Johannes Schlaf

Johannes Schlaf (1862 – 1941) ist einer der Meister des deutschen Naturalismus in der Literatur, ein literarischer Pionier, ein Vorreiter und Revolutionär. Gemeinsam mit seinem Schriftstellerkollegen, dem Berliner Arno Holz, schuf der aus Querfurt und Magdeburg stammende Autor eine vollkommen neue literarische Theorie, die Theorie des „konsequenten Naturalismus“. Der Naturalismus, so wie Johannes Schlaf ihn verstand, ist eine literarische Methode der wissenschaftlich genauen Beobachtung der Natur. Der Mensch und sein Verhalten sind die Summe von Erbanlage und Milieu und dieses Milieu galt es in all seinen Einzelheiten zu erfassen und zu beschreiben – und zwar so minutiös, wie nur irgendwie möglich. Sekundengenaue Beschreibungen, bei denen die erzählte Zeit mit der Erzählzeit deckungsgleich ist - der Literaturhistoriker Adalbert von Hanstein nannte diesen Stil, der in den Werken von Johannes Schlaf häufig zu finden ist, „Sekundenstil“ – und Dialekt trugen dazu bei, dass die Beschreibungen überaus authentisch waren. Der dokumentarische Erzählstil, wie Schlaf und Holz ihn prägten, war eine Reaktion auf eine Zeit, in der es jeden Tag neue, spannende wissenschaftliche Entdeckungen gab, und diente auch der genauen Abbildung menschlichen Leidens. Die Naturalisten zeigten einen neuen Mut zum Hässlichen, zu den Schattenseiten des modernen, urbanen, industrialisierten Lebens und übten damit eine Form von Gesellschaftskritik, die der Gesellschaft einen genauen Spiegel vorhielt, auf dass sie ihre Fehler selbst darin erkannte. Es ist deshalb kein Wunder, dass Johannes Schlaf kein Bestseller-Autor wurde. Zu Lebzeiten wurde das Werk der beiden Autoren, die in Berlin zusammenlebten und -arbeiteten und unter dem Pseudonym Bjarne P. Holmsen veröffentlichten, weitgehend verkannt. Nur einige weniger Vordenker, wie Theodor Fontane, erkannten die Leistungen der beiden für die moderne Literatur und wagten es, sie öffentlich dafür zu loben. Obwohl ihre beiden gemeinsamen Werke, „Die Familie Selicke“ und „Papa Hamlet“, heute ein fester und wichtiger Bestandteil der deutschen Literatur sind und zum Lesekanon der Literaturbildung gehören, lebten Johannes Schlaf und sein Kollege in Armut und sozialer Isolation. Als sie dann auch noch über die Aufteilung der geringen Einnahmen in Streit gerieten und bald darauf getrennte Wege gingen, verschlimmerte sich diese Situation noch einmal mehr. Neben seinen eigenen Tätigkeiten als Dramatiker und Erzähler betätigte sich Johannes Schlaf deshalb auch als Übersetzer und trug so maßgeblich zur Verbreitung von Walt Whitman, Émile Verhaeren und Émile Zola in Deutschland bei. Zeit seines Lebens litt Johannes Schlaf unter einer labilen Gesundheit. Bereits 1893 kam er nach einem Nervenzusammenbruch ins Krankenhaus und verbrachte anschließend längere Zeit in einem Sanatorium und in diversen Heilanstalten. Doch die „Nervenkrankheit“ und „Gemütsdepression“, wie Schlaf sie später nannte, sollte ihn niemals ganz verlassen. Viele seiner späten Dramen waren dann von völkischen Vorstellungen geprägt, die dazu führten, dass Johannes Schlaf in die „gesäuberte“ Deutsche Akademie der Dichtung der Nationalsozialisten aufgenommen und von ihnen für seine Verdienste als naturalistischer Dichter gewürdigt wurde. Als er 1941 in Querfurt starb, nahmen auch viele hochrangige NS-Vertreter an seinem Begräbnis teil. Was er in den letzten Jahren geschaffen hat, ist vielfach in Vergessenheit geraten. Heute lobt man Johannes Schlaf vor allem für sein Frühwerk, für „Papa Hamlet“ und „Die Familie Selicke“, aber auch für „Meister Oelze“, „In Dingsda“ und „Frühling“.

DuMont Reiseverlag, Reiseführer, DuMont Reise, Kunst-Reiseführer