Den Zweiten Weltkrieg aufarbeiten – aber richtig!

 

Denkmal für die Toten des Zweiten WeltkriegesIm Jahr 2014 jährte sich der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zum 75. Mal; 2015 wird der 70. Jahrestag des Kriegsendes gefeiert. Für die Aufarbeitung der Tragödie heißt das auch, dass es in absehbarer Zeit keine Überlebenden des Krieges und des Holocausts mehr geben wird und dass nun die letzte Gelegenheit gekommen ist, mit ihnen zu sprechen und aus erster Hand zu hören, was der Zweite Weltkrieg für die Menschen bedeutete. Es wundert deshalb nicht weiter, dass eine regelrechte Flut von Filmen und Büchern über den Zweiten Weltkrieg den Markt überspült und ein mediales Überangebot schafft, das dem eigentlichen Zweck dieser Werke vermutlich im Wege steht.

 

Schon in der Schule wird kein zweites Thema so ausführlich behandelt wie der Zweite Weltkrieg. Jedes Schuljahr aufs Neue werden die Schüler der Oberstufen dazu gezwungen, sich mit dem Thema in seiner Gänze zu beschäftigen. So lange, bis man sich als Schüler unweigerlich fragt, ob man sich nicht inzwischen genug erinnert habe, ob es nicht irgendwann auch mal mit der Aufarbeitung reiche. Diese Ermüdungserscheinung ist aber genau das Gegenteil dessen, was man mit der Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges eigentlich erreichen will – nämlich ein gestärktes Bewusstsein für die schrecklichen Ereignisse, die sich jederzeit wiederholen könnten.

 

Wie der Zweite Weltkrieg zur hohlen Phrase wird



Der Satz, es sei dringend notwendig, sich immer und immer wieder zu erinnern, um zu verhindern, dass sich die Geschehnisse wiederholten, ist schon fast zur hohlen Phrase geworden. Denn für die Jugendlichen hat das, was da in den Schulen mithilfe schwer verständlicher Texte und alter Schwarz-Weiß-Filme behandelt wird, nichts mit ihrem Leben zu tun. Es fällt ihnen schwer, Parallelen zu heutigem Rechtsextremismus herzustellen und zu erkennen, dass das eine mit dem anderen zusammenhängt. Wie sollten sie auch? Der Unterricht klammert aus, dass die Zahl der Angriffe auf Flüchtlingsheime 2013 um das Doppelte anstieg, dass die Partei Die Linke eine „Systematik bei der Mobilisierung gegen Flüchtlingsunterkünfte“ erkennen will, die der Einschüchterung der Flüchtlinge dienen soll, und dass die Bundesregierung eine hohe Affinität von Rechtsextremisten zu Waffen erkannt hat, die ein „herausragendes Gefährdungspotenzial“ darstellt. Insgesamt seien 2013 mehr als 17.000 rechtsextremistische Verbrechen begangen worden. Ein ganz deutliches Zeichen dafür, dass wir uns noch nicht genug erinnert haben, dass es noch immer nicht reicht. Aber vielleicht auch ein Zeichen dafür, dass das Erinnern an den Zweiten Weltkrieg nicht so aussieht, wie es aussehen müsste, um tatsächlich ein Bewusstsein für die Gefahren rechtsextremistischen Gedankenguts zu schaffen.

 

Die Medien drehen sich beim Thema Zweiter Weltkrieg gebetsmühlenartig im Kreis und rühren dabei immer wieder im selben Pott aus Bildmaterial, Zeitzeugenaussagen und Schuldbekenntnissen. Der unvermeidliche Guido Knopp und andere sorgen mit ihren Dokumentationen dafür, dass man sich täglich über „Hitlers Helfer“, „Hitlers Frauen“ und sonstige Themen rund um den Zweiten Weltkrieg und Adolf Hitler informieren kann. Die ewige Frage der kollektiven Schuld ist dabei stets präsent, so als würden wir sie schon allein dadurch tilgen, dass wir sie uns nur immer und immer wieder vor Augen halten. Doch die Schuld ist nicht allein eine Frage von Tätern – ob direkten oder indirekten – von Mitwissern, Mitläufern und Begünstigten, die alle am Ende nichts gewusst haben wollen, von Handeln oder Nichthandeln, sondern auch davon, ob wir das Thema heute zu hohlen Phrasen verkommen lassen, in denen die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges festgefahren ist. Der ständige Erinnerungszwang, der die Menschen für die Gräueltaten von damals abstumpfen lässt, ist eigentlich ebenso ein Vergehen. Denn er ist schuld daran, dass Menschen wie der Schriftsteller Martin Walser (bei der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1998) von der „Moralkeule Auschwitz“ sprechen konnte, der man sich endlich entledigen müsste. Dafür erhielt Walser tosenden Beifall.

