Der Poetry Slam und die drei magischen P‘s

 

Mann schreibt Text für Poetry SlamDer Poetry Slam ist die Königsdisziplin unter den Sprachspielereien, die hohe Kunst der Wortjonglage. Wolfgang Hogekamp von „spokenwordberlin“ hat es ein bisschen anders ausgedrückt, bringt aber das Wesen des Poetry Slams damit noch besser auf den Punkt: „Slam ist Vision, Slam ist Wahrheit, Slam ist Literatur, Slam ist Party. Ein Slam kann dein Leben verändern.“ Im Poetry Slam kommt der Wortkünstler sich selbst und seinem Wesen auf die Spur und findet Worte und Formulierungen, die das Wesen der Dinge erreichen und nicht nur an der Oberfläche kratzen. „Sprache ist immer das direkteste Mittel, um sich über sich selbst klar zu werden“, schwärmte deshalb der Stuttgarter Poetry Slammer Timo Brunke. Doch was genau ist Poetry Slam eigentlich?

 

„Poetry Slam ist ein Wettstreit der Bühnendichter, der Mitte der achtziger Jahre erfunden wurde, um das Interesse an Lesungen wiederzubeleben. Inzwischen hat sich Poetry Slam international als Kunstform durchgesetzt, die für ihre Interaktion mit dem Publikum und künstlerische Spitzenleistungen bekannt ist“, fasst „Slampapi“ Marc Smith, Dichter und Begründer des weltweit ersten Poetry Slams in Chicago 1986, das Konzept zusammen. Das heißt nichts anderes, als dass die Dichter innerhalb einer bestimmten Zeit ihre selbstgeschriebenen Texte auf der Bühne präsentieren und das Publikum am Ende über den besten Text abstimmt. Die einzigen Regeln dabei: „Die Texte müssen selbstgeschrieben sein, der Dichter darf keine Requisiten, Kostüme oder Musikinstrumente verwenden, und wenn der Poet das Zeitlimit überschreitet […], droht ihm Punkteverlust.“

 

Die wichtigsten Regeln beim Poetry Slam

 

Das klingt erst mal gar nicht so schwer, doch sich mit einem selbstgeschriebenen Text auf die Bühne zu stellen und ihn aus vollem Herzen dar zu bieten, erfordert neben einer sicheren und ansprechenden Schreibe auch eine gehörige Portion Selbstbewusstsein, Mut und Leidenschaft. Deutschland verfügt, nach den USA, inzwischen über die zweitgrößte Poetry-Slam-Szene der Welt. Die Konkurrenz auf den Slam-Bühnen des Landes ist also groß. Da kommen ein paar Tipps und Tricks genau richtig, wenn man sich dem Dichterwettstreit stellen möchte. Der wichtigste Teil des Auftritts beginnt dabei lange vor der eigentlichen Performance – und zwar mit dem Schreiben des Textes. Und zwar nicht irgendeines Textes, sondern eines Textes, der das Publikum begeistert, es geradezu umhaut und sich von den anderen abhebt. Für den Poetry Slam spielen drei magische „P“s eine Rolle und keins davon darf man beim Schreiben vernachlässigen: Poetry, Performer und Publikum.

 

Die besten Poetry Slam Texte gibt es hier:

 

Die Aufgabe des Performers ist es, immer wieder Anknüpfungspunkte zwischen dem Text (Poetry) und dem Publikum zu schaffen, sonst funktioniert der Poetry Slam nicht. Das Publikum muss dem Text folgen, ihn nachvollziehen und sich mit ihm identifizieren können. Schlägt das fehl, funktioniert der Text nicht und ein anderer Text holt sich den Sieg. Ein guter Poetry Slammer schreibt deshalb einen Text, der das Publikum thematisch da abholt, wo es steht, der Gedanken aufgreift, die es nachvollziehen kann, oder sich mit dem aktuellen Zeitgeschehen beschäftigt – um dieses Thema dann zu poetisieren. Das kann heißen, dass er eine reale Situation ins Absurde überspitzt, dass er sie parodiert oder weiterdenkt. Dann nämlich beherzigt der Text die wichtigste ungeschriebene Regel des Poetry Slams: nicht langweilig, nicht alltäglich sein. Radikal, überraschend, schockierend, verstörend, authentisch, originell, emotional – das sind Eigenschaften eines guten Poetry Slam-Textes.

