Friedrich Schorlemmer

Friedrich Schorlemmer fühlt sich der Wahrheit verpflichtet. (c) Michael_ReichelFriedrich Schorlemmer (Jahrgang 1944) hat als Bürgerrechtler in der DDR gelernt, dass es notwendig sein kann, aufzustehen und das auszusprechen, was andere nicht zu sagen wagen. Bis heute bleibt er sich mit diesem Konzept selbst treu: Er gilt als streitlustig, provokativ und polarisierend – und fühlt sich dabei stets der Wahrheit verpflichtet. Schon von frühester Kindheit an war es Schorlemmer vorgezeichnet, dass er kein Leben mit dem Strom würde führen können: Als Sohn eines Pfarrers gehörte er in der DDR zur Opposition und musste erleben, wie ihm aufgrund seiner Herkunft der Besuch der Erweiterten Oberschule verwehrt wurde. Doch Schorlemmer ließ sich nicht von seinem Weg abbringen und fand eine Lösung: Er machte das Abitur an der Volkshochschule und erwarb sich so die Zugangsberechtigung zum Studium der Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg. Diesem eingeschlagenen Weg folgte er auch später stringent weiter: Er war Studentenpfarrer in Merseburg, Dozent am Evangelischen Predigerseminar und Prediger an der Schlosskirche in der Lutherstadt Wittenberg – ohne jedoch jemals sein politisches Engagement zu vernachlässigen. Sei es gegen die neue Verfassung der DDR oder gegen den militärischen Einmarsch in der Tschechoslowakei - wenn es in den 1970er Jahren darum ging, sich für Frieden, Menschenrecht und Umweltschutz einzusetzen, war Friedrich Schorlemmer ganz vorn mit dabei.

Endgültig bekannt wurde er durch seine aufsehenerregende Aktion „Schwerter zu Flugscharen“. Dafür ließ er 1983 im Beisein des damaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker ein Schwert zur einer Flugschar umschmieden. Spätestens nach dieser symbolträchtigen Geste galt Schorlemmer als einer der Hoffnungsträger der Friedensbewegung in der DDR, der sich mit starker Stimme für atomare und konventionelle Abrüstung in Ost und West und für eine konsequente Entspannungspolitik einsetzte. Eine Wiedervereinigung hingegen strebte Schorlemmer nicht an. Die DDR sollte unabhängig bleiben, sich jedoch für die Demokratie öffnen. Der demokratische Sozialismus war auch das Ziel des Aufrufs „Für unser Land“, den Friedrich Schorlemmer 1989 als einer der Ersten unterschrieb. Während der gesamten Wendezeit trat Schorlemmer immer wieder als einer der führenden Revolutionäre aus kirchlichen Reihen in Erscheinung und war bald bekannt und berüchtigt dafür, die Wahrheit auszusprechen, die viele nur sehr ungern hören wollten. Daran hat sich bis heute nichts geändert: Mahnende Wahrheiten sind noch immer das Markenzeichen von Friedrich Schorlemmer. Als Mitherausgeber der politisch-wissenschaftlichen Monatszeitschrift „Blätter für deutsche und internationale Politik“ und früherer Mitherausgeber der Wochenzeitung „der Freitag“ verschaffte er sich mit seinen Friedensbotschaften Gehör und verurteilte unter anderem die völkerrechtswidrig Invasion im Irak 2003. Seine Aufgabe beim „Freitag“ verstand Schorlemmer als „Berater – einer, den man um Rat fragt und der durch seine Haltung die Zeitung repräsentiert“. Dabei war es ihm immer ein Anliegen, „die politischen Implikationen des theologischen Denkens hochzuhalten“. 2012 endete die Zusammenarbeit mit dem „Freitag“ für Friedrich Schorlemmer.

Bis heute hat er, der als streitlustig und provokativ gilt, nichts an Schlagkraft verloren und polarisiert weiterhin mit seinen Aussagen. Für seine Verpflichtung der Wahrheit gegenüber wird er gleichermaßen verflucht und bewundert. 1993 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels. In der Begründung der Jury hieß es, mit dem Preis werde ein aufrechter und couragierter Mann geehrt, der „durch seine Worte und Taten seinen Mitmenschen den Glauben an die eigene Kraft wiedergab und sich mit ihnen Gewalt und Unterdrückung entgegenstellte.“ Abschließend lobte die Jury: „Friedrich Schorlemmer wird damit und durch seine grenzenlose Friedensarbeit zu einem Vorbild für die Menschen in Deutschland und in der Welt.“ Heute schreibt Schorlemmer vor allem Bücher. Sie sind nicht selten umstritten und sorgen immer wieder für heftige Diskussionen. Seine Bibliografie deckt die ganze Bandbreite seines Wirkens ab. Deshalb finden sich hier religiöse Bücher, wie „Hier stehe ich, Martin Luther“, „Die Bibel für Eilige“ und „Das Buch der Werte“, aber auch Bücher, die man als Ratgeber zur Lebenshilfe verstehen kann: „Einander achten – aufeinander achten“ und „Die Gier und das Glück“ (2014), das anlässlich seines 70. Geburtstags erschien. Letzteres zeigt dem Leser, wie er sich mit seiner Gier täglich selbst ein Bein stellt, während er eigentlich auf der Suche nach Momenten des Glücks ist. Die Gier durchdringt all unsere Lebensbereiche und muss deshalb immer wieder neu in ihre Schranken gewiesen werden. Wie das funktionieren kann, zeigt Friedrich Schorlemmer – wie immer der Wahrheit verpflichtet – in dieser sprachlich virtuosen und sehr kurzweiligen Darstellung.  

So schreibt er zum Beispiel: „Wer die Endlichkeit seines eigenen Lebens und seiner Generation nicht anerkennt, wird tief gestoßen werden: „Denn was kriegt der Mensch von all seiner Mühe und dem Streben seines Herzens, womit er sich abgemüht unter der Sonne? Alle seine Tage sind voller Schmerzen, und voll Kummer ist sein Mühn, dass auch sein Herz des Tags nicht Ruhe findet. Auch das ist eitel“ (Pred. 2,21-23).“ Was für den Menschen als Individuum gilt, gilt für Schorlemmer auch für die Gesellschaft als Ganzes. Gier sieht er als eine der größten Gefahren in der Politik und hält es dabei mit Martin Luther, der schon 1524 schrieb: „Ebenso ist es auch eine unmenschliche Bosheit, wenn man nicht weiter denkt als so: Wir wollen jetzt regieren. Was geht es uns an, wie es denen gehen wird, die nach uns kommen? Nicht über Menschen, sondern über Säue und Hunde sollten solche Leute herrschen, die beim Regieren nichts mehr suchen als ihren Vorteil oder ihre Ehre.“

Mehr von uns über Friedrich Schorlemmer lesen Sie in seiner Autobiografie „Klar sehen und doch hoffen. Mein politisches Leben“.

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