Uwe Timm

Uwe Timm (Jahrgang 1940) gilt als einer der wichtigsten Vertreter der 68-Generation und setzte ihr mit seinen literarischen Aufarbeitungen dieser Zeit ein Denkmal. 1974 verewigte er die Studentenrevolte in seinem Roman „Heißer Sommer“ und bis heute klingt noch immer viel aus dieser Zeit in seinen Werken nach. Dennoch versteht sich Uwe Timm nicht als Chronist der Wirklichkeit: "Der Erzähler erzählt nicht nur nach, sondern neu und anders, nämlich wie es sein könnte, er erzählt eine andere Wirklichkeit“, erklärt er auf der Website bei dtv. Und so hat es Uwe Timm geschafft, sich nicht in eine Schublade eingliedern zu lassen, sondern thematisch frei dem Besonderen im Alltäglichen nachzuspüren. Das ist wohl die größte Leistung des Schriftstellers, der für seine Arbeiten mit zahlreichen literarischen Preisen ausgezeichnet worden ist. Uwe Timm stammt aus Hamburg und wuchs hier als Sohn eines Kürschners auf. Das Verhältnis zu seinem Vater, der im Krieg gewesen war, gestaltete sich lebenslang sehr schwierig – ein, für die 68er-Bewegung, sehr typisches Phänomen. Immer stand der Junge im Schatten seines 16 Jahre älteren Bruders, der sich freiwillig zur SS-Totenkopfdivision meldete und 1943 in der Ukraine an seinen Verwundungen starb. Das angespannte Verhältnis zwischen Vater und Sohn hatte jedoch nicht nur Einfluss auf sein politisches Engagement, sondern zieht sich bis heute durch sein Werk. Immer wieder versuchte er, sich dem Bruder, den er gar nicht richtig kannte, und dem fernen Vater literarisch anzunähern. So zum Beispiel in seiner Erzählung „Am Beispiel meines Bruders“, die 2003 – und damit 60 Jahre nach dem Tod des Bruders – erschien. Als sein Vater 1958 starb, übernahm Uwe Timm, der damals gerade seine Kürschnerlehre beendet hatte, das Geschäft seines Vaters. Drei Jahre lang setzte er alles an die Sanierung des Pelzgeschäfts, das zu diesem Zeitpunkt kurz vor dem Ruin stand, und besuchte anschließend das Braunschweig-Kolleg, wo er das Abitur nachholte. Hier lernte Uwe Timm Benno Ohnesorg kennen, der durch seinen gewaltsamen Tod während einer Demonstration gegen den Besuch des Schahs von Persien 1967 tragische Berühmtheit erlangen sollte. Sein Tod machte Ohnesorg zur Galionsfigur der westdeutschen Studentenbewegung der 1960er Jahre und gab ihr neues Feuer. Uwe Timm war immer mitten drin und setzte Ohnesorg mit „Der Freund und der Fremde“ ein Denkmal. Er studierte in München und Paris Philosophie und Germanistik und später Soziologie und Volkswirtschaftslehre. Als Autor reiste Uwe Timm später durch die Welt  und folgte seinem Interesse an fremden Kulturen – neben der Aufarbeitung der 68er-Revolution ein zentrales Thema in seinen Werken. Seine Geschichten fußen auf realen Begebenheiten und Ereignissen, doch das, was dann kommt, sind seine eigenen Interpretationen der Wirklichkeit. 2013 kam Uwe Timm für seinen Roman „Vogelweide“ auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Die Feuilletons der großen Zeitungen hatten den Roman bereits Monate im Voraus genau unter die Lupe genommen, ihn aber nicht nur gelobt. Sandra Kegel schrieb für die FAZ, es sei ein Roman „über die Liebe in all ihren Erscheinungsformen“. Wie von Sinnen stürzen sich darin Eschenbach und Anna – obwohl beide glücklich mit anderen verheiratet – in eine Affäre. Doch Kegel moniert, dass es Uwe Timm nicht gelungen sei, etwas Neues über das Begehren zu schreiben. Vielmehr habe sie das Gefühl, Timm habe sich „beim Schreiben eine Liste [vorgelegt], die es abzuhaken galt.“ Die Rezensentin des Tagesspiegels, Meike Feßmann, hingegen liest „Vogelweide“ als „Plädoyer für die lebenslange Ehe […]– oder, genauer: als eine ernsthafte Nachfrage, ob es nicht Gründe dafür geben könnte, die Ehe für „etwas Heiliges“ in „dieser heillosen Welt“ zu halten.“ Sie genießt es, dass „Vogelweide“ ein „fragender, ein tastender Roman“ ist, „der uns keine Meinung aufdrängt. Seine Haltung ist philosophisch, er regt uns zum Nachdenken an, während er uns eine Geschichte voller schöner Widersprüche erzählt.“ Die Nominierung für den Deutschen Buchpreis findet sie mehr als gerechtfertigt. Das Hamburger Abendblatt lobt „die gesunde Distanz zu unserer satten, selbstgerechten Gesellschaft“, weil es exemplarisch für unsere Zeit zu sein scheint, glücklich zu sein und doch mehr zu wollen. In jedem Fall aber ist Uwe Timm mit „Vogelweide“ ein Roman gelungen, der den Leser nicht kalt lassen kann. Der kontroverse Diskurs gehört dazu und wird durch diesen nachdenklichen, vielschichtigen Roman gerechtfertigt.  

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