamtwerk des Autors und lassen einen tiefen Blick hinter die Kulissen werfen. Sie zeigen, dass hinter dem oft verkannten Dichter lustiger Verse mit dem skurrilen, markanten Gesicht ein hoch begabter, tiefgründiger Mensch stand. Er sagte einmal: „Ich bin überzeugt, dass mein Gesicht mein Schicksal bestimmt. Hätte ich ein anderes Gesicht, wäre mein Leben ganz anders, jedenfalls ruhiger verlaufen.“

1930 zog Joachim Ringelnatz mitsamt Frau nach Berlin um. Drei Jahre später belegten ihn die Nationalsozialisten mit einem Auftrittsverbot, seine Bücher wurden beschlagnahmt und verbrannt. 1934 brach die Tuberkulose mit geballter Kraft über Joachim Ringelnatz herein und am 17. November erlag er ihr schließlich.

 

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