Biedermeier – Rückzug in die Behaglichkeit

 

Biedermeier Wohnzimmer mit FensterKaum ein anderer Begriff der Literaturgeschichte ist so negativ besetzt wie das Biedermeier. Heute setzen wir das Wort „bieder“ häufig mit „kleinbürgerlich“, „spießig“ und „konservativ“ gleich. Doch die Menschen damals nahmen das Biedermeier natürlich ganz anders und schon gar nicht als eigenständige Literaturepoche wahr. Vieles, was wir heute als „typisch Biedermeier“ bezeichnen, ist in Wahrheit erst von folgenden Generationen auf die vermeintliche Epoche projiziert worden. Genau das macht es so schwierig, diese bürgerliche Kulturbewegung zu verstehen, die ihre Blütezeit zwischen 1815 und 1848 hatte. Auch das typische Bild des „biederen Menschen“ ist eine Erfindung der Nachwelt – wenn sie auch nicht ganz aus der Luft gegriffen ist. Entwickelt wurde dieser Archetyp in der nachträglichen Parodie von Ludwig Eichrodt und Adolf Kußmaul, die 1855 mit ihren Karikaturen des schwäbischen Dorflehrers Gottlieb Biedermaier in den Münchener "Fliegenden Blättern" für Aufsehen sorgten.

 

Ihrer Definition nach ist Biedermaier ein Mann, dem „seine kleine Stube, sein enger Garten, sein unansehnlicher Flecken und das dürftige Los eines verachteten Dorfschulmeisters zu irdischer Glückseligkeit verhelfen“, ein einfach gestrickter Kleingeist ohne jede politische Position und Ambition im Leben. Und nach so einem Mann also – wahrlich niemandem, dem man besondere Bewunderung zollen wollte – ist nun die gesamte Literaturepoche der Biedermeierzeit benannt. Eine Literaturepoche, die sich wie folgt definiert:

 

Die Literatur des Biedermeier setzt den realen Verhältnissen mit ihren politischen Wirren eine schöne, heile Weilt entgegen, betonte die private Idylle und das kleine Glück. Die Helden der Biedermeierzeit waren jene, die sich mit ihrem Schicksal arrangierten und Häuslichkeit und Geselligkeit zu schätzen wussten.

 

Gottlieb Biedermaier – Inbegriff einer Epoche


Gottlieb Biedermaier stand für all die Dinge, die wir heute nachträglich mit der Biedermeierzeit verbinden. Darüber zu lachen ist leicht. Für das Verständnis aber ist es – wie immer in der Literaturgeschichte – notwendig, auch die historischen Hintergründe zu beleuchten. Das Biedermeier entwickelte sich in einer Zeit, in der sich Europa gerade von dem Schrecken erholte, den Napoleon über den gesamten Kontinent gebracht hatte. Die Welt schien in Schutt und Asche zu liegen und in der nun folgenden Phase der Restauration herrschte der innige Wunsch, zu den Zuständen zurückkehren zu können, wie sie vor Napoleon geherrscht hatten. Man wollte das Rad der Zeit nicht nur anhalten, sondern sogar zurückdrehen. Die Französische Revolution galt als Ursache des napoleonischen Übels und in der logischen Konsequenz schlossen sich die konservativen Monarchen, Kaiser Franz I. von Österreich, der russische Zar Alexander I. und der preußische König Friedrich Wilhelm III., zu einem Bündnis zusammen, das der Monarchie zu neuer Größe verhelfen und jede demokratische Bewegung im Keim ersticken sollte. Die Karlsbader Beschlüsse von 1819, die jegliche politische Betätigung einschränkten, und die strenge Zensur, kamen denen entgegen, die sich nach Napoleons Verbannung nach Ruhe und Harmonie sehnten. Und sie zwangen auch jene sich in die private Welt zurückzuziehen, die sich mit den Verhältnissen nicht abfinden konnten und wollten. Sie alle fanden in der Behaglichkeit ihrer Wohnzimmer – ein typisches Setting des Biedermeiers – Sicherheit. Die einen, um unbehelligt über Politik zu sprechen, die anderen, um sich der zeitweiligen Illusion von Idylle hinzugeben.

 

