Edward St. Aubyn

Beinah wäre Edward St. Aubyn (Jahrgang 1960), Autor der Melrose-Saga, 2006 mit dem Booker Price ausgezeichnet worden. Auf die Shortlist des renommiertesten englischsprachigen Literaturpreises hatte er es bereits geschafft. Doch „Muttermilch“, der vorletzte Band der Reihe, musste schließlich der „Erbin des verlorenen Landes“ von Kiran Desai Platz machen. Man hätte dann allzu leicht meinen können, St. Aubyn wäre nachtragend, als er 2014 „Der beste Roman des Jahres“ veröffentlichte und dabei in einer bitterbösen Komödie über den englischen Literaturbetrieb die Praxis der Literaturpreise aufs Korn nahm. Doch das hat Edward St. Aubyn nicht nötig. Als einer „der besten Autoren seiner Generation“ (The Times), lässt er für den „beleidigenden Ton des Zukurzgekommenen erfreulicherweise“ (Neue Züricher Zeitung) keinen Platz. „Dafür ist die Temperatur dieser Prosa zu kühl, die intellektuelle Messlatte zu hoch, der Witz zu schneidend.“ Und so mag „Der beste Roman des Jahres“ von Edward St. Aubyn nicht wirklich der beste Roman des Jahres 2014 geworden sein, aber zu den klügsten und witzigsten – und zu den Romanen, die man unbedingt gelesen haben sollte – zählt er ganz bestimmt.

Edward St. Aubyn stammt aus einer der wichtigsten Familien des englischen Hochadels. Doch deshalb war seine Kindheit keineswegs rosig. Vor den Augen seiner Mutter, die sich für Charity außerhalb des Hauses engagierte, missbrauchte ihn sein Vater sexuell und misshandelte den Jungen schwer. Auch die elitären Schulen, auf die er ging, konnten daran nichts ändern. Zwar besuchte St. Aubyn führende britische Knabenschulen, doch schon während seiner Schulzeit war er schwer drogenabhängig. Erleichterung verschaffte ihm seine stark autobiografisch geprägte Melrose-Saga. Im Alter von 18 Jahren schloss er mit sich selbst einen Pakt ab: Sollte es ihm nicht gelingen, ein Buch zu veröffentlichen, so würde er sich umbringen. Gott sei Dank –für ihn und für die englische Literatur – ist es Edward St. Aubyn gelungen, einen Verlag für „Schöne Verhältnisse“ zu finden. Daran ist sicher einerseits eine beachtliche Portion Voyeurismus schuld, andererseits aber auch die hohe literarische Qualität dieses außergewöhnlichen Buches.

Die Trilogie, die im englischen Original den Titel „Some Hope“ trägt, schildert voller Kälte und Sarkasmus die Welt der englischen Upper Class, in der Schein mehr ist als Sein. „Schöne Verhältnisse“, der erste Band der Reihe, erzählt von der Kindheit des Protagonisten Patrick Melrose, die ebenso von Gewalt geprägt war, wie die von Edward St. Aubyn selbst. Im zweiten Band, „Schlechte Neuigkeiten“, gewährt einen Einblick in das Innenleben seines inzwischen erwachsen gewordenen Protagonisten Melrose, dessen Lebensfeld zwischen Heroin und Selbstmord aufgespannt ist. Der vorläufig letzte Band, „Nette Aussichten“, wurde 17 Jahre nach seiner Fertigstellung noch von „Muttermilch“ ergänzt, in dem die Mutter von Melrose beerdigt wird. Der letzte Band war es dann, der Edward St. Aubyn schließlich in den Olymp der englischen Schriftsteller bringen sollte. 2006 stand das Buch auf der Shortlist für den Booker Prize, doch St. Aubyn ging leer aus. Im darauffolgenden Jahr wurden ihm für den Roman jedoch der Prix Femina Étranger und der South Bank Literature Award zuerkannt. Die Reihe sei eigentlich ein langes Buch, sagt St. Aubyn heute, das von der „quälenden Suche nach Selbsterkenntnis, nach einem Ich, das nicht länger vom Sadismus des Vaters geprägt ist“ (FAZ), handelt.

Inzwischen sind „Freude und Vergnügen die Triebfeder“ seines Schreibens „statt dieses Überlebensvertrags“, erklärte Edward St. Aubyn der FAZ. „Ein vollkommen neuer Gedanke.“ Für „Der beste Roman des Jahres“ erhielt St. Aubyn 2014 den englischen Bollinger Everyman Wodehouse Preis, der für den lustigsten Roman des Jahres vergeben wird. Das mag vielleicht kein Booker Prize sein, doch stolz sein kann man darauf auf jeden Fall. Doch bei Edward St. Aubyn heißt lustig nicht, dass man keinen Anspruch haben kann: „Bei aller Verspieltheit, Lust an Nachahmung und Unverschämtheit, die in dem Buch stecken, gab es auch zwei andere Motive, es zu schreiben. Ich wollte der Frage nachgehen: Nach welcher Literatur lohnt es sich zu streben?“ (FAZ) Als Leser möchte man hinterher meinen, dass St. Aubyn die Antwort darauf gefunden – und sie gleich in die Tat umgesetzt hat.

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