Das Grauen der Bücherverbrennung 1933

 

Bücherverbrennung Wartburgfest 1817Der Begriff Bücherverbrennung lässt unweigerlich an die Bücherverbrennung 1933 durch die Nationalsozialisten denken, doch sie waren nicht die Ersten: Schon vor 2.000 Jahren ließ der chinesische Kaiser Qin Shihuangdi die Bücher der sich streitenden philosophischen Schulen verbieten und verbrennen und billigte nur noch die Schriften der staatstragenden Philosophie. Von dem muslimischen Eroberer Emir Amr ibn al-As heißt es, er habe im 7. Jahrhundert sechs Monate lang die 4.000 Bäder von Alexandria mit den Büchern geheizt, die er im Auftrag des Kalifen dort verbrannte. Das Beispiel, das der Bücherverbrennung durch die Nationalsozialisten vielleicht am nächsten kommt, ist die Pariser Talmudverbrennung von 1242, als 24 Wagenladungen jüdischer Bücher den Flammen übergeben wurden. In den folgenden Jahrhunderten wäre es den Päpsten mit ähnlichen Aktionen beinah gelungen, das gesamte jüdische Schrifttum zu vernichten. Heute können wir nur erahnen, welche kulturellen Schätze durch Bücherverbrennungen im Laufe der Geschichte für immer verloren gegangen sind.

 

Allen Büchern, die im Laufe der Jahrhunderte und Jahrtausende verbrannt wurden, ist gemein, dass ihre moralischen, politischen oder religiösen Positionen im Widerspruch zur Weltanschauung der Herrschenden standen. In der Regel waren die Texte nicht aus sich selbst heraus blasphemisch, häretisch, ketzerisch, unmoralisch, obszön, aufrührerisch oder hochverräterisch, sondern wurden es erst dadurch, dass jemand an die Macht kam, der ihre Meinung nicht teilte oder dessen Herrschaftsanspruch sie infrage stellten. Wer die Menschen beherrschen oder nach seinem Willen lenken möchte, der muss kontrollieren, was sie denken. Er darf nicht zulassen, dass sie sich ihre eigene Meinung bilden. Genau das aber ist es, was Bücher tun: Sie regen zum selbstständigen Denken an, dazu, Verhältnisse zu hinterfragen, sicher Geglaubtes anzuzweifeln und sähen neue Gedanken. Deshalb sind wir noch heute davon überzeugt, dass ein belesener Mensch ein kluger Mensch ist, dessen Horizont weit genug ist, alle relevanten Aspekte einer Sache in Betracht ziehen und sie gegeneinander abwägen zu können. Solche Menschen lassen sich schwerer kontrollieren. Es wird leichter, wenn man die Auswahl dessen, was die Menschen lesen können, einschränkt und nach eigenem Ermessen zusammenstellt.

 

Die ideologischen Grundlagen für die Bücherverbrennung



Genau das tat Anfang der 1930er Jahre ein junger Bibliothekar, ein überzeugter Nationalsozialist, der vollkommen entbrannt war für die Idee der Reinigung der deutschen Sprache und Kultur. Der damals 29-jährige Wolfgang Herrmann ist der Verfasser der Schwarzen Listen, auf denen die Bücher standen, die bei den Bücherverbrennungen 1933 den Flammen übergeben werden sollten. Doch auch wenn der Auftrag dafür nicht direkt vom „Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda“ kam und die Listen nicht direkt von oben gelenkt wurden, so hatte die Propaganda im Vorfeld doch ganze Wirkung gezeigt. Es begann im April 1933 mit den „12 Thesen wider den undeutschen Geist“, die in deutschen Universitäten plakatiert und von vielen Zeitungen veröffentlicht wurden. Darin heißt es unter anderem: „Sprache und Schrifttum wurzeln im Volke. Das deutsche Volk trägt die Verantwortung dafür, daß seine Sprache und sein Schrifttum reiner und unverfälschter Ausdruck seines Volkstums sind.“ Weiter liest man: „Wir wollen die Lüge ausmerzen, wir wollen den Verrat brandmarken, wir wollen für den Studenten nicht Stätten der Gedankenlosigkeit, sondern der Zucht und der politischen Erziehung.“ Und: „Wir wollen den Juden als Fremdling achten und wir wollen das Volkstum ernst nehmen. […] Der undeutsche Geist wird aus öffentlichen Büchereien ausgemerzt.“

 

Die „12 Thesen wider den undeutschen Geist“ bilden das Fundament der Bücherverbrennung und nehmen den Studenten in die Pflicht. Er solle „Wille und Fähigkeit zur selbständigen Erkenntnis und Entscheidung“, „zur Reinerhaltung der deutschen Sprache“ und „zur Überwindung jüdischen Intellektualismus und der damit verbundenen liberalen Verfallserscheinungen im deutschen Geistesleben“ beweisen und die Hochschule als „Kampfstätte aus der Kraft des deutschen Geistes“ verstehen. Dermaßen angestachelt waren die Studenten dazu angehalten, zunächst ihre eigene Bibliothek von „schädlichen Büchern“ zu befreien, danach die Bibliotheken von Bekannten, die Bestände von Schulen und Institutionen, von öffentlichen Bibliotheken und Buchhandlungen. Die Studenten waren es auch, die an Wolfgang Herrmann mit der Bitte herantraten, er möge seine Auflistungen zur „verbrennungswürdigen“ Literatur zur Verfügung stellen. Dieser Bitte kam Herrmann nur zu gerne nach.

