Renata Salecl

Renata Salecl hat sich intensiv mit der Tyrannei der Freiheit beschäftigt. (c) Domen PalRenata Salecl (Jahrgang 1962) ist eine slowenische Philosophin und Soziologin, die spätestens seit ihrem Buch „(Per)Versionen von Liebe und Haß“ bekannt dafür ist, die konsumkapitalistische Gesellschaft mit dem Gespür einer Philosophin und dem Fokus einer Psychologin zu durchleuchten. Dabei stieß Salecl auf etwas, was sie "Tyrannei der Wahl" nennt: eine westliche Ideologie, in der jeder glaubt, alles wählen zu können. „Wen wir lieben, wie wir aussehen, selbst die Wahl des Kaffees will gut überlegt sein“ (Salecl im Interview mit dem Spiegel), Doch: „Das ist äußerst schädlich.“Als Psychologin weiß Renata Salecl, dass sich der Mensch durch den ständigen Zwang, sich entscheiden zu müssen, permanent gestresst fühlt: „Überfordert. Und schuldig. Denn wenn es mir schlecht geht, ist das gemäß dieser Ideologie meine eigene Schuld. Ich habe die falsche Wahl getroffen.“ Zugleich, so Renata Salecl, können wir damit nie zufrieden werden, denn selbst wenn wir die richtige Entscheidung getroffen haben, glauben wir, dass hinter der nächsten Ecke etwas noch besseres warten könnte.

Als Philosophin wiederum  sieht Renata Salecl vor allem die Gefahr, die in der Illusion liegt, man hätte Macht über sein Leben. Denn über uns allen schwebt permanent der Zwang glücklich sein zu müssen. „Glück ist zur Leistungsvorgabe verkommen“, glaubt Salecl. „Die Welt ist voll mit Frauenzeitschriften, die uns vorschreiben, was uns glücklich macht. Voll mit Facebook-Statusmeldungen, die uns zeigen, wie viel andere aus ihrem Leben machen.“ Man muss glücklich sein, sonst hat man versagt – und die falschen Entscheidungen getroffen. Das kann nur bedeuten, dass wir niemals wirklich ankommen können. „Die Ideologie des Selfmademan treibt uns an, wir arbeiten mehr, konsumieren mehr, am Ende konsumieren wir uns selbst“, erklärt Renata Salecl. Die Folgen sind allseits bekannt: Burn-out, Bulimie und andere Zivilisationskrankheiten. All das vor allem deshalb, weil wir überfordert sind, weil wir kein Maß mehr kennen, weil wir glauben, alles haben zu können. Lesen Sie hierzu auch „Hybris – Die überforderte Gesellschaft“ von Meinhard Miegel.

Zugleich können wir uns, Renata Salecl zufolge,  aus dieser Zwangssituation nur sehr schwer befreien, denn wie schon Sigmund Freud feststellte, bereitet das Leiden dem Menschen eine masochistische Freude. Er ist also kaum in der Lage, sich aus dieser Qual zu befreien – und die konsumkapitalistische Gesellschaft nutzt das aus. Auch Renata Salecl hat kein Heilmittel dagegen gefunden. Ihr Buch „Die Tyrannei der Freiheit“, das 2014 erschienen ist, ist deshalb als philosophisches Essay und nicht als Lebenshilfe-Ratgeber zu verstehen. Nach der Lektüre lebt man aber durchaus etwas entspannter, weil man weiß, dass unsere Entscheidungen nicht rational sind, „dass wir jedes Mal, wenn wir etwas wählen, etwas anderes verlieren. Und dass wir die Folgen unserer Entscheidungen kaum kontrollieren können.“ Am Ende bleibt uns nichts übrig, als bei aller Auswahl konsequent zu bleiben. Das ist die wohl wichtigste Erkenntnis, die man aus diesem Buch von Renata Salecl entnehmen kann. Und schon allein die macht die Lektüre äußerst lohnenswert.

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