Deutsche Literatur: Die Erben von Goethe & Co.

 

Die deutsche Literatur galt in der Literaturgeschichte lange Zeit als die Krone der Kunst in Europa: Mit Goethe, Schiller und Co. war das Land der Dichter und Denker auf dem Höhepunkt des künstlerisch literarischen Schaffens angelangt und prägte die Entwicklung der westlichen Literatur nachhaltig. In Europa genoss die deutsche Literatur über Jahrhunderte hinweg und epochenübergreifend besonderes Ansehen: angefangen bei den höfischen Dichtern des Mittelalters - Wolfram Eschenbach und Walther von der Vogelweide - über die humanistischen Autoren der Renaissance, zu denen Hans Sachs und Martin Luther gezählt werden müssen, über Martin Opitz und Hans Jakob Christoffel von Grimmelshausen, die die Epoche des Barock prägten, bis hin zu den großen Aufklärern Gottfried Wilhelm Leibnitz, Klopstock, Kleist, Lessing und Wieland.

 

Lesen Sie in diesen Büchern mehr über die deutsche Literatur:

 

Wie die deutsche Literatur Geschichte schrieb

 

Dann brach die Zeit Goethes an, dessen literarisches Schaffen mehrere Literaturepochen umfasste und der der deutschen Literatur zu ewigem Ruhm verhelfen sollte. Sein Briefroman „Die Leiden des jungen Werther“ wurde zum Inbegriff des Sturm und Drang und inspirierte junge Autoren weit über die Grenzen Deutschlands hinaus, ihren Gefühlen freien Lauf zu lassen. Der Genie-Gedanke, der diese Epoche bestimmte, fand seine Personifizierung in der deutschen Literatur: in Johann Wolfgang von Goethe. Unter Goethes Führung wandelte sich die deutsche Literatur kurz darauf dramatisch: Die Weimarer Klassik gilt als DIE deutsche Literaturepoche schlechthin und noch heute sind die Werke dieser Zeit – geschrieben von Goethe, Schiller, Wieland und Herder – anerkannte Klassiker der Weltliteratur, die global repräsentieren, was deutsche Literatur ist. Was William Shakespeare für die englische Literatur war – und immer bleiben wird – sind Goethe und Schiller für die Literatur aus Deutschland. Auch in der Literaturepoche der Romantik blieb Goethe die vorherrschende Stimme. Neben ihm schufen aber auch Friedrich Schlegel, Novalis, Achim von Arnim und Clemens Brentano unvergessliche Werke. Die Romantik fand ihren Höhepunkt in der Sammlung der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm und in den dunklen Märchen von E.T.A. Hoffmann. Auch hier war die deutsche Literatur weltweit wieder tonangebend.

 

 

Anfang des 19. Jahrhunderts prägten Franz Grillparzer, Heinrich Heine und Georg Büchner das Bild der deutschen Literatur. Ihnen folgten Theodor Fontane und Gottfried Keller im Poetischen Realismus in der Literatur, Arno Holz, Frank Wedekind und Gerhard Hauptmann, die bedeutendsten Vertreter des Naturalismus, in der deutschen Literatur nach. Heinrich und Thomas Mann läuteten dann die Moderne ein, begleitet von Robert Musil, Franz Kafka und Hermann Hesse – große Namen, die man bis heute in aller Welt kennt. Das frühe 20. Jahrhundert war geprägt von Expressionismus und Neuer Sachlichkeit, von deutschen Autoren wie Else Lasker-Schüler, Alfred Döblin, Erich Kästner, Anna Seghers, Erich Maria Remarque und Arnold Zweig. Mitte der 1930er Jahre dann wandelte sich der Begriff – wenn auch vielleicht auch erst rückblickend, wissend, wie die Geschichte weiterging. Die deutsche Literatur wurde völkische Literatur, missbraucht für die Zwecke der Nationalsozialisten. In der Überhöhung deutscher Schriftsteller fanden Größenwahn und Allmachtsfantasien Ausdruck. Die Deutschen als vorherrschende Rasse – die Literatur sollte es beweisen. Zugleich sollten idyllische Heimatromane der Blut- und Bodenliteratur die Menschen beruhigen und ihnen eine heile Welt suggerieren, die es so nicht mehr gab. Kein Wunder, dass sich ein regelrechter Schwarzmarkt für die Bücher entwickelte, die auf dem Index standen. Die regimetreuen Schriftsteller dieser Zeit wollte schon damals niemand wirklich lesen und sie gerieten nach dem Ende des Nationalsozialismus sofort in Vergessenheit. Nach 1945 jedoch gelang der deutschen Literatur eine erstaunliche Rehabilitierung, die nicht zuletzt sicher auch den Exil-Schriftstellern geschuldet ist. Mit Günther Grass und der Gruppe 47 brachte die deutsche Literatur aus den Trümmern des Zweiten Weltkrieges wieder große Werke hervor.

