Ralf Rothmann

Ralf Rothmann ist einer der wichtigsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. © Heike Steinweg/Suhrkamp VerlagRalf Rothmann (Jahrgang 1953) gehört zu den wichtigsten Autoren der deutschen Gegenwartsliteratur. Ina Hartwig, die Rezensentin der ZEIT, spricht sogar davon, dass Rothmann mit „Im Frühling sterben“ die „Nach-Grass-Ära kraftvoll eingeleitet“ hätte, und hebt ihn damit noch einmal deutlich aus den Autoren seiner Generation hervor. Sandra Kegel bezeichnete ihn in der FAZ als den „womöglich […] feinnervigste[n] seiner Generation“. Medienübergreifend ist man sich einig, dass Ralf Rothmann zu den Autoren gehört, die man gelesen haben muss, und dass ihm mit „Im Frühling sterben“ ein ganz großer Roman über das Ende des Zweiten Weltkrieges gelungen ist.

Der Krieg und der traumatisiert schweigende Rückkehrer-Vater sind zwei fixe Motive im Werk von Ralf Rothmann. Schon früh taucht die Figur des verstummten, an den Folgen der Untertagearbeit und des Alkoholkonsums viel zu jung verstorbenen Vaters in seinen Büchern auf. Doch was „Im Frühling sterben“ anders macht, ist, dass die Zeit der Abrechnung für den Sohn nun vorbei zu sein scheint. Statt Verurteilung und Schuldzuweisung bringt Rothmann seinem Protagonisten eine Empathie und ein Verständnis entgegen, die endlich neue Töne anschlagen. Rothmann zeigt, dass es in diesen Zeiten möglich war, unschuldig schuldig zu werden. Doch dieser Bruch ist nicht nur ein Bruch mit der eigenen Bibliographie, sondern auch eine „Zäsur in der Geschichte der Sohnesliteratur“, wie es Ursula März im Deutschlandradio nennt. „Die Zeit der ödipalen Abrechnung und Aburteilung ist vorbei. Die Zeit der differenzierten Anteilnahme hat begonnen. Dies ist ein großer Gewinn an Erkenntnistiefe.“

Ralf Rothmann wuchs als Sohn eines Bergarbeiters im Ruhrpott auf und absolvierte eine Lehre als Maurer. Auch die anderen Jobs, die er später annahm, zeigten seine Prägung durch das proletarische Kleineleutemilieu seiner Kindheit: Rothmann arbeitete als Fahrer, Koch, Drucker und als Krankenpfleger und nichts ließ erahnen, dass aus ihm einmal einer der wichtigsten Autoren seiner Generation werden sollte. 1984 veröffentlichte er in Berlin den Lyrikband „Kratzer“. Es brachte ihm das Märkische Stipendium für Literatur ein und erlaubte es Rothmann, sich verstärkt dem Schreiben zu widmen. 1991 folgte sein erster Roman: „Stier“. Heute lebt er als freier Autor am Berliner Müggelsee und schreibt jene Bücher, die von einer einzigartigen „Verbindung zwischen poetischer Anschaulichkeit und Kleineleutemilieu, zwischen träumerischer Sensibilität und krudem Sozialrealismus“ (Deutschlandradio) leben, für den Ralf Rothmann inzwischen berühmt ist.

Sein naiv-kritischen Blick der Kinder auf die kaputte Welt der Erwachsenen in den 50er und 60er Jahren, gepaart mit der Sprache der Arbeiter, erzeugt eine atmosphärische Dichte, die in der Gegenwartsliteratur ihres Gleichen sucht und erweckt ein untergegangenes Milieu zu neuem Leben. Dafür und für vieles mehr wurde Rothmann bereits mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, erhielt zum Beispiel 2005 den Heinrich-Böll-Preis und 2008 den Hans-Fallada-Preis. Den Deutschen Buchpreis will er jedoch nicht. Er ließ sich von seinem Verlag gar nicht erst nominieren. Selbst die Bitte der Nachnominierung aus der Jury habe er „abschlägig beschieden“, hieß es in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Kein Zweifel: Hätte sich Ralf Rothmann dem alljährigen Medienspektakel anschließen und dem Rennen um den Deutschen Buchpreis beiwohnen wollen, hätte sein Buch „Im Frühling sterben“ sicher sehr gute Chancen gehabt. Doch „er möchte lieber nicht“, heißt es bei seinem Verlag. Sandra Kegel von der Frankfurter Allgemeinen Zeitung verleitete das zu der Aussage: „Für den Deutschen Buchpreis freilich ist das keine gute Nachricht. Denn die Auszeichnung gilt laut Börsenverein dem „besten deutschsprachigen Roman des Jahres“. Vielleicht sollte es künftig besser heißen: dem besten deutschsprachigen Roman, der eingereicht wurde.“

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