Gebrüder Grimm – Die Väter der Germanistik

 

Denkmal für die Gebrüder Grimm in HanauDie Gebrüder Grimm, das waren Jacob (1785–1863) und Wilhelm Grimm (1786–1859), zwei Sprachwissenschaftler und Volkskundler, die mit ihrer Märchensammlung in die Literaturgeschichte eingingen. Ihre Kinder- und Hausmärchen, zu denen auch so weltberühmte Märchen wie Aschenputtel, Rapunzel und Rotkäppchen zählen, stehen heute in jedem Kinderzimmer und sind unverzichtbarer Bestandteil einer glücklichen, behüteten Kindheit. Das Vorlesen von Märchen hat eine lange Tradition und es ist erwiesen, dass Kinder, denen Märchen vorgelesen werden, im Durchschnitt später selbst besser lesen und schreiben können als Gleichaltrige, denen keine vorgelesen wurden. Darüber hinaus haben die Märchen der Gebrüder Grimm aber noch einen weiteren Bildungsaspekt. Als Sprachwissenschaftler verfolgten Jacob und Wilhelm Grimm beim Sammeln ihrer Märchen nämlich nicht vorrangig das Ziel der Unterhaltung. Mit ihren Forschungsarbeiten gelten sie als „Gründungsväter“ der Deutschen Philologie und Germanistik.

 

Das frühe Wirken der Gebrüder Grimm


Grimms Märchen von den Gebrüdern GrimmDoch wie kam es überhaupt dazu, dass sich die Gebrüder Grimm für Märchen zu interessieren begannen? Sie wuchsen in einem reformierten Elternhaus als Söhne des Pfarrers Friedrich Grimm auf. Für Wilhelm Grimm sah der Vater die gleiche geistliche Laufbahn vor, in der er nicht nur in die Fußstapfen seines Vaters, sondern auch in die seines Großvaters treten sollte. Doch nach dem Tod des Vaters besuchten die Brüder zunächst das Friedrichsgymnasium in Kassel und dann die Philipps-Universität in Marburg, an der beide im Abstand von einem Jahr das Studium der Rechtswissenschaften aufnahmen. Sie galten als sehr wissbegierige Studenten. Obwohl sie in ihrem Wesen sehr unterschiedlich waren – Jacob war eher der wegweisend voraus Stürmende und Wilhelm der gründlich Sorgfältige – ergänzten sie sich gut und teilten einen schier unstillbaren Wissensdurst und Schaffensdrang.

 

Das fiel auch ihrem Lehrer Friedrich Carl von Savigny auf, der den beiden seine Privatbibliothek zugänglich machte und damit zu ihrem ersten Förderer werden sollte. In seiner Bibliothek fanden die Gebrüder Grimm ersten Zugang zu den Werken der Romantik und des Minnesangs – eine Begegnung, die das weitere Leben der Brüder nachhaltig prägen sollte. Anstatt jedoch in romantischen Tagträumereien zu verharren und, wie viele ihrer Zeitgenossen, vom gotischen Mittelalter zu schwärmen, folgten die beiden Brüder dem Ansatz von Johann Gottfried Herder. Herder hatte sich bereits intensiv mit der Entwicklung der Dichtung der Völker beschäftigt und säte in Jacob und Wilhelm Grimm das Interesse an den Wurzeln der deutschsprachigen Literatur. Sagen, Urkunden und Gedichte waren die ersten Forschungsobjekte der Brüder Grimm. Da es zu diesem Thema bislang noch keine Forschungsstandards gab, kann man diese frühen Arbeiten der beiden Brüder als Grundlagen der heutigen Sprachforschung betrachten.

 

Zu den bekanntesten Märchen der Gebrüder Grimm zählen:

  • Aschenputtel
  • Das tapfere Schneiderlein
  • Der gestiefelte Kater
  • Die Prinzessin auf der Erbse
  • Die Sterntaler
  • Dornröschen
  • Frau Holle
  • Hänsel und Gretel
  • Hans im Glück
  • Rapunzel
  • Rotkäppchen
  • Schneeweißchen und Rosenrot
  • Schneewittchen

 

Die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm


Märchenbuch nach den Gebrüdern GrimmDer Auftrag, sich mit Märchen und Sagen zu beschäftigen, kam dann von zwei großen Geistern der Romantik, von Clemens Brentano und Achim von Arnim. Für diese nie dagewesene Leistung zogen die Brüder Grimm durch das Land und trugen zum überwiegenden Teil mündlich überlieferte Märchen zusammen, die sie dann mal mehr, mal weniger überarbeiteten. Ihnen ist eine gewisse sprachliche Einheitlichkeit und eine deutliche Schärfung der Aussage der Texte zu verdanken. Auf ihre Arbeit geht auch die heutige wissenschaftliche Disziplin der Märchenkunde zurück. Sie geht von dem Ansatz aus, dass allen Märchen eine Metaebene innewohnt, die bestimmte gesellschaftliche und psychologische Funktionen erfüllen soll. Die Gebrüder Grimm waren die ersten, die erkannten, dass allen Märchen eine feste Handlungsstruktur zu Grunde liegt und dass sie immer wieder die gleichen „archetypischen“ Akteure aufweisen. Auch die scharfe Trennung zwischen Gut und Böse war schon in der Forschungsarbeit der Gebrüder Grimm von großer Bedeutung. Heute verlegt sich die Märchenforschung stärker darauf, die Märchen unter Gesichtspunkten der Anthropologie, Oral History und Psychoanalyse zu untersuchen.

