Ausgedrückt: Expressionismus in der Literatur

 

Expressionismus in der Literatur – das ist, wenn sich das Innere nach außen stülpt, wenn die subjektive Wahrnehmung die reine Sinneswahrnehmung überwiegt. So, wie der Sturm und Drang sich in der Literaturgeschichte gegen die Nüchternheit der Aufklärung gewährt hat, so wehrte sich der Expressionismus gegen den Naturalismus, jene Literaturepoche, die die Realität mit fotografischer Genauigkeit und minutiöser Präzession abzubilden versuchte. Den Expressionisten war das nicht mehr genug. Ihre Welt, zu Beginn der Industrialisierung, war vollkommen auf den Kopf gestellt worden, alles war im Umbruch befindlich und das Aufkommen der Maschinen gab den jungen Menschen das Gefühl, selbst zur Arbeitsmaschine degradiert zu werden, in der Menge unterzugehen, das Menschliche zu verlieren.

 

Das, was den Menschen von der Maschine unterscheidet, ist nicht die Präzession, mit der er arbeiten kann, sondern seine Individualität, seine individuelle Wahrnehmung, Umsetzung und Gestaltung. Der Sturm und Drang kannte dafür den Genie-Gedanken, das Ideal des Schöpfers, der aus eigener Kraft etwas Neues, Einzigartiges schafft. Der Expressionismus in der Literatur setzte der Nüchternheit des Naturalismus‘ ein kompromissloses Aufbrechen von Formen und Konventionen entgegen.

 

Expressionismus in der Literatur: Entmenschlichung entgegen

Literaturhistorisch siedelt man den Expressionismus in der Literatur zu Beginn des 20. Jahrhunderts – etwa zwischen 1902 und 1925 – an. In diese Zeit fallen sowohl der Erste Weltkrieg als auch die Anfänge der Weltwirtschaftskrise bzw. jene Ereignisse, die dazu führten, dass die globale Wirtschaft 1928 in einem Ausmaß zusammenbrach, das zuvor niemand für möglich gehalten hatte. Die jungen Expressionisten sahen also eine Welt, die von menschlichem Leiden geprägt war, Leiden, das immer größer wurde – unbeachtet von denen, die es zu verantworten hatten. Industriestädte wuchsen aus dem Boden, in denen gigantische Unternehmen die menschlichen Arbeitskräfte regelrecht auffraßen, bis nichts mehr von ihnen übrig war. Der einzelne Mensch galt nichts, seine Meinung, seine Gefühle waren gleichgültig in Anbetracht der Profitgier der Mächtigen jener Zeit. Manch einer mag Parallelen zu unserer heutigen Zeit erkennen, in der uns die digitale Welt, die wir voller Euphorie geschaffen haben, aufzuzehren droht. Die ständige Erreichbarkeit bringt uns ein weiteres Mal an die Grenzen dessen, was wir leisten können. Das Individuum löst sich einmal mehr auf – nicht in der Anonymität der Fabrikhallen, sondern in den endlosen Weiten des World Wide Web. (Lesen Sie hierzu Miriam Meckels erschütternden Roman „Next: Erinnerungen an eine Zukunft ohne uns“)

 

 

Die Väter der jungen expressionistischen Literarten waren noch begeistert von den rasanten technischen Entwicklungen der Industrialisierung gewesen. Die Wissenschaft, die all das möglich machte, faszinierte sie. Das fand auch in der Literatur Ausdruck. Der Naturalismus bildete die Realität eins zu eins ab. Der Mensch, der Autor, das Individuum – sie alle verschwanden hinter den rein belegbaren Fakten und Tatsachen. Inspiriert von den Möglichkeiten der Fotografie und des Films – die Wirklichkeit detailgetreu abzubilden – hatten sich dokumentarische Erzählformen herausgebildet, so zum Beispiel der Sekundenstil, der sich der akribischen Beschreibung äußerlicher Details und genauer Milieu-Studien verschrieben hatte. Mit all dem aber wollte der Expressionismus in der Literatur aufräumen. Die jungen Expressionisten konnten es nicht ertragen, dass sie auf belanglose Details in einer technisierten Welt reduziert werden sollten. Sie rückten sich selbst in den Vordergrund, sich und ihre individuelle Wahrnehmung, ihre Empfindungen und Gefühle. Krieg, Großstadt, Zerfall und die Angst vor dem Ich-Verlust waren zentrale Themen dieser Literaturepoche, Wahnsinn und Liebe zogen sich wie rote Fäden durch die Werke dieser Zeit. Die expressionistische Literatur ist ein regelrechter Hilfeschrei, verfasst in Übertreibungen, ungezügelten Worten, emotionsgeladenen Metaphern und literarischen Bildern, grellen Farben und selbstzerstörerischen Formulierungen. Die Lyrik erlebte eine ungeahnte Renaissance, boten doch Gedichte die Möglichkeit, über das Wort hinaus in der äußeren Form Bedeutung zum Ausdruck zu bringen.

 

Empören und schockieren: Der Expressionismus in der Literatur

Die bedingungslose Selbstoffenbarung war das Ziel des Expressionismus in der Literatur – befremdlich für die ältere Generation. Genauso befremdlich wie die expressionistische Kunst, die durch einen vollkommen freien Umgang mit Formen und Farben geprägt war und die in ihren Motiven keine Tabus mehr kannte, so befremdlich wie die Mode der 1920er Jahre, die vor allem schockieren und mit alten Rollenmodellen brechen wollte, und die kreischenden Töne der vorherrschenden Jazz-Musik, zu denen die jungen Menschen in Trance zu tanzen schienen. Mit den alten Werten brechen, sich aus erstarrten Moral- und Bildungsvorstellungen lösen, in eine neue Zeit aufbrechen, die den Menschen wieder zu schätzen wüsste, und ihn nicht als Kanonenfutter im Krieg oder als Ofenfutter in den Fabriken missbrauchen würde – das war das Ziel der Expressionisten, eine Jugendbewegung, wie sie im Buche steht.

 

Velleicht ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis es auch gegen die digitale Revolution eine ähnliche Rebellion geben wird. Wenn die jungen Menschen genug vom Konsum in der digitalen Welt haben, wenn sie den Blick von den Tablets, Laptops und Smartphones heben, um zu erkennen, dass es außerhalb ihrer Bildschirme eine Welt gibt, in der sie nicht nur ein Spielball von Facebook und Co. sind, dass da draußen ein Leben wartet, das aus vollem Herzen gelebt werden will, dann könnte es einen neuen Expressionismus in der Literatur, in der Kunst und in der Musik geben. Bis dahin aber müssen die Werke der vergangenen expressionistischen Literatur ausreichen, um dem Gefühl der vollkommenen Entmenschlichung entgegenzuwirken.

 

Diese expressionistischen Werke empfehlen wir Ihnen:



Folgende Autoren zählen zu den Schöpfern expressionistischer Werke:

 


Bitte beachten Sie, dass nicht alle diese Autoren einwandfrei der expressionistischen Literatur zuzuordnen sind. Zum Teil ließen sie sich nur für einen gewissen Zeitraum ihres Schaffens vom Expressionismus beeinflussen. So, wie auch der Expressionismus als einwandfrei zu identifizierende Literaturepoche umstritten ist, so kann auch die Zugehörigkeit einzelner Autoren nicht in jedem Fall unumstritten geklärt werden.

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