Die bürgerlichen Werte des Biedermeier


Die heile Familie war das Idealbild der Biedermeierzeit. Sie hielt die bürgerlichen Tugenden, Fleiß, Ehrlichkeit, Treue, Pflichtgefühl und Bescheidenheit hoch und schuf ein Trugbild von Sicherheit und Geborgenheit. Klassische Gemälde der Biedermeierzeit zeigen die glückliche Familie mit zahlreichen Kindern im gemütlichen Wohnzimmer, der Vater thront stolz über der wimmelnden Schar pausbackiger Kinder, die die sanft lächelnde Mutter umringen. All das, was uns heute altbacken und spießig vorkommt – der Vater als patriarchalisches Familienoberhaupt, das für die Familie sorgt, die Mutter als liebevoll sorgende, ständig mit Handarbeiten beschäftigte Hausherrin, die das Personal überwacht und mit strenger, aber liebevoller Hand die Kinder erzieht, gemütliche Kaffeekränzchen und launige Stammtischrunden – all das hat seinen Ursprung in der Zeit des Biedermeier. Einer der wichtigsten Vertreter dieser Epoche, Franz Grillparzer, formulierte es in seinem Drama „Der Traum, ein Leben“ so: „Eines nur ist Glück hinieden, Eins: des Innern stiller Frieden“. Wie wohltuend muss diese Szene damals gewirkt haben, nachdem die Armeen Europas den gesamten Kontinent in Schutt und Asche gelegt hatten? Wie herrlich muss diese Ruhe erschienen sein, nachdem der Lärm der politischen Turbulenzen verklungen war?

 

Kurz und friedlich: Literatur im Biedermeier


Biedermeier schwangere Frau im WohnzimmerKein Wunder, dass die Menschen des Biedermeiers keine Kampfschriften mehr lesen wollten, keine politischen Pamphlete und Streitbriefe. Die Biedermeier-Literatur hatte nicht politisch zu sein. Sie erfüllte einen ästhetischen Selbstzweck und war ein fester Bestandteil der nach innen, ins Private gerichteten Lebensweise dieser Zeit. Gemeinsam mit der Hausmusik, dem neu erwachten Bewusstsein für Innenarchitektur und der neuen Kleidermode bildete die Literatur des Biedermeier jene heimische Idylle, nach der das Biedermeier so sehnsüchtig strebte. Da verlangte es nach friedlichen, harmonischen Texten, die sich im Kreis der Familie und beim Kaffeekränzchen lesen und zum allgemeinen Wohlgefallen rezitieren ließen. Es verlangte nach kleinen Werken, die das Ideal von Ruhe und Ordnung, bürgerlicher Beschaulichkeit, Bescheidenheit und Mäßigung, das Ideal des Leisen und Unscheinbaren verinnerlichten. Die Schriftsteller des Biedermeier verfassten deshalb kurze Texte, Stimmungsbilder, Skizzen oder Novellen. Eine Zeit epischer Dramen und Romane war das Biedermeier nicht. Dieses „nach außen drängen“ und „Aufsehen erregen“ hätte dem Geist des Biedermeier widersprochen. Soziale und politische Probleme hatten hier nichts zu suchen. Bewusst verschloss man die Augen davor, wie die beginnende Industrialisierung im 19. Jahrhundert viele Menschen in Armut und Leid stürzte.

 

Erleben wir heute ein zweites Biedermeier?


Man wollte sich friedlich einlullen lassen, umgarnen von der Schönheit und Schlichtheit der Kunst, nicht nachdenken, nicht handeln müssen. Nur konsumieren. Da drängt sich die Frage auf, ob das Biedermeier vielleicht schon damals den Grundstein für unsere heutige Konsumgesellschaft legte. Nichts sehen und nichts hören war damals die Losung der Zeit. Heute ist es vielerorts genauso. Die Konfliktherde überall auf der Erde geben Anlass zu größter Sorge, Persönlichkeitsrechte werden eingeschränkt, die NSA späht private und empfindliche Daten aus, doch die Menschen veröffentlichen immer weiter glücklich ihre Posts auf Facebook und kaufen, kaufen, kaufen. Wieder kehren die Menschen zurück zur "guten, alten Zeit", wie die Epoche des Biedermeiers heute häufig empfunden wird, zu Behaglichkeit, Häuslichkeit, Geselligkeit in Familie und im Freundeskreis. Wieder finden sie Schutz und Geborgenheit im Privaten, Heimischen, das sie sich mit Konsumgütern so schön wie möglich gestalten. Hier finden wir Ruhe und Sicherheit vor der Unüberschaubarkeit unserer schnelllebigen Zeit. Sich lieber einigeln, ein iPad oder eine Stereoanlage kaufen und lustige Serien schauen, als sich politisch engagieren, hinschauen, handeln und aktiv werden. Die Behaglichkeit und Harmonie im Biedermeier endete jedoch jäh mit den blutigen Straßenkämpfen der Märzrevolution 1848, die sich bereits in der Literaturströmung des Vormärz ankündigten. Vielleicht sollten wir uns die Geschichte eine Warnung sein lassen und die Vorhänge unserer Wohnzimmer auch einmal aufziehen, um zu sehen, was außerhalb in der Welt geschieht.


Unsere Buchtipps - Lesen Sie aus der Biedermeier-Literatur:


 

Lesen Sie mehr über die Biedermeierzeit und ihre Besonderheiten, die über die Biedermeier-Literatur hinaus gehen:


 

Übrigens: Literaturhistorisch ist das Biedermeier zwischen der Klassik in der Literatur und dem Realismus angesiedelt. Lesen Sie mehr über diese beiden Epochen.

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