Nassim Nicholas Taleb

Mit seinen schwarzen Schwänen sorgte Nassim Nicholas Taleb für Aufsehen. © privatNassim Nicholas Taleb (Jahrgang 1960) ist ein libanesischer Philosoph und Forscher, der sich auf das Gebiet der Zufälle, Statistiken und der Erkenntnistheorie spezialisiert hat. Er beriet Wall-Street-Unternehmen als Spezialist für komplexe Finanzderivate und kam so in Berührung mit dem, was er die „schwarzen Schwäne“ nennt: unvorhergesehene, unwahrscheinliche Ereignisse, die die Macht haben, die ganze Welt zu verändern. Inzwischen hat Nassim Nicholas Taleb über dieses Thema mehrere Sachbücher veröffentlicht. Darin bringt er seine Ansicht zum Ausdruck, nach der Naturwissenschaftler, Ökonomen, Historiker, politische Entscheidungsträger, Geschäftsleute und Bankiers alle einer gefährlichen Illusion erlegen sind, nämlich der, dass es für alles rationale Erklärungen gibt. Nach seiner Auffassung unterschätzen all diese Menschen die Macht des Zufalls und zufällig auftretender Ereignisse. Die meisten Menschen gehen demnach naiv davon aus, dass die Vergangenheit dazu genutzt werden kann, die Zukunft vorauszusagen. Ist etwas in der Vergangenheit häufig geschehen, ist es wahrscheinlich, dass es wieder geschieht. Ist aber etwas bislang noch nicht aufgetreten, wird es einer hohen Wahrscheinlichkeit nach auch in Zukunft nicht auftreten. Nassim Nicholas Taleb jedoch ruft dazu auf, diese Weltanschauung aufzugeben, auch wenn sie uns geordnet, verständlich und sicher erscheint. Nichts sei sicher und schwarze Schwäne müssten immer einkalkuliert werden. Als Epistemologe, Experte auf dem Fachgebiet der Erkenntnistheorie, beschäftigte sich Taleb intensiv mit der Frage, wie Wissen zustande kommt. Dabei kam er zu der Erkenntnis, dass Wissen Trug ist. So verurteilt er zum Beispiel die gängige Praxis aus der Geschichte Rückschlüsse auf die Gegenwart zu ziehen. Die Auseinandersetzung mit der Geschichte kreiere lediglich eine Illusion, die uns glauben macht, die gegenwärtigen Ereignisse zu verstehen. Dabei würde aber zumeist die retrospektive Verzerrung historischer Ereignisse und die Überbewertung der intellektuellen Elite außer Acht gelassen, die nur ein verzerrtes Bild zuließen – und schon gar keine Rückschlüsse auf gegenwärtige Ereignisse.

All seine Ansätze will Nassim Nicholas Taleb aber nicht als Theorien verstanden wissen, sondern lediglich als Analysen und Vermutungen. Theorien verleiteten nämlich wiederum dazu, zu glauben, etwas sei sicher und gesetzt. Aus dieser scheinbaren Sicherheit heraus könnten viele Gefahren entstehen. Deshalb setzt sich Taleb auch für die Abschaffung des Wirtschaftsnobelpreises ein: Durch Wirtschaftstheorien, die die schwarzen Schwäne außer Acht ließen und glaubten, alles sei rational und logisch zu erklären und folge einer logischen Ordnung, könnten große wirtschaftliche Schäden entstehen. Auch in seinem 2007 erschienenen Buch „Der schwarze Schwan“ weißt Nassim Nicholas Taleb ausdrücklich darauf hin, dass durch die Konzentration und gegenseitige Abhängigkeiten im Bankenwesen Gefahren entstehen. Die Finanzkrise, die kurz darauf folgte, sollte seinen Warnungen Nachdruck verleihen. Das Buch „Der schwarze Schwan“wurde vielfach diskutiert und als nicht wissenschaftlich abgetan, doch Taleb will keine wissenschaftlich fundierten Aussagen machen – sie stünden im Widerspruch zu seinen Überlegungen – sondern lediglich Denkanreize geben, analysieren und veranschaulichen. Dass er sich dafür anschaulicher Geschichten bedient, ist ihm nicht vorzuwerfen, schließlich erreicht Nassim Nicholas Taleb so ein breiteres Publikum.

Das gilt auch für „Antifragilität“, das gleich nach seinem Erscheinen als Schlüsselwerk Talebs gefeiert wurde. Rolf Dobelli, der Autor von „Die Kunst des klaren Denkens“, erklärte: „Antifragilität ist eine neue Sicht auf die Welt. Mehr noch: Um die Gegenwart zu verstehen, muss man Antifragilität verstehen.“ Antifragilität ist der Name, den Nassim Nicholas Taleb seinem universalen Prinzip gegeben hat. Alles, was Erfolg hat, ist antifragil. Das Erfolgsprinzip ist immer das Gleiche – unabhängig davon, um welches Fachgebiet es geht; für die Krebstherapie gilt dasselbe wie für die Unternehmensberatung. Für Taleb ist Antifragilität die Theorie von allem, die Antwort auf alles. Die Medien sehen auch dies wieder kritisch: „Nassim Taleb weiß, dass er nichts weiß - das weiß er seiner Meinung nach allerdings deutlich besser als alle anderen“, schreibt die Süddeutsche Zeitung hämisch. „Ein größenwahnsinniges – aber auch irgendwie großartiges Buch.“ Die FAZ geht weniger sanft mit Nassim Nicholas Taleb ins Gericht: „Denn am meisten stresst Taleb den Leser durch seine unglaubliche Aufgeblasenheit. Der Kröterich aus „Wind in den Weiden“ ist ein Mauerblümchen gegen ihn. Ständig renommiert er mit Wissen, das nichts zur Sache tut, unablässig teilt er mit, was er mag (Kamillentee, Hayek, sich selbst) und was er verachtet (einen bestimmten Typ von Bankern, raten Sie welchen - genau, die unsympathischen, oder Ökonomen, die ein Gesicht haben, in das er gern hineinschlagen würde und so weiter)!“ Jürgen Kaube, der Rezensent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, kommt dann auch zu dem Schluss: „Er [Taleb] hat den Schlüssel für praktisch jedes Lebensproblem in der Hand. Und wir haben an einem echten Großmaul kennengelernt, welchen Autoren man unbedingt misstrauen sollte: solchen, die keine Seite schreiben können, ohne für sich selbst und mit sich selbst Reklame zu machen.“ Dem Erfolg von „Antifragilität“ tut dies aber keinen Abbruch und bei all dem Größenwahnsinn, den die Kritiker ihm bescheinigen, ist Taleb doch auf eine interessante Spur gekommen, über die nachzusinnen sich lohnen kann.

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