Der Lonely Planet geht mit der Zeit

 

Backpacker mit dem Lonely Planet genießen die AussichtFür den Lonely Planet Verlag gibt es einen großen Unterschied zwischen einem Urlauber und einem Reisenden. Ein Urlauber bucht und plant seinen Aufenthalt im Vornherein. Ein Reisender jedoch ist ein Abenteuer, jemand, der sein Ziel kennenlernen und mit ihm verschmelzen möchte. „Ein Abenteuer lässt sich nicht planen, es fordert vielmehr Bereitschaft, sich spontan auf unerwartete Situationen einzulassen“, ist auf der Website von Lonely Planet zu lesen. Seit Anfang der 1970er Jahre versteht sich der Verlag als Anlaufstelle für alle, die das genauso sehen. Für Individualurlauber, für Entdecker, für Sinnsucher, für Abenteurer und Drifter. Das Wort „Drifter“ war ein Modewort der frühen 1970er Jahre. Der Anthropologe und Tourismuswissenschaftler Erik Cohen definierte den Drifter als einen „Touristentyp, der die ausgetretenen Pfade und gewohnten heimatlichen Lebensweisen verlässt, jedwede touristische Infrastruktur meidet und weder einen festen Reise- und Zeitplan noch klar definierte Reiseziele hat.“ Möglichst lange und möglichst weit weg war das Ziel der Drifter, denen Alex Garland in seinem Bestseller „The Beach“ ein Denkmal gesetzt hat. Die ersten Individualtouristen sehnten sich danach, mit der westlichen Welt und ihrem Konsum zu brechen, sie suchten nach einem alternativen Lebensstil, den sie in den vermeintlichen Paradiesen Asiens zu finden hofften.

 

Die Blütezeit des Lonely Planet in den 1970er Jahren


Auch die Begründer des Lonely Planet Verlags, Tony und Maureen Wheeler, waren dort auf der Suche nach einem Sinn im Leben. Auf ihrer Hochzeitsreise tourten die beiden Anfang der 1970er Jahre von London auf dem Landweg nach Asien, wo sie viele Monate unterwegs waren und noch echte Abenteuer erlebten, und von dort aus schließlich nach Australien. Hier war man begeistert von dem, was das junge Ehepaar von seiner Reise durch Asien zu berichten hatte. Jeder wollte wissen, wie sie es geschafft hatten, so lange Zeit so günstig zu reisen. So entstand das erste Buch, der Urgroßvater aller heutigen Lonely Planet Reiseführer. „Across Asia on the Cheap“ wurde noch auf einer Schreibmaschine in der Küche der Wheelers geschrieben und bei seinem Erscheinen 1973 sofort zu einem Insider-Tipp für all die alternativen Sinnsucher, die sich Asien zum Sehnsuchtsziel erkoren hatten. Innerhalb von zehn Jahren etablierte sich der Lonely Planet Reiseführer als „die gelbe Bibel“, wie der Verlag ihn heute noch nennt. Das Ehepaar Wheeler erwischte genau jenen Zeitpunkt, in dem es beinahe zur Pflicht für junge Menschen wurde, mit dem Rucksack durch Asien zu reisen. Wer die Nase voll hatte von Sinnleere und Kommerz, der wurde Backpacker im Fernen Osten. Der Insiderverlag für billigreisende Traveller erlebte seine Blütezeit.

 

 

Doch dann kam das Backpacking en vogue. Plötzlich war Individualtourismus ein Keyword der Tourismusindustrie. Die Begriffe Pauschal- oder All-inclusive-Reisen packen die meisten Menschen heute nur noch mit Kneifzange und angewidertem Gesichtsausdruck an. „Wir sind alle Individualisten, die sich niemals dem Massentourismus verschreiben. Das sollen gefälligst die anderen tun“, bringt der Ethnologe Christian Adler den Spirit der Individualtouristen auf den Punkt. Doch sarkastisch fügt er hinzu, was nicht nur der Fallstrick des Backpackings, sondern auch die größte Herausforderung des Lonely Planet Reiseführers wurde: „Zu abenteuerlich soll die Reise nun wieder auch nicht werden. Es könnte ja so vieles passieren unterwegs.“ Es soll spannend sein, alternativ, nie dagewesen, aber bitte mit Netz und doppeltem Boden, ein gezähmtes Abenteuer mit kalkulierbarem Risiko, mit Budget und einem Zeitplan, mit einer Checkliste und einer steten Internetverbindung, sodass das Erlebnis sofort auf Facebook gespiegelt werden kann. Der Individualtourismus war zum Massenphänomen geworden. Millionen von erlebnishungrigen Backpackern reisen heute jährlich mit der „gelben Bibel“ im Rucksack nach Asien, klappern die Insider-Tipps ab, die der Lonely-Planet inzwischen in 14 verschiedenen Sprachen veröffentlicht – und die damit allen Menschen zugänglich sind – und glauben noch immer, sie wandelten auf den Spuren Magellans, Marco Polos und Livingstones. Und aus dem Insiderverlag für budgetbewusste Traveller ist ein Reiseführer geworden, der jedes Reisebudget und jeden Reiseziel abdeckt - ein Massenprodukt.