 

Die erste Ausgabe der „Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ erschien zu Weihnachten 1812. Noch zu Lebzeiten der Gebrüder erfuhr die große deutsche Ausgabe der Märchen sieben Auflagen, die kleine Ausgabe sogar zehn. Unterdessen wandten sich die Brüder jedoch weiteren Themen zu, etwa der Sammlung „Deutsche Sagen“, die jedoch deutlich weniger populär wurde als die Märchen, der „Deutschen Heldensage“ von Wilhelm Grimm und natürlich der „Deutschen Grammatik“. Sie gilt bis heute als Standardwerk, ist sie doch nicht nur eine trockene Beschreibung der zeitgenössischen Sprache zu Zeiten der Gebrüder Grimm, sondern ein umfassendes Werk, das sich lebendig und unterhaltsam der Entwicklung der deutschen Sprache widmet. Seine Absicht sei es gewesen, so Jacob Grimm, „ein historisches Leben mit allem Fluß freudiger Entwickelung in sie [zu] zaubern.“ Der zweite Band der „Grammatik“ von Jacob Grimm wandte sich dann den Gesetzmäßigkeiten des Lautwandels bei Vokalen und Konsonanten zu. Auf diesem bahnbrechenden Werk fußt heute die gesamte moderne Etymologie, die sich mit dem Ursprung von Wörtern und Wortbestandteilen beschäftigt.

 

Das vielseitige Spätwerk von Jacob und Wilhelm Grimm


Biographie der Brüder GrimmZur gleichen Zeit beschäftigte sich sein Bruder, Wilhelm Grimm, intensiv mit dem Thema Runen und veröffentlichte das Buch „Die deutsche Häldensage“, das er später als sein Hauptwerk bezeichnen sollte. Er arbeitete in Göttingen als Bibliothekar und wurde 1835 als Professor an die Universität berufen, an der sein Bruder bereits seit 1830 lehrte. Es waren recht fruchtbare Jahre, in denen Jacob „Reinhart (Reinecke) Fuchs“ und „Deutsche Mythologie“ beendete und hier vorchristliche Glaubensvorstellungen und Aberglauben klassischer Mythologie und christlichen Legenden gegenüberstellte. Während sich Wilhelm um die Neuauflagen der Kinder- und Hausmärchen kümmerte, widmete sich Jacob außerdem der Namenskunde. Gemeinsam arbeiteten sie außerdem an ihrem „Deutschen Wörterbuch“ und engagierten sich darüber hinaus politisch. Sie halfen mit, die Menschenrechte zu formulieren und wurden nach einer Streitschrift gegen einen Verfassungsbruch des Königs von Hannover von der Universität entlassen (Protest der „Göttinger Sieben“). Jacob verwies man sogar des Landes, sodass sich die Brüder in Kassel im Exil niederließen. Ein Glücksfall für die Literaturgeschichte, denn die Tatsache, dass sie ihre Anstellung in Göttingen verloren hatten, gab ihnen die Zeit, sich dem „Deutschen Wörterbuch“ zuzuwenden, das sie selbst eher als Entwicklungsgeschichte der Wörter von „von Luther bis Goethe“ betrachteten denn als klassisches Wörterbuch.

 

1840 holte der neue preußische König Friedrich Wilhelm IV. die Gebrüder Grimm als Mitglieder der Akademie der Wissenschaften nach Berlin. Hier verlebten sie noch einmal 20 produktive Jahre, in denen unter anderem ihre Akademieabhandlungen und die „Geschichte der deutschen Sprache“, ein erster Versuch Sprachgeschichte mit Sozialgeschichte zu verknüpfen, erschienen. Sie verstarben im Abstand von vier Jahren und wurden gemeinsam in Berlin-Schöneberg begraben.

 

Sie finden die meisten dieser Märchen und noch viele mehr in den wunderschön bebilderten Märchenbüchern, die in zahllosen Varianten erschienen sind und sich nach wie vor einer großen Beliebtheit erfreuen:

 

 

Die Märchen der Brüder Grimm wurden zahlreiche Male verfilmt. Hier können Sie DVDs mit den Grimms Märchen bestellen:


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