Liao Yiwu

Liao Yiwu (Jahrgang 1958) ist ein regimekritischer chinesischer Schriftsteller und Mitglied der chinesischen Demokratiebewegung, der 2012 mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet wurde. In der Begründung des Börsenvereins heißt es, man ehre damit „den chinesischen Schriftsteller, der sprachmächtig und unerschrocken gegen die politische Unterdrückung aufbegehrt und den Entrechteten seines Landes eine weithin hörbare Stimme verleiht.“ In seinen Büchern und Gedichten setze er den „Menschen am Rand der chinesischen Gesellschaft ein aufrüttelndes literarisches Denkmal.“ Was seine Werke so erschütternd macht, ist die Tatsache, dass Liao Yiwu am eigenen Leib erfahren hat, wovon er schreibt. In seinem wohl bekanntesten Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ arbeitete er seine Erfahrungen mit Gefängnis, Folter und Repression auf und regte Menschen in aller Welt dazu an, darüber nachzusinnen, was es eigentlich bedeutet, ein Mensch und menschlich zu sein und wie leicht man diese Grenze überschreiten kann. Als Liao Yiwu in der chinesischen Provinz Sichuan geboren wurde, herrschte hier gerade die große Hungersnot, die 36 Millionen Menschen das Leben kostete. Liao Yiwu lernte schon sehr früh das Lesen: Sein Vater, ein Hochschullehrer, unterrichtete ihn schon im Alter von 3 Jahren. Als sein Vater als Revolutionsgegner in der Kulturrevolution angeklagt wurde, zerbrach die Familie und die Mutter zog die Kinder allein und in größer Armut auf. Yiwu wurde dadurch die Möglichkeit verwehrt, regelmäßig die Schule zu besuchen. Er schlug sich als Küchenhilfe und Lastwagenfahrer durch, las aber weiterhin alles, was er in die Hände bekommen konnte; vor allem übersetzter westlicher Literatur galt sein Interesse. Bald darauf begann er, selbst Gedichte zu verfassen. Nach dem Ende der Kulturrevolution bemühte sich Liao Yiwu viele Jahre vergeblich, an der Universität aufgenommen zu werden, doch eine Anstellung bei einer Zeitung erlaubte es ihm endlich, sich stärker dem Schreiben zu widmen. Schon bald machte er sich als wortgewandter Dichter einen Namen – und erregte auch die Aufmerksamkeit des Kulturministeriums, das ihn in die Riege der Staatsdichter aufnahm. So veröffentlichte er Gedichte in offiziellen chinesischen Literaturzeitschriften, betätigte sich aber nebenbei auch im literarischen Untergrund. Diese als „geistige Verschmutzung“ betrachteten Werke brachten ihn bei ihrer Entdeckung auf die „Schwarze Liste“ Chinas und In Folge des „Tian’anmen-Massakers“, das die Massendemonstrationen auf dem „Platz des Himmlischen Friedens“ brutal und blutig beendete, kam Liao Yiwu in Haft. Schon in der Nacht vor dem Ereignis, das die Welt erschütterte, griff er in seinem Gedicht „Massaker“ die Geschehnisse vorweg und ließ, nachdem seine Prophezeiungen wahr geworden waren, Kopien im ganzen Land verbreiten. Während der Dreharbeiten an einem Film über die Ereignisse wurde Yiwu schließlich festgenommen und wegen „Verbreitung konterrevolutionärer Propaganda“ zu einer vierjährigen Haft verurteilt. Seine menschenunwürdigen Erlebnisse im Gefängnis schilderte Liao Yiwu später in dem Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“. Hier wird deutlich: Krankheiten, Peinigungen und zwei Selbstmordversuche hinterließen ihre Spuren in der Seele von Liao Yiwu. 1998 kam er erneut in Haft, als er versuchte, eine Anthologie im Untergrund geschriebener Gedichte chinesischer Dissidenten zusammenzutragen. Das Buch wird als „vorsätzlicher Versuch, die Regierung zu stürzen“ interpretiert. Im Gefängnis führt Yiwu Interviews mit Mitgefangenen, die er später in „Interviews mit Menschen vom unteren Rand der Gesellschaft“ (2001) veröffentlicht. Die Nobelpreisträgerin Herta Müller nannte das Buch, das in Deutschland unter dem Titel „Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten“ erschien, ein „Panoptikum an Lebensläufen, die eigentliche Kulturgeschichte Chinas von Mao bis zum heutigen Tag“. International erfuhr Liao Yiwu zu diesem Zeitpunkt schon große Anerkennung und erhielt Preise und Stipendien, mit denen der Westen den chinesischen Regimekritiker zu unterstützen versuchte, doch immer wieder behinderte die Regierung Chinas die Ausreise des Schriftstellers, unter anderem zur Frankfurter Buchmesse 2009, auf der China Ehrengast war. Auf Intervention der deutschen Bundeskanzlerin Angela Merkel hin durfte Liao Yiwu dann 2010 erstmals aus China ausreisen und am Internationalen Literaturfestival in Berlin teilnehmen. Nach weiteren Zwischenfällen setzte sich Liao Yiwu 2011 endgültig nach Deutschland ab und konnte hier, im Exil, endlich sein Buch „Für ein Lied und hundert Lieder“ veröffentlichen. Hierfür drohte die chinesische Regierung ihm bei einer möglichen Rückkehr eine erneute Haftstrafe an. Zuvor hatte die Kommunistische Partei das Manuskript immer wieder beschlagnahmt und vernichtet, sodass der Autor immer wieder von vorne beginnen musste. 2012 wurde Liao Yiwu auf der Frankfurter Buchmesse mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet. Im Oktober des gleichen Jahres erschien in Deutschland das Buch „Die Kugel und das Opium“ von Liao Yiwu. Es ist den Opfern des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens gewidmet und legt Zeugnis von Ereignissen ab, über die sich die chinesische Regierung noch immer in Stillschweigen hüllt. Das Buch habe er für die Opfer geschrieben, so Liao Yiwu: „Die ruhelosen Seelen von 1989, die Opfer von 1989, meine Brüder, die Väter und Mütter von 1989, im Himmel, unter der Erde, im Regen und vom Wind davongeweht, wie sie waren, ich verneige mich vor euch.“ Mit seiner Sammlung erschütternder Interviews verhindert Liao Yiwu, dass die Ereignisse und die Opfer in Vergessenheit geraten.

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