 

Eine neue Ära bricht für den Lonely Planet an


Inzwischen hat BBC Worldwide 75 % der Anteile von Lonely Planet aufgekauft. Offiziell heißt es, der Verlag habe mit den Auswirkungen der Finanzkrise zu kämpfen. In der heutigen Zeit suchten die jungen Menschen eher nach einem sicheren Job, als nach einer aufregenden Reiseroute durch Asien. Doch für die Fans des Lonely Planet, die ewigen Backpacker, bleibt ein schaler Geschmack zurück: Der Verlag hat seine Vision verraten, so scheint es. Der Lonely Planet war geboren worden, weil Menschen abseits des Mainstreams reisen wollten, weil sie etwas anderes sehen wollten, als alle anderen. Und jetzt verkündet die neue Verlagsspitze, der Lonely Planet wolle die „weltbesten Reiseinformationen anbieten – egal in welchem Format.“ Die Begriffe „Individualtourismus“, „alternativ“ und „low-budget“ tauchen da gar nicht mehr auf. Der Lonely Planet ist ein Reiseführer geworden wie jeder andere auch. 500 Mitarbeiter sind inzwischen im Verlag beschäftigt, 300 Autoren reisen für die Bücher um die Welt (manchmal aber auch nicht, wie das Beispiel des Autors des Lonely Planet Kambodscha zeigt, der gestand, seinen Band zu Hause am Schreibtisch geschrieben zu haben, weil er nicht ausreichend bezahlt worden sei) und 270 Reiseführer sind bislang in zahlreichen Auflagen erschienen. Von der Grundidee scheint nichts mehr übrig zu sein. Doch für Maureen und Tony Wheeler sehen die Dinge etwas anders aus: Die Welt hat sich in den letzten 40 Jahren verändert und der Lonely Planet muss mit der Zeit gehen, wenn er nicht abgehängt werden will.

 

Der Lonely Planet Reiseführer der nächsten Generation


Lonely Planet Leserin mit Fotoapparat in AsienDie modernen Abenteurer sind mit ihrem Smartphone ständig mit der Welt verbunden. Sie wollen ihre Erlebnisse unmittelbar kommunizieren, sich selbst verwirklichen und andere daran teilhaben lassen. Das ist ein fester Bestandteil unseres Lebens geworden. Einsamkeit und Askese sind für die junge Traveller-Generation unvorstellbar und die schönsten Erlebnisse sind nur halb so viel wert, wenn man sie nicht in Echtzeit in die Welt streamen und kommentieren und liken lassen kann. Gibt es kein Bild davon in einem Blog oder einem sozialen Netzwerk, dann ist es nicht passiert. Den Individualtouristen geht es nicht mehr darum, gegen den Kommerz zu protestieren, sie wollen sich einfach nur selbst verwirklichen, das Leben genießen, dem Alltag entfliehen und Einzigartiges erleben, von dem sie noch ihr Leben lang zehren können. Das Individuum steht im Vordergrund, das Individuum und sein Glück. Dem darf sich auch der Lonely Planet Verlag nicht verschließen. Das hat er schon vor vielen Jahren erkannt und in eine Community umgerüstet.

 

Das Motto: "Von 100 Millionen Büchern zu 100 Millionen Geschichten" (Matt Goldberg, Geschäftsführer Lonely Planet, gegenüber der Financial Times). Alle 12 Sekunden erstellen User einen neuen Diskussionsbeitrag auf der Internetseite des Verlags, tauschen Reisetipps und Geschichten aus, teilen unvergessliche Erlebnisse und lassen die Welt ein Stück zusammenwachsen. Darüber hinaus investiert der Lonely Planet in zahlreiche Apps mit einzelnen Kapiteln aus den Reiseführern, mit Stadtführern und Sprachhilfen. All das geschieht jedoch nicht als Ersatz. Das Kerngeschäft des Lonely Planet Verlags bleiben die Bücher. Die Apps und Communities ergänzen das Angebot jedoch. Sie passen sich den Wünschen und Bedürfnissen der veränderten Zielgruppe an, die nicht besser oder schlechter ist als die Zielgruppe der Drifter in den 1970er Jahren - auch wenn diese gern das Gegenteil behaupten wollen. Sie sind einfach nur anders und Kinder ihrer Zeit. Und mit diesen Anpassungen wird der Lonely Planet fit für die Zukunft und begleitet so auch kommende Generationen von Reisenden in unvergessliche Abenteuer.

 

Diese Lonely Planet Reiseführer können Sie direkt bei uns bestellen:


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Ozeanien

 

Außerdem sehr empfehlenswert aus dem Lonely Planet Verlag:


 

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