 

Mut zur wirklichen Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges


Stufen, die an den Zweiten Weltkrieg erinnernBis in die 1980er Jahre hinein hielt sich ganz allgemein die Meinung, es  müsse endlich Schluss sein mit der dauernden Wiederholung der Gräuelgeschichten. Kein Wunder, denn die, die das sagten, hatten ein berechtigtes Interesse daran, dass das ständige Nachbohren ein Ende hatte. Es waren die einst jungen Männer und Frauen, damals zwischen 20 und 45 Jahre alt, die als direkte oder indirekte Täter an den Grausamkeiten des Nationalsozialismus und Holocaust beteiligt gewesen waren. Die Männer und Frauen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges weiter aktive Mitglieder der Gesellschaft waren, in Schulen unterrichteten, an Gerichten Recht sprachen, Gesetze verabschiedeten und hohe Posten im Militär besetzten – einfach weil es niemanden sonst gab und sie über die notwendige Erfahrung verfügten – die bis in die 80er Jahre hinein alles taten, um das Thema endlich dem Vergessen anheim zu geben. Prof. Rolf Wernstedt vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge schreibt darüber: „Unter Einschluss des sog. Volkssturmes waren mehr als 18 Millionen deutscher Männer unter Waffen. Jede Familie war bewusst oder wider Willen an das Regime gebunden. Von ihnen ging ein Druck des Schweigens und Verschweigens, des Abstreitens und Verdrängens aus. Die Gründe waren vielfältig, sie reichten von Scham bis Interesse, Furcht bis Unbelehrbarkeit.“

 

Erst ihre Kinder, die Kriegskinder, und deren Kinder, die Kriegsenkel, wie Sabine Bode sie nennt, waren in der Lage, tatsächlich mit der Aufarbeitung zu beginnen. Insofern ist die Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges noch gar nicht so alt, wie wir immer glauben wollen. Es ist noch längst nicht alles tausend Mal gesagt oder geschrieben worden – auch wenn es sich so anfühlt, wenn man Bücher über den Zweiten Weltkrieg liest oder Filme sieht. Erst diese Generationen konnten einen klareren Blick auf den Zweiten Weltkrieg werfen. Das ist paradox: Je mehr Zeit vergeht, desto objektiver können wir die Aufarbeitung angehen; zugleich gibt es dann immer weniger Menschen, die uns erzählen können, wie es wirklich war. Deshalb müssen wir froh sein, dass es in den 1960er Jahren weitsichtige Menschen gab, eine neue Generation von Forschern und Historikern, die die Zeitzeugenaussagen aufzeichneten und das viele Material zusammenstellten, dass uns heute über den Zweiten Weltkrieg zur Verfügung steht. Doch auch diese Generationen konnten sich – bis heute – nicht von der Last der Schuld befreien und das Erinnern in einen aktiven Prozess umwandeln, aus dem die Schüler und nachfolgenden Generationen tatsächlich Nutzen ziehen können. Den Nutzen nämlich, dass sie so etwas nie wieder geschehen lassen. Das muss der eigentliche Zweck der Auseinandersetzung mit dem Zweiten Weltkrieg sein und nicht das ewige Baden in den immer Schuldzuweisungen und Rechtfertigungen, die die eigentliche Aufarbeitung verhindern.

 

Interesse wecken für das Thema – ehrliches Interesse – und Anteilnahme, Betroffenheit kreieren und ein Bewusstsein schaffen, das sollten Unterrichtsstunden, Gedenktage, Filme und Bücher über den Zweiten Weltkrieg. Bücher, die das können, haben wir hier für Sie zusammengestellt:

 

 

Lesen Sie auch mehr über den Ersten Weltkrieg, der sich 2014 zum 100. Mal jährte.

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