 

Einen guten Text für den Poetry Slam schreiben

 

Zum Glück gibt es Techniken und Tricks, mit denen es leichter wird, diesen hohen  Anforderungen gerecht zu werden. Für die Themenfindung kann man sich einiger Hilfestellungen bedienen. Petra Anders schlägt in ihrem Buch „Poetry Slam. Live-Poeten in Dichterschlachten. Ein Arbeitsbuch“ ein Brainstorming vor und fordert die angehenden Dichter auf, einfach alles aufzuschreiben, was ihnen aktuell so durch den Kopf geht. Dann werden die Begriffe daraufhin untersucht, ob sie den Poetry Slammer inspirieren oder ob sie gerade aktuell und wichtig sind und daher einen guten Anknüpfungspunkt für das Publikum bieten. Politisches Zeitgeschehen oder tagesaktuelle Ereignisse eignen sich hierfür besonders gut. Doch sie sind lediglich der Ausgangspunkt. Nun ist es am Dichter, sie so weiterzuentwickeln, dass sie für das Publikum und den Performer eine Relevanz entwickeln. Schlägt das Brainstorming fehl, gibt es eine Reihe von Fragen, die man sich vor einem Poetry Slam zur Themenfindung stellen kann oder Szenarien, die die Inspiration wecken: Wähle einen Gegenstand und erzähle die Geschichte aus seiner Perspektive (z.B. Blumentopf), versetze dich in deine Oma hinein und schreibe einen Rap-Song aus ihrer Sicht darüber, wähle die absurdeste Möglichkeit, einen kleinen Fehler zu erklären und erfinde eine Geschichte dazu (z.B. Hausaufgaben auf dem Mond). Wer ehrlich mit sich selbst ist, findet außerdem Dinge, über die er sich in letzter Zeit geärgert hat, die ihn besonders gefreut haben oder die er immer schon mal sagen wollte. Nun ist die beste Gelegenheit dazu. Das macht die Texte nicht nur relevant, sondern auch einzigartig und individuell.

 

Mikrofon beim Poetry SlamIst das Thema gefunden, geht es ans eigentliche Schreiben. Hierfür braucht es ein gewisses Sprachgefühl. Der Klang ist wichtig. Reimen nicht um des Reimens wegen, sondern weil es passt. Erzwungene Wortspiele und Reime funktionieren in der Regel nicht. Authentizität ist das Zauberwort beim Poetry Slam, oder, wie es Bas Böttcher, Rap-Poet aus Berlin, formuliert: „Verwende deine eigene Sprache! Schreibe nichts, was du nicht auch sagen würdest.“ Das Publikum merkt, wenn der Performer nicht authentisch ist und vorgibt, jemand zu sein, der er nicht ist. Deshalb ist es wichtig, dass er vollkommen hinter seinem Text steht, so lange an ihm gefeilt hat, bis er vollends überzeugt ist und sich nicht verunsichern lässt. Das Feilen umfasst aber noch mehr: Hier geht es auch darum, Überflüssiges zu streichen, auf den Punkt zu kommen und gleichermaßen kunstvoll und zielgerichtet auf die Pointe zuzusteuern. Der vorgegebene Zeitrahmen lässt keinen Raum für lange Einleitungen, kunstvolle, aber zwecklose Ausschmückungen und blumige Beschreibungen. Gute Texte beim Poetry Slam sind knackig und voller Dynamit. Der Funken folgt der Zündschnur gradlinig und unbeirrbar und lässt das Ganze dann in einer feurigen Pointe hochgehen. Damit das auch tatsächlich klappt, ist es wichtig, den Text vor der eigentlichen Performance zu lesen, zu lesen und zu lesen. Er darf ruhig inklusive Mimik und Gestik einstudiert werden, denn es ist die Präsentation als Ganzes und nicht nur der Text allein, die das Publikum überzeugt.

 

Es ist ganz klar, das vor dem ersten Poetry Slam viele Texte für den Papierkorb geschrieben werden. Das geht auch den Besten so. Marc-Uwe Kling kann davon sicher ebenso ein Lied singen wie Bas Böttcher, Michael Lentz oder Wehwalt Koslovsky, die zu den Gründervätern des Deutschen Poetry Slams gehören. Doch irgendwann ist der Text fertig. Dann braucht es Mut und Selbstbewusstsein, auf die Bühne hinaus zu treten und ihn der Welt zu präsentieren. Am besten fängt man klein damit an. In vielen Städten werden (z.B. im Rahmen der Berliner Lesebühnen) sogenannte Open Mics angeboten, bei denen jeder Texte vortragen kann. Das ist perfekte Gelegenheit zum Üben, bevor man sich dann seinem ersten richtigen Poetry Slam stellt. Wir wünschen allen, die sich trauen, viel Mut und viel Erfolg!

 

Inspiration und Hinweise für den ersten eigenen Poetry Slam gibt es hier:

 


Julia Engelmann gehört zu den Shooting-Stars der Poetry Slam Szene. "Eines Tages, Baby: Poetry-Slam-Texte" ist ihr erstes Buch mit gesammelten Texten. Hier und in Patrick Salmens "Ich habe eine Axt - Urlaub in den Misantropen" finden neue Poetry Slamer Inspiration für ihre eigenen Texte.

 

Oder dürfen es vielleicht klassische Gedichte sein?

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