 

Bücher ins Feuer: Die Bücherverbrennungen 1933


Am 16. Mai 1933 erschien seine erste noch unvollständige Liste im „Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel“, begleitet von einer Anmerkung Hermanns: „Die Aufgabe, die der öffentlichen Bücherei im neuen Staat gestellt ist, entspricht der Losung Mussolinis: ,Buch und Büchse – das ist mein Befehl’. Damit ist gesagt, dass das kulturpolitische Ziel der Volksbüchereien in der geistigen Wehrhaftmachung, der totalen Mobilmachung des deutschen Menschen mit Hilfe des echtbürtigen Schrifttums liegt.“ Seine Liste umfasste in der bald darauf veröffentlichten finalen Version 127 Schriftsteller und vier Anthologien der Schönen Literatur, 51 Autoren und 4 Anthologien von Gedichten, 8 Werke zur Kunst und 5 Monographien, 121 Verfasser von Büchern zur Politik- und Staatswissenschaft sowie 5 Werke ohne bekannten Verfasser, 9 Schriftsteller und deren Werke zur Literaturgeschichte sowie Werke aus den Bereichen Religion, Philosophie, Pädagogik. Eine komplette Liste aller verbrannten Bücher konnte bis heute jedoch nicht erstellt werden.

 

brennende Bücher bei BücherverbrennungDie erste große Bücherverbrennung erfolgte schon am 10. Mai, noch bevor Hermanns finale Liste überhaupt veröffentlicht worden war, auf dem Berliner Opernplatz. Für die Studenten war die Bücherverbrennung ein symbolischer Akt in germanischer Tradition, bei dem man sich die reinigende und heilende Wirkung des Feuers zunutze machte. Dafür wurden die Verbrennungsfeiern aufwendig inszeniert und generalstabsmäßig geplant. Der Ablauf und sogar die Feuersprüche waren fest vorgegeben.

So sollte der erste Rufer schreien: „Gegen Klassenkampf und Materialismus, für Volksgemeinschaft und idealistische Lebenshaltung! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Marx und Kautsky.“ Der Zweite rief dann: „Gegen Dekadenz und moralischen Zerfall! Für Zucht und Sitte in Familie und Staat! Ich übergebe der Flamme die Schriften von Heinrich Mann, Ernst Glaeser und Erich Kästner.“ Und so weiter. Passend dazu warf er die jeweiligen Bücher ins Feuer. Auf diese symbolischen Verbrennungen hin folgten Lastwägen voller Büchern, die den Flammen übergeben wurden.

 

Unter den Zuschauern auf dem Opernplatz war auch Erich Kästner selbst, der mit ansehen musste, wie seine Bücher ins Feuer flogen, und hörte, wie sein Name gerufen wurde. Seine Lebensgefährtin Luiselotte Enderle erklärte 2013: „Es ist so viel vermutet worden, warum sich der Erich das angetan hat. Alles Papperlapapp. Er wollte diesem Wahnsinn seine Faust zeigen. Auch wenn er das geballte Fäustchen in der Tasche behalten musste." (Spiegel) Sie glaubt auch: „Für den Erich war es das Gemeinste, was er erleben musste, schlimmer noch als später die zwei Verhaftungen durch die NS-Heinis. Dass es Studenten waren, die an seinen Büchern zündelten, da hat er sich erst recht gefühlt wie ein Korn zwischen Mühlsteinen.“ Doch Enderle weiß auch, dass ganz in der Nähe des Opernplatzes ein Herr Zahn, genannt „Eckzahn“, nicht nur Schlipse und Socken verkaufte, sondern unter dem Tisch auch die Bücher von Erich Kästner. Woher er die hatte? „Er hat sie reihenweise aus einem Nazi-Keller geklaut. Ist das nicht köstlich?" Ein kleiner Lichtfunken wenigstens in dieser dunklen Nacht, auf die noch viele weitere folgten. Bis in den Oktober 1933 brannten überall in Deutschland Bücher – Wie viele, das kann heute keiner mehr sagen. Doch glücklicherweise sind die meisten Bücher nicht gänzlich verschwunden und können, sollen und müssen heute wieder gekauft und gelesen werden.

 

Hier können Sie einige der Bücher direkt bestellen, die 1933 auf den Schwarzen Listen standen:




Sowie Bücher von


 

Bitte beachten Sie: Naturgemäß sind auch diese Listen nicht vollständig.

 

Eine gute Übersicht zum Thema geben auch Das Buch der verbrannten Bücher und Ostende: 1936, Sommer der Freundschaft von Volker Weidermann.

Ein Buch, dass die Bücherverbrennung sehr anschaulich behandelt und deutlich macht, welche Schlagkraft man Büchern damals zusprach, ist „Die Bücherdiebin“ von Markus Zusak. Die Verfilmung des Romans kam 2014 in die Kinos. Bestellen Sie hier die DVD zu „Die Bücherdiebin“.

 

Lesen Sie mehr zum Thema in unseren Topthemen zum Zweiten Weltkrieg, zur Exilliteratur, zu Adolf Hitler und zur Nachkriegsliteratur.


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