Lucius Annaeus Seneca

„Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer“ – mit Sätzen wie diesen hat es der römische Philosoph Lucius Annaeus Seneca, auch Seneca der Jüngere, geschafft, sich und seine Weisheit in unsere Zeit hinüber zu retten. Das Universalgenie der Antike – er war Philosoph, Dramatiker, Naturforscher und Staatsmann in Einem – war einer der meistgelesenen Schriftsteller seiner Zeit und schuf ein Werk, das bis heute Bestand hat. Wer die alten Texte Senecas liest, der erkennt bald, dass dieser vieles von dem, was uns heute beschäftigt, voraus ahnte und prophezeite. Leider sind große Teile des Gesamtwerks von  Lucius Annaeus Seneca in den knapp 2.000 Jahren seit seinem Tod verloren gegangen, doch das, was erhalten ist, zwingt uns, uns mit uns und unseren Wertvorstellungen ganz neu auseinander zu setzen. Das wundert nicht, war Seneca doch einer der Erzieher des späteren Kaisers Nero. Seine Denkschrift „de clementia“, in der er Nero vor Augen führte, warum es weise sei, als Herrscher Milde walten zu lassen, wird bis heute noch zitiert.

Dass Seneca an der Erziehung des temperamentvollen Kaisers nicht nur beruflich, sondern auch persönlich scheitern sollte, ist aber weniger den Texten als vielmehr der Unberechenbarkeit des Herrschers zuzuschreiben, der später seine eigene Stadt niederbrannte. Im Jahre 65 beschuldigte Nero den großen Philosophen, an der pisonischen Verschwörung gegen ihn beteiligt gewesen zu sein, deren Ziel es war, den Tyrannen Nero zu ermorden. Die Strafe lautete: Selbsttötung. Dass der Stoiker Seneca diesem Befehl ohne Zögern nachkam, ist eine jener denkwürdigen Taten, die Lucius Annaeus Senecas Ruhm bis in unsere Zeit getragen haben. Als Stoiker hatte sich Seneca schon früh dem harten und entbehrungsreichen Lebensstil verschrieben, den die stoische Lehre predigte. Als sich sein Gesundheitszustand dadurch dramatisch verschlechterte, schickte sein Vater, Seneca der Ältere, seinen Sohn nach Ägypten. Er plante für den Sohn eine Laufbahn in seinen Fußstapfen, als Rhetor und Anwalt und schließlich den Staatsdienst, und wusste ihn bei dessen Onkel, dem Statthalter in Ägypten, in guten Händen. Und tatsächlich schlug Lucius Annaeus Seneca nach seiner Rückkehr nach Rom die Ämterlaufbahn ein. Als Quästor und Prozessredner machte der wortgewandte junge Mann bald von sich reden. So sehr, dass er den Neid Kaiser Caligulas auf sich zog, der ihn ermorden lassen wollte. Weil es aber hieß, Seneca der Jüngere litte unter Schwindsucht, sah man von dem Mordanschlag ab. Es rechnete ohnehin niemand damit, dass er ein hohes Alter erreichen würde.

Später hieß es, Seneca habe ein ehebrecherisches Verhältnis mit der Schwester Caligulas gehabt, wofür ihn Kaiser Claudius nach Korsika verbannte. Dort trieben Senecas künstlerische und wissenschaftliche Tätigkeiten Früchte, doch die acht Jahre der Verbannung waren schwere Jahre für Lucius Annaeus Seneca und man kann sich nur vorstellen, welche Erleichterung er empfand, als er auf Anraten der zweiten Ehefrau des Claudius nach Rom zurückgeholt wurde. Sie wollte Seneca als Lehrer und Erzieher für ihren Prinzen Nero haben. Diese Anstellung war ein großer Vertrauensbeweis für Seneca und verhalf ihm schließlich zum Aufstieg zum Konsul. Damit hatte Seneca eine Macht inne, die in Rom ihres Gleichen suchte. Sein Einfluss auf den Prinzen war anfänglich sehr groß und über ihn regierte Seneca den kaiserlichen Hof, Rom und irgendwann das ganze römische Imperium. Doch wie der „de clementia“ zu entnehmen ist, setzte Seneca dabei auf Milde und Weisheit anstatt auf Gewalt und Angst. Ganz im Gegensatz zu seinem Zögling, der sich seinem Einfluss immer stärker wiedersetzte. Die Zeit, die Lucius Annaeus Seneca dadurch gewann, dass er sich immer stärker aus seiner Stellung an der Seite des psychopathischen und grausamen Nero zurückzog, widmete er seinen philosophischen Werken, die er in den letzten drei Jahren seines Lebens reifen ließ, abrundete und vervollständigte. Dann kam das schicksalsvolle Jahr 65 n.Chr. in dem Nero seinem früheren Lehrer das Todesurteil ins Haus schickte. In Anwesenheit seiner Freunde öffnete sich der damals vermutlich 65-Jährige die Pulsadern und starb. Vielleicht hatte er das Gefühl, der Welt mit seinen Schriften alles hinterlassen zu haben, was er zu sagen hatte. In jedem Fall aber zehren wir noch heute von der Weisheit in den Schriften des Lucius Annaeus Seneca. Damit sie nicht in Vergessenheit geraten, hat Ursula Blank-Sangmeister einige von ihnen übersetzt und unter dem Titel „Seneca – Der Weise ist sich selbst genug“ herausgegeben. Ein spannendes Werk für alle, die sich mit der Philosophie der Antike auseinandersetzen wollen, die uns heute noch genauso viel zu geben hat wie vor 2.000 Jahren.

Lesen Sie auch "Seneca zum Vergnügen", herausgegeben von Marion Giebel.

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