Tomi Ungerer

Tomi Ungerer (Jahrgang 1931) ist ein französischer Grafiker und Illustrator, der in der ganzen Welt bekannt und zu Hause ist. Geboren und aufgewachsen als Jean-Thomas Ungerer in Straßburg ist der Franzose heute weit über die Grenzen des Landes hinaus als Illustrator von Bilderbüchern für Kinder und Erwachsene bekannt. Er sieht sich als „überzeugter Europäer“ und ist noch im hohen Alter unglaublich produktiv und vielseitig engagiert. Witzig, frech und unverblümt – so kennt man Tomi Ungerer – nie vorhersehbar, immer neu und innovativ, nie angepasst, sondern immer auf der Suche nach neuen Interpretationen. Genau das, gepaart mit einem frechen Witz, schätzen seine Fans in aller Welt heute an ihm.

Der Widerwille, sich anzupassen, begann schon sehr früh. Tomi Ungerer, Spross einer traditionsreichen Straßburger Uhrmacher- und Turmuhrendynastie – sein Vater entwarf und baute zum Beispiel die größte astronomische Uhr der Welt im Dom von Messina auf Sizilien – wuchs in einem warmherzigen und nachgiebigen Elternhaus auf. Der Vater starb, als Jean-Thomas gerade drei Jahre alt war. Im Haus fehlte die starke, leitende Hand des Vaters und der Junge wurde von seiner Mutter über die Maße behütet und verwöhnt. Zwar ließ man ihm jeden seiner Streiche durchgehen, doch er fühlte sich nie wirklich ernst genommen. Sein Buch „Kein Kuss für Mutter“ dokumentiert das.

Die Lehr- und Wanderjahre des Tomi Ungerer

Der junge Tomi Ungerer entwickelte schon früh ein besonderes Verhältnis zur Natur, das ihn sein ganzes Leben lang geprägt  habe, wie Ungerer 2006 dem SWR erzählte. Darüber hinaus habe man ihn schon sehr früh zum Zeichnen und Schreiben ermutigt. Kurz vor dem Schulabschluss wurde ihm jedoch nahegelegt, seinen elsässischen Dialekt loszuwerden. In der Folge hatte Ungerer große Schwierigkeiten mit dem Französischen und verpasste das Baccalauréat, das französische Abitur. Ohne einen Abschluss in der Tasche und mit einem Zeugnis versehen, auf dem er als „pervers“ und „subversiv“ bezeichnet wurde, stand der junge Tomi Ungerer einer sehr unsicheren Zukunft gegenüber.

Doch Ungerer fand einen Weg: Er lernte nach der Berlitz-Methode Englisch und arbeitete nach dem Krieg als Dolmetscher für die französischen Offiziere. Seine Sprachkenntnisse halfen ihm auch bei seinen ruhelosen Lehr- und Wanderjahren, etwa als er mit dem Fahrrad quer durch Europa fuhr oder später, als er zu Fuß und per Anhalter bis nach Nordnorwegen wanderte, oder als er als Matrose auf einem kleinen Frachter über den Nordatlantik fuhr. Zurück in Straßburg war Tomi Ungerer unsicher, was er mit seinem Leben anfangen sollte. Noch zeichnete sich die künstlerische Laufbahn des Jungen nicht ab. Sein Interesse für die amerikanische Kultur in Straßburg brachte ihn jedoch schließlich in Kontakt mit den Werken des Cartoonisten Saul Steinberg. Und so fasste Jean-Thomas Ungerer schließlich den Entschluss, nach Amerika zu gehen.

Der Durchbruch: Tomi Ungerer in den USA

Im Jahr 1956 wanderte Tomi Ungerer ohne jegliche Mittel und mit einer verschleppten Rippenfellentzündung in die USA aus. Ohne einen Penny wollte man ihn hier jedoch nicht ärztlich behandeln, sodass sein Zustand zunehmend kritisch wurde. Die Kinderbuchlektorin Ursula Nordström gab ihm jedoch einen Vertrag und einen Vorschuss für ein Kinderbuch. „The Mellops flying“ wurde sofort ein riesiger Erfolg und brachte Tomi Ungerer 1957 gleich einen Preis ein. Es wurde ein Bestseller und der Beginn einer beeindruckenden Karriere. In den 1960er Jahren schockierte er mit unkonventionellen, drastischen Zeichnungen, die in den Bildbänden „Geheimes Skizzenbuch“, „The Party“ und „Fornicon“ erschienen und der New Yorker Schickeria einen unangenehmen Spiegel vorhielten. Potenzwahn, Sexismus und Gier – Ungerers Kritik in Bildern kannte von nun an keine Grenzen mehr. Unbefangen bediente er sich der verschiedensten Stilrichtungen, um die Fäulnis bloß zu legen. Doch hinter den drastischen Darstellungen sexueller Praktiken verbarg sich bei aller Radikalität immer ein Moralist. Das brachte ihm zugleich eine große Fangemeinde und eine beachtliche Anzahl, gefährlicher, mächtiger Feinde in der Ostküsten-Society ein.

Die radikalen Rebellionen des Tomi Ungerer

Doch die mächtigen Freunde überwogen: Tomi Ungerer arbeitete mit und für Stanley Kubrick, Philip Roth, Tom Wolfe und Saul Bellow, die zugleich enge Freunde waren. In New York fanden die Künstler in der restriktiven McCarthy-Ära Zuflucht und künstlerische Freiheiten. Der neue Realismus, den Ungerer in die Kinderbuchliteratur brachte – etwa in seinem Klassiker „Kein Kuss für Mutter“, in dem zwei Jungen Zigarre rauchen – fand jedoch nicht nur Anklang. Tomi Ungerer geriet ins Visier des FBI und einige seiner Kinderbücher wurden sogar verboten. Dennoch brüstete sich Ungerer später damit, keiner habe „die Kinderbuchtabus so zerschmettert“ wie er. Dabei habe er aber auch ein Ziel verfolgt. Um Vorteile gegenüber allgemein negativ behafteten Tieren – und Vorurteile generell – abzubauen, ließ er vor allem Tiere eine Hauptrolle spielen, die sonst überwiegend negativ besetzt sind, darunter Schlangen, Schweine und Fledermäuse.

In den 1970er Jahren zog sich Tomi Ungerer mit seiner zweiten Frau in die Abgeschiedenheit des kanadischen Neuschottlands zurück, wo die beiden Viehzucht betrieben und versuchten, autark zu leben. Im krassen Gegenzug dazu stehen Ungerers zunehmende Tätigkeiten im Bereich der Werbeillustration, unter anderem für Bonduelle und Nixdorf. Ab 1976 begann dann die schrittweise Heimkehr Ungerers, der zunächst zeitweise und inzwischen wieder vollständig in Europa lebt und zwischen Straßburg und der westirischen Provinz Munster pendelt. In Irland hat Tomi Ungerer heute eine Farm mit Schafen und Kühen. Seine Produktivität ist auch nach drei Herzinfarkten und einer Krebserkrankung noch immer ungebrochen. Mehr als 40.000 Zeichnungen hat er im Laufe seiner Karriere zu Papier gebracht, mehr als 140 Bücher veröffentlicht.

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