 

Die modernen Erben der großen deutschen Literatur

Und heute? Wer sind die Erben der großen deutschen Literaten? Ohne zeitlichen Abstand ist das beinahe unmöglich zu sagen. Zumal es manchmal gar nicht so einfach ist, die deutschen Autoren in der Flut der amerikanischen Thriller und Schwedenkrimis auch nur auszumachen. Deutsche Literatur, die etwas auf sich hält, hält sich zumeist im Hintergrund, ist oft unscheinbar im Regal, ernst und schwere Kost. Sie arbeitet die deutsche Vergangenheit und Gegenwart auf, zeigt sich häufig ein bisschen gebückt unter der Last der historischen Schuld. Bernhard Schlink, der mit „Der Vorleser“ Erfolge feierte, ist einer dieser deutschen Autoren. Auch sein Roman „Sommerlügen“ kann sich von dieser Schwermut nicht befreien. Es ist aber eine Schwermut, die es vielleicht auch braucht, um literarisch zu verarbeiten, was in den vergangenen 100 Jahren in diesem Land geschehen ist. In der deutschen Literatur scheint es aus diesem Grund eine Art Sehnsucht nach dem Jahrhundertroman zu geben, die Sehnsucht nach einem Roman für unsere Zeit, der das für uns ist, was „Buddenbrooks“ von Thomas Mann Anfang des 20. Jahrhunderts für die deutsche Literatur war. Vielleicht eine Art literarische Absolution. Uwe Tellkamp und seinem Wenderoman „Der Turm“ wurde dies oft zugesprochen.

 

Andere Autoren, die die Größen der deutschen Literatur, Goethe und Schiller, beerben könnten, wären die großartige Juli Zeh, Uwe Timm, Patrick Süskind, Herta Müller, Ulrich Plenzdorf, Martin Mosebach, Daniel Kehlmann und deutschsprachige multikulturelle Autoren, wie Rafik Schami und Wladimir Kaminer, die gerade deshalb so einen bedeutenden Beitrag zur deutschen Literatur leisten können, weil sie den Facettenreichtum Deutschlands verkörpern und das Land gleichermaßen von innen und außen betrachten können. Darüber hinaus wartet die deutsche Literatur auch mit Autoren auf, die sich und das Leben nicht ganz so ernst nehmen, und die dennoch – oder gerade deshalb – großartige Werke der deutschen Gegenwartsliteratur geschaffen haben. Das sind zum Beispiel der Popliterat Benjamin von Stuckrad-Barre, der Comic-Zeichner und Schöpfer von Käpt’n Blaubär, Walter Moers, und Wolfgang Herrndorf, dessen Jugendroman „Tschick“ ein bisschen vom ungebändigten Geist des Sturm und Drang zurückbringt. Auch Wolfgang Eschenbach, Frank Schätzing, Wolfgang Hohlbein, Daniel Glattauer, Peter Prange, Kerstin Gier, David Safir, Ildikó von Kürthy, Martin Walser, Roger Willemsen und Ferdinand von Schirach dürfen natürlich nicht unerwähnt bleiben, wenn man über die deutsche Literatur der Gegenwart spricht. Sie alle stehen in einer langen Reihe großartiger Literaten, die die Weltliteratur geprägt haben – und drücken ihr noch immer ihren Stempel auf.

Der deutsche Literaturkritiker Hellmuth Karasek erstellte kurz vor seinem Tod eine Liste mit den 25 Büchern auf Deutsch, die seiner Meinung nach jeder gelesen haben sollte:

 

Diese Vertreter der deutschen und deutschsprachigen Literatur sollte man gelesen haben:

 

Die Epochen der deutschen Literatur im Überblick:


 

Lesen Sie mehr über die Literaturepochen und die Werke aus den einzelnen Epochen der deutschen Literatur.

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