Gabor Steingart

Gabor Steingart schöpft Hoffnung im Wirtschafts- und Politikchaos © Frank BeerGabor Steingart (Jahrgang 1962) blickt auf eine lange Autorenkarriere zurück: Bereits mit 22 veröffentlichte er sein – heute vergriffenes – erstes Buch („Widerspruch unerwünscht. Beobachtungen aus 111 Jahren Fuldaer Zeitung“). Er studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Volkswirtschaftslehre sowie an der Georg von Holtzbrinck-Schule für Wirtschaftsjournalisten in Düsseldorf. Zunächst arbeitete er als Reporter für die WirtschaftsWoche, wechselte dann 1990 zum SPIEGEL, für den er kurz nach der Wende aus Leipzig berichtete. In Bonn setzte er seine Arbeit für die Zeitung als Wirtschaftskorrespondent fort, leitete sechs Jahre lang das SPIEGEL-Büro in Berlin. Für das Präsidentschaftsduell Barack Obama gegen John McCain wechselte Steingart 2007 nach Washington D.C.; in diesem Jahr erhielt er auch den Helmut-Schmidt-Journalistenpreis der IngDiBa für seine Spiegel-Titelstory „Angriff aus Fern-Ost. Weltkrieg um Wohlstand“. Seine Stellung als Chefredakteur des „Handelsblatts“ trat Gabor Steingart 2010 an; seit 2013 ist er in der Geschäftsführung der Verlagsgruppe Handelsblatt vertreten. Neben seiner schriftstellerischen Tätigkeit ist er dem breiten Publikum auch aus dem Fernsehen (Auftritte u.A. bei Maybrit Illner, ARD-Presseclub) bekannt.

Die Wirtschaftsmacht Deutschland stagniert, die früher gepriesenen Werte vom Föderalismus zur sozialen Marktwirtschaft führen zu nichts mehr, der Sozialstaat wird überfordert und Politiker hätten keine wirkliche Macht zur Reform mehr – Steingarts „Deutschland – der Abstieg eines Superstars“ (2005) ist nicht die fröhlichste Lektüre, brachte Steingart allerdings die Wahl zum „Wirtschaftsjournalisten des Jahres“ ein. Die höchst verständlichen anfänglichen sechs Kapitel bringen auch dem Laien Wirtschaftskonzepte und -zusammenhänge sinnvoll näher, während Steingart im siebten Kapitel sehr konkrete Lösungsansätze präsentiert.

Ganz und gar nicht außer Acht lassen sollte man Steingarts „Die stumme Prinzessin“ (2005). Am Beispiel der elfjährigen Danijela schildert Gabor Steingart ein Leben in erschütternder Armut – nicht etwa in irgendeinem Land der dritten Welt, sondern in der Tat in einem Slum in Hamburg, unter unfassbaren Umständen, die von der Politik verlässlich vehement ignoriert oder wegfantasiert werden.

„Weltkrieg um Wohlstand“ (2006) heißt nicht nur Steingarts SPIEGEL-Titelstory, sondern auch sein im selben Jahr erschienenes Buch. Steingart vermittelt darin eine tief pessimistische Einstellung zu der Konkurrenzfähigkeit, welche die westliche Zivilisation gegenüber der asiatischen Wirtschaftsmaschinerie haben kann – angesichts dem für uns kaum akzeptablen Willen etwa Chinas, für ihre wirtschafliche Vormachtstellung in ihrem Land bittere Armut und unmenschliche Arbeitsbedingungen voranzutreiben sowie jegliche Klimaziele über den Haufen zu werfen. Kritiker bemängelten den extrem reißerischen Buchtitel mit seiner Idee eines militärischen statt wirtschaftlichen Konflikts – sie dürften mit dem Titel „Weltbeben“ 10 Jahre später nicht viel glücklicher geworden sein. Zudem, so die Kritiker damals, mühe sich das Buch vergeblich mit Lösungsideen ab: So schlägt Steingart ein Freihandelsabkommen mit Amerika vor, was wir heute – nach TTIP – natürlich als nicht ganz so einfaches oder unmittelbar sozialverträgliches Unterfangen bewerten können.

Nach seinem Essay „Das Ende der Normalität: Nachruf auf unser Leben, wie es bisher war“ (2011), der uns mit dem Wandel in unseren modernen Zeiten zu versöhnen versucht, kehrte Steingart wieder zu schärferen Tönen zurück: Hieß sein Werk bei Erscheinen noch verhältnismäßig schlicht „Unser Wohlstand und seine Feinde“ (2013), ergänzt die Auflage von 2015 auf dem Titel in riesigen Lettern das unscheinbare Wörtchen „Bastardökonomie“. Ein krasser Titel für ein krasses Thema, die steigende Staatsverschuldung und die natürlichen, drohend am Horizont aufziehenden Grenzen unseres unfassbaren Konsums. Der Ausklang des Buchs ist wie gewohnt mehr Denkansatz als Patentlösung – die man von Steingart nicht erwarten darf.

Mit „Weltbeben. Leben im Zeitalter der Überforderung“ meldete sich Steingart 2016 zurück und landete nicht überraschend einen weiteren Bestseller. Auf dem wirtschaftlichen Parkett bewegt sich Gabor Steingart natürlich gewohnt souverän, hier kann er jedoch auch zum internationalen Terrorismus und zur Digitalisierung wertvolle Gedanken beitragen.

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