Lutz Seiler

Lutz Seiler zählt zu den wichtigsten deutschen Lyrikern. © Jürgen Bauer/Suhrkamp Verlag„Für jemanden, der bisher vor allem Gedichte und Erzählungen gemacht hat, ist das heute Abend hier im Römer ein sehr großer Bahnhof“, sagte Lutz Seiler (Jahrgang 1963) in seiner Dankesrede bei der Verleihung des Deutschen Buchpreises 2014.

Seiler, einer der wichtigsten deutschen Lyriker unserer Zeit, wurde 2014 für seinen ersten Roman, „Kruso“, ausgezeichnet, der mit sprachlichen Mitteln, die sehr an den Magischen Realismus erinnern, kunstvoll den Sommer 1989 auf der legendenumwogten Insel Hiddensee heraufbeschwört.

Hiddensee, Zufluchtsort für die Andersdenkenden, für die Aussteiger, für die Intellektuellen und für die „Schiffbrüchigen“ der DDR, wie Seiler sie gerne nennt, wird zum Schauplatz einer ungewöhnlichen, zärtlichen und doch sehr komplizierten Freundschaft zwischen dem Germanistik-Studenten Ed, der aus seinem Leben in Halle flieht und im Klausner auf Hiddensee anheuert, und dem Insel-„Guru“, Alexander Krusowitsch, der von allen nur Kruso genannt wird. Soweit zum Setting des Debüts von Lutz Seiler: „Wer hier war, hatte das Land verlassen, ohne die Grenze zu überqueren.“ Inspiriert wurde Seiler von seinem eigenen Sommer, den er 1989 als Abwäscher in der Gaststätte Zum Klausner auf dem Dornbusch verbrachte.  Auch für Kruso soll es ein reales Vorbild geben: den im Jahr 2000 verstorbenen Aljoscha Rompe. Er gehörte in den 80er Jahren zu den Helden des DDR-Untergrunds. Und es ist wohl auch kein Zufall, dass schon Krusos Name verdächtig an einen Klassiker der Weltliteratur erinnert: „Robinson Crusoe“.

Hingebungsvoll staffiert Lutz Seiler seinen preisgekrönten Roman mit einer eingeschworenen Gemeinschaft, den Rittern der Tafelrunde, wie er sie gerne nennt, aus, die im Klausner einen unvergesslichen Sommer verbringen, in dem Ed von Kruso an die Hand genommen und mit ungewöhnlichen Methoden zu den Wurzeln der Freiheit geführt wird. Die drei Kellner des Klausners unterweisen ihn in der Literatur und machen „Kruso“ damit auch zu einem intellektuellen Lehrstück, einer Hommage an die Literatur, allen voran an die Gedichte des Österreichers Georg Trakl. Die letzten Tage der DDR ziehen „wie in einem fiebrigen Traum“ an den Protagonisten vorbei, doch nach den Ereignissen im Herbst 1989 verschwinden immer mehr von ihnen, verlassen den Klausner, als sei er ein sinkendes Schiff draußen auf dem Ozean. Mit seinen Bildern, die nur mit einem Bein in der Realität und mit dem anderen in einer surrealen Traumwelt zu stehen scheinen, beschwört Lutz Seiler jene Zeit des Übergangs überdeutlich herauf, kreiert Stimmungen, wie sie nur in einer solch einzigartigen Zeit entstehen und sich für die Ewigkeit in die Erinnerung der Menschen brennen können. Den Untergang ihres Schiffes können Ed und Kruso nicht verhindern, doch ein Versprechen gilt es einzulösen.

Dass Lutz Seiler einen solchen Roman schreiben würde, hat sicher viele – nicht zuletzt auch ihn – überrascht. Aufgewachsen in Gera, absolvierte Seiler zunächst eine Lehre als Baufacharbeiter und arbeitete als Maurer und Zimmermann. Sein Interesse für die Literatur erwachte erst später, als Lutz Seiler seine Wehrdienstzeit bei der NVA ableistete. Bis zu den ersten eigenen Gedichten war es dann nur noch ein kurzer Weg. Er studierte in Halle und Berlin Germanistik und gab ab 1993 die Literaturzeitschrift „Moosbrand“ heraus. Sein erster Gedichtband, „Berührt – geführt“, erschien 1995, gefolgt von den Gedichten in „pech & blende“, „Hubertusweg“, „vierzig kilometer nacht“ und „im felderlatein“. Für seine Erzählung „Turksib“ wurde Lutz Seiler 2007 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet. 2010 folgte die Nominierung für den Preis der Leipziger Buchmesse für den Erzählband „Die Zeitwaage“. „Kruso“ ist das Romandebüt von Lutz Seiler und ein Überraschungserfolg. Prosa und Poesie seien für ihn „zwei verschiedene Arten, in der Welt zu sein“, erklärte Seiler der ZEIT. „Bei beiden kommt es auf die Unbedingtheit an, mit der gearbeitet wird: Sie ist die Voraussetzung für jedes gute Gedicht, aber auch für eine konzentrierte Prosa.“ Er wolle die Gedichte deshalb nicht ruhen lassen. Sie seien weiterhin sein „Heimathafen“.

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