Undine Zimmer

Undine Zimmer hat über ihre Kindheit mit Hartz-IV ein Buch geschrieben. (c) Andreas LabesUndine Zimmer (Jahrgang 1979) ist das, was man eigentlich ein Unterschichtenkind nennt. Doch mit den Klischees, die man gemeinhin mit diesem Wort verbindet, hat sie nichts gemeinsam. Undine Zimmer hat ihr Abitur in Schweden gemacht, Skandinavistik, Publizistik und Germanistik studiert und Erasmus gemacht, ein Essay geschrieben, das für den Henri-Nannen-Journalistenpreis nominiert war,  eine Titelgeschichte für das Zeit-Magazin verfasst – und nun auch noch ein Buch veröffentlicht. Und auch ihre Eltern seien nicht das, was man sich unter dem klassischen Langzeit-Hartzer vorstelle, sagt sie gegenüber der Zeitung „Die Welt“: Sie hätten ein mittleres Bildungsniveau, liebten Opern und Dostojewski, legten Wert auf Vollkornbrot und Äpfel, und hörten Kulturradio. Es säßen eben doch nicht alle den ganzen Tag „wahlweise faul oder jammernd, hilflos oder ungebildet vor dem Flachbildschirm“. Um diesem Bild, das die Medien so gerne propagieren, etwas entgegenzusetzen, hat Undine Zimmer ein Buch über das Leben in einer Hartz-IV-Familie geschrieben. „Nicht von schlechten Eltern“ erschien 2013, soll aber, wenn es nach Undine Zimmer geht, nicht als Versuch verstanden werden, eine Typologie über das Leben mit Hartz-IV zu schreiben. Stattdessen möchte sie über sich und ihre Familie sprechen, darüber dass es nicht der Verzicht, das Sparen alleine ist, was das Leben von Sozialhilfe so schwierig macht, sondern das Fehlen von Identität, Stolz und Selbstbewusstsein. Ihre Eltern hätten mehr darunter gelitten als sie, sie hätten sich diszipliniert alles vom Munde abgespart, um ihrer Tochter ein besseres Leben zu ermöglichen, und es stets als Demütigung empfunden, wenn sie ihrer Tochter das nicht bieten konnten, was andere Eltern ihren Kindern bieten konnten. Und Undine Zimmer hat ihre Chance genutzt, hat hart gearbeitet, fleißig gelernt und spricht heute vier Sprachen fließend. Sie habe damals noch geglaubt, dass Bildung Türen öffnet und Schranken niederreißt, erzählte sie dem Spiegel und gab zu: „Ich war wohl ein bisschen naiv.“ Heute weiß Undine Zimmer, dass die Herkunft plötzlich sehr wichtig wird, wenn es um die Zukunft geht. Die Zahlen belegen es: Die Kinder von Eltern aus dem Bürgertum, die Kinder leitender Angestellter, höherer Beamter, studierter Freiberufler und Unternehmer machen doppelt so häufig Karriere wie Kinder, die aus Hart IV-Familien stammen – selbst wenn sie die gleichen Qualifikationen mitbringen. Die Schuld für die Situation möchte Undine Zimmer niemandem geben. Im Spiegel-Interview wollte sie weder den „bösen Kapitalismus“ noch die „gleichgültige Gesellschaft“, den „falsch fördernden Staat“ oder den „schwierigen Arbeitsmarkt“ dafür verantwortlich machen. „Oft sind ja nur Zufälle ausschlaggebend, ob jemand wieder Schritt fasst oder aus der Bahn fliegt.“ Ihren Eltern gelang es nicht, nach der Ausreise aus der DDR in den Westen der 1970er Jahre wieder Fuß zu fassen. Weder der Mutter noch dem Vater gelang der Schritt in eine feste Beschäftigung. Und obwohl es jetzt so aussieht, als wäre Undine Zimmer auf dem besten Wege, das Leben mit Sozialhilfe hinter sich zu lassen, bleibt ihr dennoch die Absturzangst. Trotz des großen Erfolges ihres Buches kann sie es sich nicht leisten, als freie Journalistin und Autorin zu arbeiten – immerhin hat sie 16.537,60 Euro BAföG-Schulden abzuarbeiten. Sie hat nun eine befristete Stelle - ausgerechnet in der Arbeitsagentur. Dort wird sie nun ein Jahr lang den Luxus erleben, dass jeden Monat sicher Geld auf ihr Konto kommt. Vor allem freue sie sich darauf, sich gut einfühlen zu können in ihre Kunden, wie die „Welt“ schreibt. Wir drücken ihr für die Zukunft die Daumen.

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